Neue Funde zeigen: Der Homo sapiens ist älter als gedacht


Die ersten unserer Art: Zwei Ansichten einer zusammengesetzten Rekonstruktion der frühesten bekannten Homo sapiens-Fossilien von Jebel Irhoud (Marokko) basierend auf modernster Computertomografie (micro-CT) mehrerer Originalfossilien. Vor 300.000 Jahren hatten diese frühen Homo sapiens bereits einen modernen Gesichtsschädel, der in die Variation von heute lebenden Menschen fällt. Allerdings zeigt der archaisch aussehende Gehirnschädel (blau), dass sich die Gehirnform und möglicherweise die Gehirnfunktion noch innerhalb der Homo sapiens-Linie entwickelt haben.

Copyright: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig (License: CC-BY-SA 2.0)

Leipzig (Deutschland) – In Marokko haben Anthropologen die bislang ältesten Fossilien und Steinwerkzeuge moderner Menschen der Art Homo sapiens entdeckt. Die Fossilien sind rund 100.000 Jahre älter als die ältesten bislang bekannten Funde dieser Art in Äthiopien und dokumentieren, dass bereits vor zirka 300.000 Jahren wichtige Veränderungen im Aussehen und Verhalten des modernen Menschen in ganz Afrika stattgefunden haben.

Wie das internationale Forscherteam unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Abdelouaded Ben-Ncer vom marokkanischenNationalen Institut für Archäologie (INSAP) aktuell in zwei Artikeln im Fachjournal „Nature“ (DOI: 10.1038/nature22336 u. 10.1038/nature22335) berichten, gelangen die Funde, die eine komplexe Evolution des modernen Menschen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent belegen, bei Ausgrabungen im marokkanischen Jebel Irhoud.

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„Sowohl genetische Daten heute lebender Menschen als auch Fossilien weisen auf einen afrikanischen Ursprung unserer Art hin“, erläutern die Forscher und führen dazu weiter aus: „Die ältesten bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien stammen aus Äthiopien: Die Fundstelle Omo Kibish ist 195.000 Jahre alt, Herto wird auf 160.000 Jahre datiert. Die meisten Forscher gingen deshalb davon aus, dass alle heute lebenden Menschen von einer Population abstammen, die vor etwa 200.000 Jahren in Ostafrika lebte.“

Bis zu den neusten Funden in Marokko wurde die sog. Wiege der (modernen) Menschheit demnach also vor etwa 200.000 Jahren irgendwo in Ostafrika verortet. Die neuen Daten zeigen nun jedoch, „dass sich Homo sapiens bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten Kontinent ausgebreitet hat. Lange bevor der moderne Mensch Afrika verließ, hat er sich bereits innerhalb Afrikas ausgebreitet“, so Hublin.

Während in Jebel Irhoud schon seit den 1960er Jahren menschliche Fossilien und Steinwerkzeuge gefunden wurden, wurde deren Interpretation durch eine unsichere Datierung bislang erschwert. „Neue Ausgrabungen seit dem Jahr 2004 führten zur Entdeckung weiterer Skelett-Reste des Homo sapiens (die Anzahl der Fossilien wuchs so von ursprünglich sechs auf 22 an)“, erläutert die Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft.

Zu den nun beschriebenen Funden zählen versteinerte menschliche Überreste von Schädeln, Unterkiefern, Zähnen, und Langknochen, die mindestens fünf Individuen zugeordnet werden konnten und eine frühe Phase der menschlichen Evolution dokumentieren.

Die in Jebel Irhoud gefundenen Knochen belegen einen modernen Gesichtsschädel und eine moderne Form der Zähne, und einen großen aber archaisch anmutenden Gehirnschädel und weisen damit Merkmale heute lebender moderner Menschen auf, wie sie uns von unseren fossilen Vorfahren und Verwandten unterscheiden: ein kleines Gesicht und einen runden Gehirnschädel.

Allerdings ist die Gestalt des Gehirnschädels der Jebel Irhoud-Fossilien noch eher länglich und nicht rund wie bei heute lebenden Menschen: „Die Gestalt des inneren Gehirnschädels spiegelt die Gestalt des Gehirns wider“, erklärt der Max-Planck-Paläoanthropologe Philipp Gunz „Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat. Die Evolution der Form, und möglicherweise auch der Funktion des Gehirns fand allerdings innerhalb Homo sapiens statt“.

Vergleicht man die DNA heute lebender Menschen mit der DNA von Neandertalern und Denisova-Menschen, zeigen sich Unterschiede in Genen, die das Gehirn und das Nervensystem beeinflussen, erläutern die Wissenschaftler: „Evolutionäre Veränderungen der Gehirngestalt stehen daher vermutlich im Zusammenhang mit genetischen Veränderungen der Organisation, Vernetzung und Entwicklung des Gehirns, die den Homo sapiens von unseren ausgestorbenen Vorfahren und Verwandten unterscheiden.“

Gestalt und Alter der jetzt publizierten Fossilien bestätigen auch die Interpretation eines bis jetzt rätselhaften Schädelfragments aus Florisbad in Südafrika, als frühen Vertreter des Homo sapiens. Für die Forscher sind die Jebel-Irhoud-Fossilien „die derzeit besten Belege für die frühe Phase der Evolution des Homo sapiens in Afrika“. Die ältesten Homo sapiens-Fossilien finden sich somit über den gesamten afrikanischen Kontinent verteilt: Jebel Irhoud, Marokko (300.000 Jahre), Florisbad, Südafrika (260.000 Jahre) und Omo Kibish, Äthiopien (195.000 Jahre).

Steinwerkzeuge aus der Mittleren Steinzeit aus Jebel Irhoud: Spitzformen wie a-i sind üblich. Ebenfalls charakteristisch sind die Kernsteine, die mittels Levalloistechnik präpariert wurden (j-k).
Copyright: Mohammed Kamal, MPI EVA Leipzig (License: CC-BY-SA 2.0)

Für die Autoren der beiden Fachartikel deutet dies auf frühe Wanderungsbewegungen innerhalb Afrikas und eine komplexe Evolution unserer Spezies auf dem ganzen afrikanischen Kontinent hin: „Nordafrika ist lange Zeit in der Debatte um den Ursprung unserer Spezies vernachlässigt worden. Die spektakulären Entdeckungen von Jebel Irhoud zeigen die engen Verbindungen des Maghreb mit dem Rest des afrikanischen Kontinents zum Zeitpunkt der Entstehung von Homo sapiens“, sagt Ben-Ncer.

Gemeinsam mit den menschlichen Knochen fanden die Wissenschaftler auch Knochen von gejagten Tieren (vornehmlich von Gazellen) und Steinwerkzeuge aus der Epoche der Afrikanischen Mittleren Steinzeit: „Die Steinwerkzeuge aus Jebel Irhoud sind vergleichbar mit Fundstellen in Ostafrika und Südafrika“, erklärt Archäologe Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut in Leipzig und führt dazu weiter aus: „Wahrscheinlich hängt die technologische Entwicklung der Afrikanischen Mittleren Steinzeit mit der Entstehung des Homo sapiens zusammen.“

Somit werfen die neuen Funde von Jebel Irhoud ein neues Licht auf die Evolution von Homo sapiens, welche früher begann als ursprünglich angenommen wurde, bemerkn die Autoren abschließend: „Die Ausbreitung des Homo sapiens vor 300.000 Jahren in ganz Afrika ist das Resultat einer Veränderung der menschlichen Biologie und des Verhaltens.“

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