Chilenische Wissenschaftler empört über Studie an „Atacama-Mumie“


Die aufgrund ihres Fundortes nahe der Atacamawüste als “Ata” bezeichnete, grade einmal knapp 13 Zentimeter große Trockenmumie.

Copyright/Quelle: Emery Smith, med.standford.edu, Nolan et al., Genome Research (2018)

Santiago de Chile (Chile) – Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Genom-Analyse einer chilenischen Trockenmumie, die sich nicht nur aufgrund ihrer geringen Größe von knapp 13 Zentimetern sondern auch aufgrund zahlreicher Körperdeformationen auszeichnet und so schon zu Spekulationen über eine außerirdische Herkunft sorgte (…GreWi berichtete ausführlich), zeigen sich chilenische Wissenschaftler empört über den aus ihrer Sicht ebenso illegalen wie unethischen Umgang mit dem Körper.

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In einem ausführlichen Artikel für die „New York Times“ (NYT) hat der Journalist Carl Zimmer die Vorwürfe zusammengetragen. Unter anderem zitiert er aus einer Mail der chilenischen Kultur- und Altertumsbehörde (Consejo de Monumentos Nacionales), die bereits eine Untersuchung der Frage eingeleitet habe, ob die Leiche des kleinen Mädchens möglicherweise sogar illegal exhumiert und außer Landes geschmuggelt wurden. Laut der Behörde sei das Grab 2003 geplündert und das mumifizierte Skelett gestohlen worden, wodurch zahlreiche chilenische Gesetze gebrochen wurden. „Es ist beschämend. Beschämend für das Mädchen selbst, für seine Familie und für das kulturelle Erbe Chiles“, zitiert der Artikel weiterhin die Anthropologin Francisca Santana-Sagredo von den Universitäten Antofagasta und Oxford.

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Telefonisch nahmen auch die beiden Hauptautoren der Studie, Dr. Garry Nolan von der Stanford University und Atul Butte von der University of California in San Francisco zu den Vorwürfen Stellung: „Wir waren weder an der einstigen Beschaffung und Verbringung des Körpers nach Spanien beteiligt, noch hatten wir darüber Kenntnis, als wir mit den Analysen begonnen hatten“, so Butte. „Wir hatten auch keinen Grund davon auszugehen, dass der Körper illegal beschafft worden war. Zudem sei über den Fund schon vor 15 Jahren berichtet worden ohne, dass sich die chilenische Regierung um den Fall gekümmert habe.

Zugleich unterstreichen die beiden Wissenschaftler, die wissenschaftliche Bedeutung der jetzt im Fachjournal „Genome Research“ publizierten Genom-Analyse: Zum einen konnten Gerüchte um eine außerirdische Herkunft des Körpers wiederlegt und damit dessen Zurschaustellung als „Alien“ beendet werden. Zum anderen, so erläuterte Nolan auch schon gegenüber „Grenzwissenschaft-Aktuell.de“ (GreWi):

“Für unsere Studie stellte der Körper auch eine interessante Übung in der Anwendung der heute zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Methoden dar, um zu sehen, was wir alles herausfinden können”, so Nolan und führt dazu weiter aus: “Phenotypus, die Symptome und die Größe dieses Mädchens sind extrem ungewöhnlich und die Analyse aller dieser rätselhaften und zudem alten Proben konnte uns einiges darüber beibringen, wie man die DNA heutiger Kinder noch besser analysieren kann. (…)  “Einige dieser Mutationen wurden, obwohl sie zwar teilweise schon zuvor als Auslöser von Krankheiten bekannt waren, noch nie zuvor mit Knochenfehlbildungen, Wachstums- und Entwicklungsstörungen assoziiert”, so Nolan und hebt damit die Bedeutung der DNA-Analyse der Ata-Mumie auch über die reine Herkunftsbestimmung des vermeintlichen “Aliens” hinaus hervor. “Diese neuen Mutationsvarianten nun zu kennen, könnte sich als sehr nützlich für die Identifizierung und Behandlung auch schon bekannter Mutationen erweisen. (…) Für uns ist das Ergebnis unserer Studie auch deshalb so wichtig, weil es zeigt, dass wir nie aufhören sollten, uns Fragen zu stellen und zu forschen, nur weil wir bereits glauben, ein Gen gefunden zu haben, das ein Symptom erklärt. (…) Wie man sieht, könnte es multiple Vorgänge geben und es ist wichtig, eine umfassende Erklärung zu finden – gerade, da wir immer schneller auf die praktische Anwendung von Gen-Therapien zusteuern. Vielleicht können wir eines Tages zumindest einige dieser Störungen und Krankheiten heilen. Dann wollen wir aber auch sicher sein, dass wir die Mutationen auch wirklich kennen, nicht andere übersehen und genau wissen, was wir da tun.”

– Den ausführlichen NYT-Artikel mit zahlreichen weiteren Aussagen der Kritiker und Verfechter der Studie im englischsprachigen Original finden Sie HIER

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