Amazonas-Stamm übersetzt ganzen Wortschatz in Trommelsprache


Die im Amazonasgebiet lebenden Boras ahmen den Rhythmus ihrer Sprache mit Trommeln nach.

Copyright: Gaiamedia/ Aexcram

Amsterdam (Niederlande) – Die Volksgruppe der Boras im nordwestlichen Amazonasgebiet hat ihre gesamte Volkalsprache in eine Trommelsprache übertragen. Ein internationales Anthropologenteam hat diese nun erforscht und herausgefunden, dass die Boras nicht nur die Melodie von Wörtern und Sätzen ihrer vom Aussterben bedrohten Sprache mit Trommelschlägen nachahmen, sondern auch ihren Rhythmus. Vielleicht auch ein Ansatz zum Verständnis einer uns zunächst völlig unbekannten Kommunikation im Falle eines Erstkontakts mit einer außerirdischen Spezies?

Wie das Team um Dr. Frank Seifart von der Universiteit van Amsterdam aktuell im Fachjournal „Royal Society Open Science“ (DOI: 10.1098/rsos.170354) berichtet, lege diese Erkenntnis auch nahe, dass Sprachrhythmus bei der Sprachverarbeitung eine wichtigere Rolle spielt als bisher angenommen.

„Die menschliche Stimme kann vielfältige akustische Signale erzeugen, um Informationen zu übertragen. Diese Übertragung hat aber normalerweise nur eine Reichweite von etwa 200 Metern“, berichtet die Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, an dem Seifert zuvor tätig war und wo ein Großteil der jetzt veröffentlichten Studie entstand. „Die Boras, eine etwa 1.500 Mitglieder umfassende indigene Gruppe, die in kleinen Gemeinschaften im Amazonas-Regenwald Kolumbiens und Perus leben, können diese Reichweite verhundertfachen, indem sie Wörter und Sätze mit Trommelschlägen nachahmen.

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Hierzu verwenden die Boras die traditionell aus einzelnen Holzstämmen von jeweils zwei Metern Länge durch Ausbrennen hergestellten Manguaré-Trommel-Paare (s. Abb.), um auf diese Weise jeweils zwei (also insgesamt vier) Tonhöhen zu erzeugen.

Die Manguaré-Trommeln werden von den Boras dann auf zwei verschiedene Arten genutzt, berichten die Forscher: „Im ‚musikalischen Modus‘ spielen sie zuvor auswendig gelernte Trommel-Sequenzen mit wenig oder keiner Variation bei Ritualen und auf Festivals. Im ‚Sprechmodus‘ hingegen übermitteln sie relativ informelle Nachrichten und öffentliche Ankündigungen.“ So werde Manguaré zum Beispiel verwendet, um jemanden zu bitten, etwas mitzubringen oder etwas zu tun, um das Ergebnis alkoholfreier Trinkwettbewerbe oder die Ankunft von Besuchern bekannt zu geben. „In diesem Modus werden nur zwei Tonhöhen verwendet, und jeder Trommelschlag entspricht einer Silbe eines gesprochenen Bora-Wortes. Die Mitteilungen enthalten durchschnittlich 15 Wörter, beziehungsweise 60 Trommelschläge“, erklärt Seifert.

Auf diese Weise kann eine erstaunliche Vielfalt von Nachrichten übermittelt werden, indem Ton und Rhythmus nachgeahmt werden, wobei die Nachrichten so formuliert werden, dass verbleibende Unklarheiten ausgeräumt werden. „Der Rhythmus erweist sich im Bora bei der Unterscheidung von Wörtern als ausschlaggebend“, sagt Seifart un führt dazu weiter aus: „Es gibt vier rhythmische Einheiten, je nach der Länge der Pausen zwischen den einzelnen Schlägen. Diese Einheiten entsprechen Vokal-zu-Vokal-Intervallen mit verschieden vielen Konsonanten und Vokallängen. Die zwei durch getrommelte Sprache dargestellten phonologischen Töne tragen nur wenig zur Bedeutung bei. Für die Verständlichkeit des getrommelten Boras ist also der Rhythmus entscheidend.“

Für die Forscher ist dies ein weiterer Beleg für die Rolle der aus Vokal-zu-Vokal-Intervallen bestehenden rhythmischen Strukturen im komplexen Zusammenspiel redundanter und distinktiver akustischer Merkmale gesprochener Sprache.

In einem weiteren – jedoch nicht von den Forschern bearbeiteten – Kontext, können Untersuchungen wie diese vielleicht auch einen wichtigen Beitrag in der Diskussion um uns gänzlich fremde Sprachen und Kommunikationsformen dienen, mit denen wir vielleicht eines Tages angesichts eines Erstkontaktes mit einer nicht irdischen intelligenten Spezies konfrontiert sind. Ohne die Erforschung der Trommelsprache der Boras, würden wir vermutlich heute noch ihrem Trommelspiel lauschen und es vermutlich lediglich als rhythmische Untermalung und musikalische Kunstform – nicht aber als komplexe Kommunikation – ansehen.

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