Literarische Vorahnung? Heinz G. Konsalik und das Olympia-Attentat vom 5. September 1972


Symbolbild: Blick aus dem Olympiastadion.

Copyright: Dave Morris (via Wikimedia Commons), CC BY 2.0

Der 1921 in Köln geborene und 1999 in Salzburg verstorbene Heinz G. Konsalik zählte zu den populärsten deutschen Schriftstellern. Im Laufe seines Lebens verfasste er rund 160 Romane, die den 2. Weltkrieg, die jüngere Geschichte sowie Arzt- und Familienschicksale behandeln. Anfang 1972 erschien sein Buch „Die Drohung“ über ein geplantes, aber dann nicht ausgeführtes Attentat auf die Olympischen Spiele in München. Es kann teilweise als Präkognition des tatsächlichen Olympia-Anschlages vor 45 Jahren angesehen werden.

– Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Ralf Bülow

In der Geschichte der Weltliteratur finden wir manchmal Schilderungen von Ereignissen, die sich nach Erscheinen des betreffenden Textes in ähnlicher Form wirklich zutrugen. So schuf der Amerikaner Morgan Robertson 1898 eine Erzählung über ein Passagierschiff „Titan“, das im Nordatlantik mit einem Eisberg kollidiert und sinkt. Die Parallelen zum Untergang der „Titanic“ 14 Jahre später sind offenkundig. Ein anderes Beispiel ist der Roman „The Running Man“, den der Autor Stephen King 1982 unter dem Pseudonym Richard Bachman erstellte; der deutsche Titel lautete „Menschenjagd“. Der Held des Romans lenkt am Ende einen Jumbo-Jet in selbstmörderischer Absicht auf einen Wolkenkratzer.

Foto des Buches „Die Drohung“
Copyright: Ralf Bülow

Die Parapsychologie kennt unterschiedliche außersinnliche Wahrnehmungen, vor allem die „großen Drei“ Telepathie, Hellsehen und Präkognition. Telepathie ist das Lesen oder Empfangen fremder Gedanken und Hellsehen das Erkennen von nicht zugänglichen Objekten oder Zuständen. Präkognition ist die Schau von zukünftigen Ereignissen und seit alters her als Prophetie und als Orakel bekannt. Während ein Prophet aber willentlich vorausschaut, liegt bei unseren literarischen Beispielen eine unbewusste Präkognition vor. Mehrere Jahre nach den fiktiven Vorgängen zeigt sich plötzlich, dass diese die Realität ganz oder teilweise vorwegnahmen. Bei der der nun folgenden dritten Geschichte könnte der Autor aber etwas geahnt haben…

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Vermutlich im ersten Quartal des Jahres 1972 erschien auf dem westdeutschen Buchmarkt „Die Drohung“, ein 318 Seiten starker Roman von Heinz G. Konsalik. Der damals 50 Jahre alte Konsalik, der als Heinz Günther zur Welt kam, zählte neben Hans Helmut Kirst und Johannes Mario Simmel zu den bekanntesten Erfolgsautoren seiner Zeit. „Die Drohung“ war jedoch kein typischer Konsalik-Roman. Er spielte weder in der Tundra noch in der Taiga, auch nicht in einer Arztpraxis oder in heißen Tropennächten. Er war eine Art Politthriller mit Science-Fiction-Touch und hatte, was gleichfalls ungewöhnlich war, ein Vorwort bzw. „Ein notwendige Vorbemerkung, die man nicht übersehen sollte“:

Autor und Verlag haben lange überlegt, ob sie dieses Buch schreiben beziehungsweise herausgeben sollten. Auch wenn es kein Tatsachenbericht, sondern – aus der Phantasie geboren – „nur“ ein Roman ist, zeigt es doch eine keineswegs phantastische, ebenso grandiose wie schreckliche Möglichkeit auf. […] Und so ist dieser Roman geschrieben und veröffentlicht worden, um zu zeigen, auf welch dünner Schicht von Sicherheit wir alle leben. Er soll keine Panik erzeugen, sondern zum Nachdenken anregen […] Es gibt heute nichts mehr, was nicht möglich wäre – auch das Geschehen dieses Romans kann morgen bereits Wirklichkeit sein.

Die Handlung des Romans wollen wir nur skizzieren. „Die Drohung“ des Titels kommt von einem Herrn Dr. Hassler, einem deutschen Psychopathen mit typischer Konsalik-Biographie. Im 2. Weltkrieg kämpft er an der Ostfront, wird von den Russen gefangen und nach Sibirien verfrachtet. Er kann aus dem Gefangenenlager fliehen und erreicht das mit Deutschland verbündete Japan. Hier lebt er in der Nähe von Hiroshima und lernt die junge Suzuki kennen und lieben. Sie stirbt 1945 beim Abwurf der Atombombe. Dr. Hassler ist seitdem untröstlich.

1969 beginnt der Bau des Münchner Olympiastadions, und das bringt ihn auf eine Idee. Er kontaktiert einen New Yorker Mafia-Boss, und der klaut eine Ladung Plutonium. Daraus werden zwei Atomsprengsätze mit ferngesteuerten Zündern gebastelt. Bauarbeiter, die mit der Mafia kooperieren, verbuddeln sie unter dem Olympiagelände. Am 1. April 1972 wird dann besagte Drohung publik: Wenn das Nationale Olympische Komitee nicht zehn Millionen Dollar zahlt, werden die Sprengsätze bei der Eröffnungsfeier am 26. August gezündet.

Mastermind Hassler hat es natürlich nicht auf das Geld abgesehen, sondern auf den Impulsgeber für die Zünder. Er will in jedem Fall die Atomexplosion, denn damit kann er sich an der Welt für die ihm zugefügten Untaten rächen. Eine Seite vor Schluss stellt sich aber heraus, dass unter dem Stadion gar keine Atombomben versteckt sind. Die Mafia hatte die Konstruktion nicht in den Griff gekriegt und anschließend ihren deutschen Partner belogen. Als Dr. Hassler das merkt, bleibt ihm nur eines: „Und er weinte hinter seiner großen, dunklen Sonnenbrille.“ Womit der Roman endet.

Am 26. August 1972 flog also nicht München in die Luft. Dafür stürmten zehn Tage später acht Mitglieder der palästinensischen Kampfgruppe Schwarzer September das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympiadorf. Zwei Israelis starben in den ersten Stunden, neun wurden von den Terroristen zum Flugplatz Fürstenfeldbruck verschleppt. Im Feuergefecht mit den dort wartenden Polizisten starben die Geiseln sowie fünf Palästinenser und ein Polizist. Die drei Überlebenden des Schwarzen Septembers wurden inhaftiert, doch Ende Oktober 1972 durch die Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepresst. Zwei von ihnen tötete später eine Spezialeinheit des israelischen Geheimdienstes.

Soweit die literarischen und historischen Fakten. Man sieht, dass die Aktionen im Buch nicht exakt so ablaufen wie das Olympia-Attentat vom 5. September 1972. „Die Drohung“ erwähnt auch mit keinem Wort den Nahost-Konflikt. Dennoch regt, um das Vorwort zu zitieren, die Parallelität zum Nachdenken an. In beiden Fällen geht es um einen Anschlag auf die Münchner Olympiade, und es drängt sich der Gedanke an eine zumindest partielle Präkognition auf. Palästinensische Kämpfer und ein von ihnen entführtes Flugzeug finden wir übrigens schon 1971 in Konsaliks Roman „Der Wüstendoktor“. Es ist deshalb verständlich, wenn der Autor das Terrorismus-Thema 1972 anders darstellte.

Hintergrund:
Weitere Fälle von Präkognition in Literatur und Fernsehen

2. Jahrhundert n. Chr. In der Weltraumerzählung „Wahre Geschichte“ skizziert Lukian von Samosata ein Spiegelteleskop – auf dem Mond.
1555 Michel de Nostredame alias Nostradamus liefert in seinen gereimten „Prophetien“ eine Fülle von Vorahnungen, die bis heute diskutiert werden.
1726 Im „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift kennen die Bewohner der fliegenden Insel Laputa zwei Marsmonde mit Umlaufzeiten ähnlich denen der realen Monde Deimos und Phobos.
1898 Morgan Robertson schildert in seiner Erzählung „Futility“ den Untergang des Schnelldampfers „Titan“ nach der Kollision mit einem Eisberg.
1914 Der Roman „Befreite Welt“ von H. G. Wells handelt von einem globalen Krieg mit Einsatz von Atombomben.
1922 Werner Grassegger beschreibt 1922 in der Utopie „Der zweite Weltkrieg“ genau diesen. Er beginnt in den 1930er Jahren mit dem Anschluss Österreichs und dem Sieg Deutschlands über Frankreich.
1933 In „The Shape of Things to Come“ von H. G. Wells entsteht der Krieg aus dem deutsch-polnischen Streit über den sog. Polnischen Korridor. Beim Datum irrte sich Wells nur um 4 Monate – Januar 1940 statt September 1939.
1938 J. B. Priestley nimmt im Roman „Das jüngste Gericht“ die Entwicklung der amerikanische Atombombe in einem Geheimlabor in der Wüste vorweg.
1940 Die US-Illustrierte „Liberty“ bringt den Kriegsroman „Lightning in the Night“ von Fred Allhoff. Darin bombardieren japanische und russische Flugzeuge 1945 Pearl Harbour.
1958 In der amerikanischen Fernsehserie „Trackdown“ tritt ein Betrüger namens Trump auf, der eine Mauer um einen Ort im Wilden Westen bauen will.
1966 Das ARD-Fernsehspiel „Der deutsche Bund“ malt die Annäherung von BRD und DDR und den Beginn der Wiedervereinigung 1976 aus. Ein paar Jahre vorher wird schon die Berliner Mauer abgebaut.
1982 Stephen Kings Thriller „Menschenjagd“ endet mit der Zerstörung eines Wolkenkratzers durch einen Selbstmord-Piloten.
4. März 2001 In der ersten Folge der amerikanischen TV-Serie „The Lone Gunmen“ verfehlt ein ferngesteuerter Jumbo Jet um Haaresbreite das World Trade Center. In der deutschen Version „Die einsamen Schützen“ wurden alle Einstellungen mit den Hochhäusern entfernt.

Noch zwei Hinweise: Auf die selbstgemachten Plutonium-Sprengsätze kam Konsalik nicht von alleine, sondern durch den amerikanischen Physiker Theodore B. Taylor, der im Roman auch genannt wird. Taylor lebte von 1925 bis 2004 und war ein Meister im Entwickeln immer kleinerer Atombomben. In den Sechzigern schloß er sich der Abrüstungsbewegung an. Konsaliks Quelle haben wir nicht gefunden, doch Ende 1971 hielt Taylor einen Vortrag in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Das „Ottawa Journal“ berichtete darüber am 29. Dezember 1971 mit der Schlagzeile „Nuclear Blackmail – Terrorist groups could make own A-bombs, says scientist“.

Der zweite Hinweis bezieht sich auf die andere Prophetie unseres Romans – jawohl, es gibt derer zwei. Auf Seite 89 stehen folgende Sätze: „Die Baulobby knobelte schon an neuen Projekten, die man Regierungsstellen unterjubeln konnte. Vielleicht eine Weltausstellung in Deutschland? Was Brüssel und Tokio [gemeint ist Osaka, der Ort der EXPO 1970, R. B.] können, können wir doch auch!“ Vielleicht war der eine oder andere Leser im Sommer 2000 auf dem Messegelände in Hannover, wo die damalige Weltausstellung stattfand. Und da sage einer, es gäbe keine Präkognition!

© Ralf Bülow

Über den Autor
Ralf Bülow, geboren 1953, studierte Informatik, Mathematik und Philosophie an der Universität Bonn. Er ist Diplom-Informatiker und promovierte in mathematischer Logik. Von 2009 bis 2011 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Kultur- und Wissenschafts-kommunikation der FH Kiel. Während der 1980er Jahre arbeitete Ralf Bülow am Deutschen Museum und dessen Forschungsinstitut in München, zu Anfang der 1990er Jahre als Wissenschafts- und Technik-Journalist. Seit 1996 war er an zahlreichen Ausstellungen zu den Themen Computer, Weltraumfahrt, Astronomie und Physik beteiligt, darunter an „Einstein begreifen“ des Technoseum Mannheim. 2014 wirkte er bei einem Projekt für ein Spionage- und Geheimdienstmuseum in Berlin mit.