Abschlussbericht zur Massen-Pottwalstrandung 2016 in der Nordsee


Anfang 2016 strandeten 30 Pottwale an den Nordseeküsten.

Copyright/Quelle: Klaus Heinrich Vanselow / uni-kiel.de

Hannover (Deutschland) – Anfang 2016 kam es entlang der englischen, französischen, niederländischen und deutschen Nordseeküste zu einer ungewöhnlich hohen Anzahl von rund 30 Wal-Strandungen (…GreWi berichtete). Wissenschaftler haben ihre Untersuchungen des Ereignisses abgeschlossen und glauben, eine Erklärung für das bizarre Phänomen gefunden zu haben.

Wie das ebenso internationale wie interdisziplinäre Team um Prof. h. c. Dr. Ursula Siebert vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung für die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover aktuell im Fachjournal „PLoS One“ (DOI: 10.1371/journal.pone.0201221) berichten, liegen die Gründe für das bislang größte bekannte Strandungsereignis dieser Art, das in dieser Region registriert wurde, in der Nordsee wahrscheinlich in einem komplexen Zusammenspiel von Umweltfaktoren.

Laut dem Fachartikel, der 27 der 30 gestrandeten Pottwale untersuchte und damit die bisher umfangreichste Untersuchung einer Pottwalstrandung darstellt, konnte fanden sich keine Hinweise für eine Erkrankung oder aktute traumatische Schwächung der betroffenen Tiere: „Wir haben uns den Gesundheits- und Ernährungszustand der 27 Tiere genau angeschaut und mehrere Infektionen gefunden – einschließlich Parasiten und eines neuen Herpesvirus. Diese Infektionen waren im Zusammenhang mit den Strandungen aber bedeutungslos“, berichtet Siebert und führt dazu weiter aus: „Das machte andere Ursachen wahrscheinlicher. Also mussten wir weitersuchen.“

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Auch ein durch Menschen verursachtes Trauma wie Verwicklungen in Seilen und Netzen oder Schiffskollisionen konnten die Forscher ausschließen. Auch gab es keine Anzeichen für eine signifikante Menge chemischer Verschmutzung. Bei neun untersuchten Walen fanden die Wissenschaftler Meeresmüll (Plastik) in den Mägen der Pottwale, der aber bei keinem der Tiere zu einer Verstopfung des Magen-Darm-Trakts oder einem anschließenden Verhungern geführt habe. Marine Erdbeben, schädliche Algenblüten und Veränderungen der Meeresoberflächentemperatur wurden ebenfalls berücksichtigt und als mögliche treibende Faktoren der Strandungsserie als sehr unwahrscheinlich ausgeschlossen.

Auffallend war, dass es sich bei den meisten Tieren, die auch schon zuvor in dieser Region strandeten, um junge subadulte Männchen im Alter zwischen 10 und 16 Jahren handelte. Gleiches traf auf die Mehrzahl der 2016 gemeinsam gestrandeten Pottwale zu.

„Untersuchungen der Mageninhalte ergaben, dass die Tiere wahrscheinlich in den norwegischen Gewässern, mindestens 1.300 Kilometer entfernt und bevor sie in die Nordsee gelangten, zum letzten Mal gefressen hatten“, berichtet die Pressemitteilung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und erläutert dazu weiter: „Pottwale kommen normalerweise in viel tieferen Gewässern vor. Die südliche Nordsee ist ein sehr unnatürlicher Lebensraum für Pottwale: Das seichte Wasser und die allmählich abfallende Küste machen es ihnen schwer, hier effektiv zu navigieren. Zusätzlich kommt ihre bevorzugte Beute, der Tintenfisch, nicht in der Nordsee vor. Die Pottwale fanden folglich nicht ausreichend Nahrung. Die südliche Nordsee kann als eine Art Falle für tief tauchende Wale wie den Pottwal angesehen werden: Sobald sie in diesen Bereich vordringen, sind sie einem erheblichen Risiko zu sterben ausgesetzt.“

Abschließend erklären die Autoren der Studie, dass kein alleiniger Faktor gefunden wurde, der für die Strandungsreihe im Jahr 2016 verantwortlich sei, sondern sehr wahrscheinlich eine Kombination verschiedener und zusammenfallender Faktoren dazu geführt habe. „In dieser Zeit strandeten auch andere, nicht heimische Arten in der Nordsee. Zudem zeigen andere Untersuchungen, dass die Pottwale zu zwei verschiedenen Gruppen aus verschiedenen Gebieten gehören. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Kombination großräumiger Umweltfaktoren dafür verantwortlich war, dass die Pottwale in die Nordsee gelangt sind“, so Abbo van Neer, einer der beteiligten Forscher des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, aus.

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Noch 2017 berichteten Kieler Wissenschaftler im “International Journal of Astrobiology” (DOI: 10.1017/S147355041700026X) einen Zusammenhang mit Sonnenstürmen zur fraglichen Zeit gefunden zu haben. Grundlage hierfür war die These, laut der “Wale zur Orientierung sehr wahrscheinlich das Magnetfeld der Erde sowie geomagnetische Anomalien nutzen und dieses von Sonnenstürmen beeinflusst, die Strandungen ausgelöst haben.“ Neben den Magnetfeldverschiebungen selbst, könnten also die Sonnenstürme selbst falsche Anomalien vortäuschen bzw. echte verschwinden lassen. “Sind die Tiere erstmal in die Nordsee gelangt, haben sie aufgrund der dort andersartigen Umweltverhältnisse meistens keine Chance, ihren Kurs zu korrigieren und stranden in der Sackgasse Nordsee“, so die Forscher um Dr. Klaus Heinrich Vanselow vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ). Die Studie zeige zudem dass die Störungen des Erd-Magnetfeldes durch Sonnenstürme äquatorfern stärker ausfallen. “Da die Pottwale äquatornah aufwachsen, wo die Sonnensturmauswirkungen auf das Magnetfeld aber erheblich geringer sind, müssen sie den Umgang mit diesen Störungen in höheren Breiten also erst erlernen” (…GreWi berichtete).

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