Ägyptische Ritualbilder aus der Jungsteinzeit entdeckt


Die rund 6000 Jahre alten Felsgravuren von Qubet el Hawa.

Copyright: David Sabel

Bonn (Deutschland) – In der nähe der altägyptischen Nekropole Assuan haben Bonner Archäologen Felsbilder aus dem vierten jahrtausend vor Christus entdeckt. Die Darstellungen stellen möglicherweise sie ein Bindeglied zwischen der Jungsteinzeit und der altägyptischen Kultur dar.

Wie das Team um den Altägyptologen Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Bonn berichtet, wurden die Zeichnungen in Form kleiner Punkte in den Fels graviert und zeigen Jagdszenen, wie sie auch in Schamanendarstellungen vorkommen.

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„Seit mehr als 100 Jahren ist Qubet el Hawa (deutsch: Hügel des Windes) ein Anziehungspunkt für die Archäologie“, erläutert die Pressemitteiling dr Universität und führt zum Fundort weiter aus: „Während zahlreicher Grabungskampagnen wurden auf dem Hügel in der Nähe von Assuan in Ägypten über 80 Felsengräber freigelegt. Die Geschichte dieser Nekropole der Provinzhauptstadt Elephantine reicht von etwa 2200 bis in das vierte Jahrhundert vor Christus. Es handelte sich um einen bedeutenden Handelsstützpunkt der Ägypter in Nubien, deren Eliten in den Felsengräbern bestattet wurden.“

Grafische Rekonstruktion der Felsgravuren.
Copyright: David Sabel

Bei den seit 2015 laufenden neuen Grabungen auf dem Qubet el Hawa wurden nun die noch viel älteren neolithische Felsbilder entdeckt, die laut den Archäologen eine „neue archäologische Dimension“ eröffnen: „Einige dieser Gravuren an der Felswand sind in Ikonographie und Stilistik deutlich ägyptisch, während andere in Darstellungsweise und Bildmotiven deutlich präägyptisch sind.“

Die einst mit einer harten Spitze in den Fels gepickten Bilder von erstaunlicher ikonografischer Bedeutung und sind heute kaum noch zu erkennen und traten nur durch die archäologisch genaue Aufnahme der Spuren und Zeichnungen der Umrisse zum Vorschein. Bei genauerer Betrachtung sind drei Gestalten erkennen: ein Jäger mit Bogen, ein tänzelnder Mann mit erhobenen Armen und zwischen ihnen ein Afrikanischer Strauß.

„Dabei zeigt der Bogenschütze deutlich die Jagd auf den großen Laufvogel, während der Mann mit den erhobenen Armen als ein Jagd-Tänzer gedeutet werden kann“, erläutert Morenz. Der Tänzer scheint zudem eine Vogelmaske.

Während die Szene an die Vorstellungswelt von Jagd, Masken und Schamanismus erinnert, wie sie aus vielen Erdteilen – unter anderem von der Straußenjagd des Stammes der San (der sog. Buschmänner) – bekannt ist, sind solche Jagd- und Tanzszenen in der Ägyptologie neu.

„In der Ägyptologie ist diese soziale Praxis und der damit verbundene Vorstellungskomplex noch kaum behandelt worden“, sagt Prof. Morenz. „Aus dem vierten Jahrtausend vor Christus stammen auch kleine bemalte Frauenfiguren mit tanzend erhobenen Armen und Vogelgesicht, und einige Tonmasken wurden vor einigen Jahren im oberägyptischen Hierakonpolis entdeckt. Diese Funde zeigen eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Felsenbildern von Qubet el Hawa.“

Aus diesem Grund sehen die Bonner Archäologen in den aktuellen Fund, für den die Forscher vom ägyptische Antikenminister Prof. Dr. Khaled El Enany kürzlich mit dem Preis für eine der aktuell zehn bedeutendsten archäologischen Entdeckungen in Ägypten ausgezeichnet wurden, auch ein mögliches Bindeglied zwischen dem vorderorientalischen und eventuell sogar südeuropäischen Neolithikum (der Jungsteinzeit) und der altägyptischen Kultur.

„Damit eröffnen sich neue Horizonte für die Forschung“, sagt Prof. Morenz abschließend. „Die Fundstücke müssten aber noch genauer untersucht werden. Die viel älteren Felsbilder haben offenbar nichts direkt mit der Nekropole zu tun und stehen wahrscheinlich mit einem prähistorischen Wegesystem in Verbindung, das ebenfalls intensiver erforscht werden soll.“

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