Katastrophe von Tunguska: Sedimentdatierung widerspricht Einschlagstheorie

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Blick auf die 1908 zerstörte sibirerische Waldregion Tunguska.

Copyright: Public Domain

Krasnojarsk (Russland) – Am 30. Juni 1908 verwüstete eine gewaltige Explosion ein entlegenes Waldgebiet von mehr als 2000 Quadratkilometern Fläche in der sibirischen Tunguska-Region. Bis heute rätseln Wissenschaftler und Forscher über die Ursache jener Explosion, die rund 80 Millionen Bäume umknickte und teilweise verbrannte. Neben exotischen Theorien etwa über den Einsatz einer frühen Kernwaffe, ein abgestürztes UFOs oder gar ein kleines Schwarzes Loch wurden von Wissenschaftlern von je her natürliche Katastrophen bevorzugt diskutiert. Im Vordergrund hierbei steht die Theorie, dass ein Asteroid über Tunguska niederging und bei Einschlag neben der gewaltigen Explosion und Druckwelle auch einen großen Krater geschlagen hat – den heutigen Tscheko-See. Eine neue Altersdatierung des Tscheko scheint diese Theorie nun zu widerlegen.

Hauptvertreter der Theorie, die im Tscheko-See den Einschlagskrater des „Tunguska-Objekts“ sind italienischer Geophysiker um Professor Giuseppe Longo der Universität von Bologna, die 2007 anhand von 3D-Rekonstruktionen der kegelförmig zulaufenden und schachtartigen Form des See als charakteristisch für einen Einschlagskrater beschrieben (…GreWi berichtete) und am Grund des Sees ein ungewöhnlich geformtes Gebilde geortet hatten (…GreWi berichtete), dass die Wissenschaftler entweder für extrem verdichtete Sedimentschichten oder aber ein Reststück des vermeintlichen Impaktors, also eines Asteroiden oder Kometenrests hielten.

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Folgt man der Argumentation der Italiener, so wäre also der Tscheko-See erst mit dem Einschlag 1908 entstanden. Tatsächlich findet sich der See auf militärischen Landkarten von 1883 noch nicht. (Anm. GreWi: Dies könnte aber auch durch die Abgelegenheit der Region erklärt werden können…?) Eine Datierung des Alters des Sees, wie sie anhand der Ablagerungen am Grund des Sees eigentlich relativ einfach wäre, wurde von den italienischen Wissenschaftlern allerdings bislang zumindest nicht veröffentlicht.

Wie die Russische Geografische Gesellschaft aktuell berichtet, haben sich seit 2015 Wissenschaftler aus Krasnojarsk und Novosibirsk dieser Aufgabe angenommen und ihre Ergebnisse der klimatischen Vergangenheit des See-Region jetzt veröffentlicht.

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Blick auf den Tscheko-See in der Region Tunguska.

Quelle: Russian Geographical Society

Im Juli 2016 entnahm ein Team des „Krasnoyarsk Scientific Center“ an der tiefsten Stelle des Tscheko Kernproben der dortigen Sedimente aus bis zu 120 Zentimetern Tiefe. Diese wurden sodann auf ihre geochemische Zusammensetzung hin analysiert.

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Gefolgt wurden diese Arbeiten dann jüngst von Analysen am Institut für Geologie und Mineralogie in Novosibirsk, bei denen das Alter der Sedimente mit Hilfe der Verteilung der radioaktiven Elemente Zäsium-137 und Blei-210 bestimmt.

Wie sich anhand dieser Analyse nun zeigt, sind die Sedimente im See mindestens 280 Jahre alt und damit deutlich älter als das Tunguska-Ereignis selbst. Zumindest die Entstehung des Tscheko stehe mit diesem also nicht in Verbindung, schlussfolgern die russischen Wissenschaftler und haben die Publikation ihrer Ergebnisse in Fachjournalen angekündigt.

Anm. GreWi: Obwohl damit die Einschlagstheorie im Kontext des Tscheko-Sees widerlegt zu sein scheint, bleibt weiterhin die Theorie bestehen, wonach der Asteroid bzw. Meteorit oder Kometenrest auch in einiger Höhe über dem Erdboden und Wald explodiert sein könnte. Hinweise darauf glauben russische Wissenschaftler 2012 gefunden zu haben.

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