Buchneuerscheinung: Das Paranormale im Sozialismus. Zum Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR

Lesezeit: ca. 3 Minuten

Symbolbild: Okkulte DDR (Illu.).
Copyright: Logos Verlag

Freiburg (Deutschland) – Vor vier Jahren starteten Soziologen vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene ein von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt mit dem Titel „Im Schatten des Szientismus – Über den Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR”. Die Ergebnisse der Studie liegen nun unter dem Titel „Das Paranormale im Sozialismus“ vor. Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) verlost zwei Exemplare des Buches.

„Wie erfolgte die private, öffentliche und wissenschaftliche Verhandlung von im weitesten Sinne parapsychologischen Themen und paranormalen Erfahrungen in der DDR? Welche Rolle spielten Themen wie Gedankenübertragung, Wahrträume, Ahnungen, Spuk-, Geister- und Jenseitserscheinungen, Parapsychologie, Astrologie und Wahrsagepraktiken, Wunderheilungen oder UFOs im Alltagsleben der DDR-Bürger?“ Diese Fragen stellten Soziologen vom „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ (IGPP) 2014 auf der Suche nach Zeitzeugen an die Leser von Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi).

Vor dem Hintergrund der auf dem Marxismus-Leninismus basierenden “wissenschaftlichen Weltanschauung” galten in der DDR alle im weitesten Sinne esoterischen, übersinnlichen, okkulten und alternativ-religiösen Themen als “finsterer Aberglaube” und wurden systematisch bekämpft. Das Ziel war eine Gesellschaft ohne “Irrationalismen”.

Doch wie sah die Situation jenseits des offiziellen Umgangs der DDR-Staatsführung mit entsprechenden Themengebieten aus? Welche Rolle spielten Themen wie Gedankenübertragung, Wahrträume, Ahnungen, Spuk-, Geister- und Jenseitserscheinungen, Parapsychologie, Astrologie und Wahrsagepraktiken, Wunderheilungen, Homöopathie oder UFOs im Alltagsleben der DDR-Bürger? War ihnen durch die Etablierung des Sozialismus tatsächlich der Nährboden entzogen, wie es die offizielle Rhetorik verlautbaren ließ, oder existierten sie gleichsam im Untergrund weiter? Diesen und weiteren Fragen zum Umgang der DDR mit “dem Paranormalen” geht die vorliegende soziologisch-historische Studie erstmals in systematischer Weise nach.

Grenzwissenschaft-Aktuell verlost 2 Exemplare des Buches!
An dieser und zukünftigen Verlosungen und Sonderaktionen nehmen alle GreWi-Unterstützer automatisch teil. Teilnahmeschluss ist der 14. Dezember 2018.  Unterstützen auch Sie das kostenfreie tägliche GreWi-Nachrichtenangebot mit Ihrem freiwilligen GreWi-Unterstützer-Abo.
Weitere Infos dazu finden Sie HIER
Danke!

“In einer Gesellschaft wie der DDR, deren ‘amtliches Wirklichkeitswissen’ explizit materialistische und szientistische Züge trug, stellt sich die Frage nach dem sozialen Umgang mit derartigen Heterodoxien (vermeintliche Irrlehren) umso deutlicher“, erläuterten die Freiburger Soziologen 2014 gegenüber GreWi und führten dazu weiter aus:

„Die gezielte Vermittlung der wissenschaftlich-szientistischen Weltanschauung war ein wichtiges programmatisches Ziel der DDR-Führung – dadurch sollte es zu der Verdrängung von ‘Finsternis und Unwissenheit’, ‘Aberglauben’ und letztlich zu einem gänzlichen Verschwinden ‘religiöser Ideologien’ kommen (…GreWi berichtete).

In erster Linie war damit seinerzeit zunächst das Feld des Religiösen gemeint, nach der – im Einzelnen noch zu rekonstruierenden – Subsumtionslogik der offiziellen DDR-Weltanschauung aber gleichzeitig immer auch sämtliche im weitesten Sinne esoterischen, paranormalen, okkulten und alternativ-religiösen Themen. Entsprechend kann von einer prinzipiellen ablehnenden Haltung gegenüber entsprechenden Themen und Erfahrungen in der DDR ausgegangen werden.”

Tatsächlich lieferten schon die Vorarbeiten der Forschergruppe deutliche Hinweise dafür, dass neben den traditionellen Religionen eben auch Okkultismus, Parapsychologie und “Aberglaube” (mithin “übernatürliche” Weltbilder und Praktiken) als falsche (bürgerliche) Ideologie denunziert und ausgegrenzt, ideologisch stigmatisiert und politisch unterdrückt wurden.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER können Sie den täglichen kostenlosen GreWi-Newsletter bestellen +

In diesem Kontext sei auch bemerkenswert, dass die in der DDR vertretenen Positionen in diesem Bereich sich möglicherweise von anderen sozialistischen Staaten, namentlich von jenen in der Sowjetunion, unterschieden haben: “Im Gegensatz zur DDR existierten dort zumindest vereinzelt parapsychologische Forschungsabteilungen und es gab auch entsprechende Publikationen (…GreWi berichtete).

Für die Freiburger Soziologen und Forscher stellte sich fortan die Frage, mit welchen Konsequenzen diejenigen zu rechnen hatten, die sich in der DDR mit von der geltenden Weltsicht abweichenden Themen beschäftigten oder sogar selbst weltanschaulich unpassende Erfahrungen machten: “Anders gefragt: War entsprechenden Vorstellungen und Praktiken in der DDR tatsächlich der Nährboden entzogen, wie es der offizielle Diskurs verlauten ließ, oder gab es – gleichsam im Schatten der amtlichen Ordnung – einen ‘okkulten Untergrund’?”

Diese Überlegungen bildeten damals den Ausgangspunkt des Forschungsprojektes: “Soziologisch gesprochen geht es um das Verhältnis zwischen orthodoxen und heterodoxen Wissensbeständen und Praxisformen in der DDR, namentlich um den Konflikt zwischen dem dominanten szientistischen Weltbild auf der einen und davon abweichenden Anschauungen und Lebenspraxen der Bevölkerung auf der anderen Seite.” Methodische Zugänge bildeten zum einen Interviews sowohl mit Akteuren aus dem Bereich des Paranormalen als auch mit damaligen Vertretern der DDR-Administration. Zum anderen wurden die themenspezifische Literatur der DDR, aber auch massenmediale Bezugnahmen und behördliche Dokumente (wie z.B. Akten der Staatssicherheit) untersucht.

– Die Projekt-Webseite zur „okkulten DDR“ finden Sie HIER

Der Autor
Andreas Anton, Dr. phil., studierte Soziologie, Geschichtswissenschaft und Kognitionswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Promotion erreichte er im DFG-Projekt “Im Schatten des Szientismus”, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte bilden Wissens-, Medien- und Kultursoziologie, Methoden qualitativer und quantitativer Sozialforschung. Andreas Anton ist ebenfalls Autor des Buches „Unwirkliche Wirklichkeiten: Zur Wissenssoziologie Von Verschworungstheorien“ sowie Mitherausgeber von „Konspiration: Soziologie des Verschwörungsdenkens“.

© grenzwissenschaft-aktuell.de