Buchneuerscheinung: Archäologen lösen Rätsel der Himmelsscheibe von Nebra

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Titelumschlag von „Die Himmelsscheibe von Nebra“
Copyright/Quelle: Meller & Michel, Propyläen 2018

Berlin (Deutschland) – In einem neuen Buch widmet sich der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt Harald Meller gemeinsam mit dem Historiker und Wissenschaftsjournalisten Kai Michel der sagenumwobenen Himmelsscheibe von Nebra als „Schlüssel zu einer untergegangenen Welt im Herzen Europas“. Darin entwerfen die Autoren zum ersten Mal das Panorama jener phantastischen Welt, der wir das Wunderwerk aus Bronze und Gold verdanken – dem ersten Königreich Mitteleuropas. Zeitgleich wird die Himmelsscheibe als eines der Highlights der Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt. Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) verlost drei Exemplare des Buches.

„Was wissen wir nicht alles über die alten Kulturen in Ägypten und Mesopotamien, über Nofretete und Tutanchamun?“, fragen die beiden Autoren und stellen weiterhin leider nur allzu oft richtig fest: „Unsere eigene Vorgeschichte dagegen ist uns unbekannt.“ In der Himmelsscheibe von Nebra und den nun zusammengetragenen Forschungsergebnissen sehen Meller und Michel sodenn auch „den Schlüssel, der unsere Vergangenheit aufschließt.“

Das Nebra-Ensemble umfasst neben der Himmelsscheibe zwei Schwerter mit goldenen Griffmanschetten, zwei Beile, einen Meißel und zwei zerbrochene Armspiralen.
Copyright/Quelle: Meller & Michel, Propyläen 2018

Bereits die Entdeckung der „Himmelsscheibe“ im Juli 1999 war eine archäologische Sensation – die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte kam aus keiner sog. Hochkultur, sondern aus dem vermeintlich dunklen Herzen Europas. Raubgräber entdeckten den über 3.600 Jahre alten Bronzeschatz auf der Spitze des Mittelbergs in Sachsen-Anhalt. In einer abenteuerlichen Polizeiaktion rettete der Archäologe Harald Meller diesen Schatz für die Öffentlichkeit und koordiniert seither die Erforschung des Jahrhundertfundes.

Gestützt auf neue archäologische, genetische und metallurgischer Untersuchungen rund um die Himmelsscheibe zeichnen die beiden Autoren das Bild einer Kultur, eines ersten Königreichs in der europäischen Geschichte, dessen Herrscher Kontakt nach Stonehenge bis in den Orient pflegten. „Die Herrscher der Himmelsscheibe ließen sich unter gewaltigen Grabhügeln beisetzen, ihre Macht beruhte auf exklusivem Wissen, Armeen sicherten den Menschen ein friedliches Leben. Die Himmelsscheibe selbst liefert Einblicke in eine verschollene Welt, in der nicht zuletzt auch die Grundlagen unserer eigenen Welt gelegt wurden.“

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Die Himmelsscheibe von Nebra gewährt einen einzigartigen Einblick in die Ideenwelt der bronzezeitlichen Menschen. Sie ist das zweidimensionale Bild eines dreidimensionalen Weltmodells: Über der Erde wölbt sich der Himmel als Kuppel, an der die Gestirne prangen. Ein Schiff wartet, die Sonne an Bord zu nehmen.

Sphärische Weltbilder kennen wir auch aus Ägypten, Griechenland oder der Bibel.
Copyright/Quelle: Meller & Michel, Propyläen 2018

Die Himmelsscheibe sei nicht nur der wichtigste archäologische Fund im deutschsprachigen Raum der letzten 100 Jahre, die Entschlüsselung ihrer Symbolik dokumentiere zugleich eine Sternstunde der Astronomie, so Meller und Michel. „Das Gold der Scheibe stammt aus England, das Kupfer aus den Alpen, die Technik zu ihrer Herstellung aus Mykene und das ihr zugrunde liegenden Wissen aus dem Orient. Damit ist die Himmelsscheibe das Produkt einer bereits damals verblüffend globalisierten Welt.“

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In der Scheibe selbst sehen die Forscher demnach so etwas wie den Staatsschatz des bislang ersten bekannten Königreichs Mitteleuropas. Da die ersten Gräber der Untertanen dieses Reiches bei Únětice bzw. Aunjetitz nahe Prag entdeckt wurden, wird ihre Kultur als Aunjetitzer-Kultur bezeichnet. Die Aunjetitzer setzten Ihre Herrscher in den größten Grabhügeln der mitteleuropäischen Bronzezeit bei (…GreWi berichtete), brachten ihren Göttern aber auch Menschen- und sogar Kinderopfer dar. Ihre Herrscher wiederum wussten ihr exklusives Wissen, mit dem sie etwa durch der Himmelsscheibe die Zeit für Ernte und Aussaat bestimmten konnten, gezielt zum Ausbau ihrer Macht einzusetzen. Es entstanden erstmals Armeen zum Schutz der Bevölkerung aber auch Ungleichheit und Ungerechtigkeit in zuvor nicht gekanntem Maße. Die in der Folge des Fundes der Himmelsscheibe neu ausgegrabenen Kultstätten bezeugen eine Revolution des Glaubens. Zudem belegen genetische Analysen prähistorischer Skelette, wie sehr unser heutiges Europa ein Produkt von Migrationen ist.

Das Ende Kultur und des Kultes um und mit der Himmelsscheibe, als Demnach das Himmelsscheiben-Ensemble in die Erde verbracht wurde. verorten die Wissenschaftler anhand der C-14-Datierung der Birkenrinde aus einem der Schwertgriffe (die mit der Himmelsscheibe gefunden wurden) sowie das erste Auftauchen der Schwerter in mitteldeutschen Gefilden und das archäologisch diagnostizierte Ende der Frühbronzezeit gegen 1600 v. Chr.

Vom Deponierungsort der Himmelsscheibe in der Sternwarte (Mitte) aus gesehen, geht die Sonne zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende (um dem 21. Juni) hinter dem Brocken (o. l.) und am 1. Mai hinter dem Kyffhäuser (o.l.m.) unter. Berg und Scheibe passen bestens zusammen (Illu.).
Copyright/Quelle: Meller & Michel, Propyläen 2018

Dass dies genau im Zeitfenster einer der „Urkatastrophen des Altertums“ – dem Ausbruch des Vulkans Thera (dem heutigen Santorin) – fällt, halten Meller und Michel für „keinen Zufall“ sondern zeichnen zwar ein zunächst theoretisch klingendes, dann aber mit Fakten untermauertes Szenario der Zusammenhänge zwischen der das Altertum erschütternden Naturkatastrophe und deren Auswirkungen bis hinein in das „Königreich von Nebra“, wo dann am Abend einer Sommersonnenwende sowohl Sonne als auch die Himmelsscheibe im selben Augenblick ihre Reise in die Unterwelt antraten – die Sonnenscheibe scheinbar auf dem Brocken im Harz, die Himmelsscheibe auf dem bzw. im Mittelberg.

Die Autoren
Prof. Dr. Harald Meller, geboren 1960 in Olching, ist Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Der Landesarchäologe ist ein international anerkannter Wissenschaftler und Ausstellungsmacher.

Kai Michel, geboren 1967 in Hamburg, ist Historiker und Literaturwissenschaftler. Er war Wissenschaftsredakteur bei Zeitungen wie Die Zeit oder Die Weltwoche und schreibt heute für GEO. Er ist Co-Autor des Bestsellers „Das Tagebuch der Menschheit“ und lebt in Zürich und im Schwarzwald.

– Ab dem 21. September wird die Himmelsscheibe auch als Highlight der Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie HIER

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