Fakten, Glauben und Identität: Psychologen ergründen wissenschaftskritisches Denken

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Eugene (USA) – Psychologen haben die kognitiven Prozesse von Ideologien und Verschwörungsgläubigkeit untersucht, die selbst bei gebildeten Menschen zu einer kritischen und skeptischen Einstellung gegenüber naturwissenschaftlichem Denken und damit verbundenen Erkenntnissen führen.

„Ein bemerkenswertes Merkmal vieler wissenschaftskritischer Menschen ist jenes, dass gerade diese Personengruppe nicht weniger gebildet oder an Wissenschaft interessiert ist, als andere“, erläutert Matthew Hornsey von der University of Queensland. „Das Problem ist also nicht jenes, dass diese Menschen keinen ordentlichen Zugang zu den Grundinformationen haben, sondern ob und wie ausgewogen sie diese Informationen verarbeiten.“

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Besagte Personengruppe denke dabei oft „wie Anwälte“ („thinking like a lawyer“), erläutert Hornsey gemeinsam mit Troy Campbell von der University of Queensland, Robbie Sutton von der University of Kent und Dan Kahan von der Yale University, die ihre Ergebnisse auf dem Jahrestreffen der Society for Personality and Social Psychology (SPSP) und in einer kommenden Ausgabe des Fachjournals „American Psychologist“ veröffentlichen. „Hierbei werden nur bestimmte Teile der Information wahrgenommen, um so zu Schlussfolgrungen zu gelangen, wie sie die entsprechenden Personen als Wahrheit erwarten.“

Auf diese Weise würden sich besagte Personen sehr leicht vom Gesamtbild der Faktenlage entfernen und stark selektieren, um so unterschiedliche Glaubensgebäude aufrecht zu erhalten. Hierbei könne es sich sowohl um religiöse, politische wie auch ganz einfache persönliche Glaubensansätze handeln, „wie etwa der, dass der selbst gewählte Internetbrowser doch der beste sei.“

Zum Thema

Sich lediglich auf ‚Beweise‘ und ‚Daten‘ zu berufen, ändere dabei meist nicht die Ansicht eines Wissenschaftskritikers über ein bestimmtes Thema – ganz gleich ob es sich um Fragen zum Klimawandels, genetische Manipulationen oder die Impfdiskussion gehe, so die Forscher weiter: „Menschen nutzen Wissenschaft und Fakten gehäuft dann, wenn es darum geht, entweder die eigene Meinung zu unterstützen oder aber die von anderen herunter zu spielen. Besonders, wenn es um (obig genannte) gesellschaftliche Risikothemen geht.“

Die Wissenschaftler kommen anhand ihrer Untersuchung zu der Schlussfolgerung, dass Menschen Fakten immer dann als eher relevant einstufen, wenn diese Fakten auch ihre eigene Meinung untermauern“ so Campbell und führt weiter aus: „Sprechen Fakten aber gegen die eigene Meinung, so werden diese zwar nicht immer grundsätzlich verneint, jedoch meist als weniger relevant bewertet.“

In Kontroversen zwischen den Parteien gehe es also zunächst darum, die dahinter liegenden Motivationen bzw. Wurzeln einer Überzeugung zu identifizieren. „Statt also der oberflächlichen Einstellung direkt zu widersprechen, ist es sinnvoller, die eigene Botschaft dem Gegenüber zunächst anzupassen, jene Faktoren herauszufinden, auf die man sich gemeinsam einigen kann, um dann die eigene Position und Botschaft daran zu erläutern.“

Grundsätzlich sei aber der beste Ansatz für beide Gruppen (wissenschaftsgläubige und wissenschaftskritische Menschen) die Freude an überraschenden Entdeckungen: „Selbst wenn diese der eigenen Meinung widersprechen, führt diese Einstellung zu einer allgemein offeneren Geisteshaltung gegenüber jeder Form von neuer Information.“

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Im täglichen Umgang mit der Kontroverse zwischen News des naturwissenschaftlichen Mainstreams und grenzwissenschaftlichen Positionen begegnet mir diese Situation sehr häufig. Während ich die grundsätzliche Beobachtung der Autoren der hier genannten Studie bestätigen kann, beobachte ich das beschriebene Verhalten aber nicht nur bei wissenschaftskritischen Positionen, sondern in nahezu gleichem Maße auch bei denen wissenschaftsgläubiger Personen, wenn diese beispielsweise anomalistische und grenzwissenschaftliche Positionen grundsätzlich ablehnen und diesen – in vielen Fällen (meiner Meinung nach) ungerechtfertigt – pseudowissenschaftliches Denken und Methoden unterstellen. Vor diesem Hintergrund wäre die Ausdehnung der Untersuchungen auch in diese Richtung sicherlich nicht nur interessant, sondern auch wünschenswert.
Andreas Müller, Hrsg. Grenzwissenschaft-Aktuell

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