Direkte Hirnscans eines Sterbenden offenbart letzte Augenblicke

Symbolbild: „Totenleib meiner Tochter“, Gemälde von Fidus 1918 Copyright: Fidus
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Symbolbild: „Totenleib meiner Tochter“, Gemälde von Fidus 1918 Copyright: Fidus

Symbolbild: „Totenleib meiner Tochter“, Gemälde von Fidus 1918
Copyright: Fidus

Tartu (Estland) – Neurowissenschaftler und -wissenschaftlerinnen haben erstmals die Hirnaktivität eines Sterbenden messen können und dabei rund um den Todeszeitpunkt rhythmische Gehirnwellenmuster gemessen, die jenen während des Träumens, beim Erinnern und Meditation gleichen. Die Aufzeichnungen könnten erstmals einen direkten neurologischen Einblick in Berichte von Nahtoderfahrungen erlauben.

Die sogenannte „Lebensbilderschau“ gilt als eines von Zeugen immer wieder beschriebenen Erlebnissen von Menschen im sprichwörtlichen Angesicht des drohenden oder tatsächlich eintretenden Todes. Der Begriff beschreibt, wie das Leben in Bildern an den Sterbenden noch einmal und vor dem inneren Auge noch einmal vorbeizieht. Neben dieser Lebensrückschau gibt es aber auch weitere immer wieder und auch sozio-kulturübergreifende Merkmale sogenannter Nahtoderfahrungen (…GreWi berichtete, siehe Links u.).

Wie das Team um Dr. Raul Vicente von der University of Tartu aktuell im Fachjournal „Frontiers in Aging Neuroscience“ (DOI: 10.3389/fnagi.2022.813531) berichten, haben sie die Hirnaktivität eines 87 jährigen Epilepsie-Patienten mittels Elektroenzephalografie (EEG) kontinuierlich aufgezeichnet. Unabhängig von diesem Monitoring erlitt der Patient schließlich einen Herzinfarkt und verstarb. Auf diese Weise gelang es den Forschern sozusagen unbeabsichtigt erstmals, die Hirnaktivität eines unmittelbar Sterbenden rund um den Todeszeitpunkt direkt und kontinuierlich aufzuzeichnen.

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Diese Aufzeichnungen legen nahe, dass das menschliche Gehirn vor, während und auch noch eine Weile nach dem Tod aktiv und koordiniert bleibt – nicht zuletzt vielleicht, um genau diesen Übergang zwischen Leben und Tod zu steuern. Die Ergebnisse, so schreiben die Forschenden, „fordern unser bisheriges Verständnis darüber heraus, wann genau das Leben wirklich endet. Sie stellen uns auch vor unmittelbare wichtige Fragen, etwa zum angemessenen Zeitpunkt von Organen bei Organspenden.“

Hintergrund
Als Nahtoderfahrung (Near Death Experiences, NDEs) werden in der Regel Erlebnisse im Angesicht lebensbedrohlicher Situationen (etwa bei Herzstillstand, Schlaganfällen, nach Unfällen, beim Ertrinken oder während riskanter Operationen) bezeichnet, während derer die Betroffenen von einer ganzen Bandbreite an religiösen, spirituellen Erlebnissen, psychisch-physischen Symptomen wie außerkörperlichen Wahrnehmungen, bis hin zum Hören und Sehen von (meist spirituellen) Wesenheiten, berichten.

Konkret konnten die Neurowissenschaftler und -wissenschaftlerinnen 900 Sekunden Hirnaktivität rund um den klassischen Todeszeitpunkt aufzeichnen. „Auf diese Weise gelang es uns genau zu untersuchen, was in den 30 Sekunden vor und nach dem Herzstillstand untersuchen“, erläutert der die Studie koordinierende Neurochirurg Dr. Ajmal Zemmar von der University of Louisville.

Weiterhin berichten die Forschenden in ihrer Studie: „Kurz vor und nach dem Herzstillstand sahen wir Veränderungen in einer bestimmten Bandbreite neuraler Schwingungen, den sogenannten Gamma-Wellen, aber auch im Bereich der Delta-, Theta-, Alpha- und Beta-Wellen.“ Bei diesen Hirnwellen handelt es sich um rhythmische Hirnaktivität des für gewöhnlich gesunden menschlichen Gehirns und sind charakteristisch für unterschiedliche Hirnaktivitäten und Bewusstseinszustände.

Zum Thema

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen spekulieren angesichts der Daten, dass unser Gehirn tatsächlich noch einmal darum bemüht ist, wichtige Lebensereignisse zu erinnern, bevor wir sterben.

Zugleich weisen die Autoren und Autorinnen aber auch auf Umstand hin, dass die aktuelle Studie einzig und allein auf dem beschriebenen, bislang einzigartigen Fall bezieht – einem Fall, eines Patienten, dessen Hirn bereits zuvor durch Anfälle und Schwellungen beschädigt worden war. Dieser Umstand kompliziere die Interpretation der gewonnenen Daten. Nicht zuletzt deshalb, hoffen die Wissenschaftler auf zukünftig weitere vergleichbare Fälle.

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Recherchequelle: Frontiers in Aging Neuroscience

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