EU-Abgeordneter fordert EU-Meldeverfahren und Untersuchungsstelle für UFOs/UAP

Symboldbild (Illu.). Copyright: grewi.de
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Straßburg (Frankreich) – In der Parlamentssitzung des europäischen Parlaments vom 5. Februar 2024 hat der portugiesische Abgeordnete der europäischen Grünen-Fraktion, Francisco Guerreiro, ein europaweit koordiniertes Meldeverfahren und Untersuchungen von unidentifizierten anomalen Objekten im Luftraum (UAP/früher UFOs) gefordert. Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) hat auch bei den bundesdeutschen Grünen die UFO-Frage gestellt.

Vor dem EU-Parlament erklärte Francisco Guerreiro am vergangenen Montag, 5.2.2024:

Der EU-Abgeordnete Francisco Guerreiro.Copyright: franciscoguerreiro.eu

Der EU-Abgeordnete Francisco Guerreiro.
Copyright: franciscoguerreiro.eu

Sehr geehrte Vorsitzende, Kommissare,

Die Europäische Kommission ist derzeit im Begriff, die Vorschläge für das neue europäische Weltraumgesetz (EU Space Law) zu formulieren. Diese wichtige Initiative sieht gemeinsame Gesetze und Regeln zur Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit von Weltraumaktivitäten und Operationen vor.

Allerdings existiert in Sachen Sicherheit eine Lücke, die geschlossen werden sollte.

Derzeit verfügt die EU über kein abgestimmtes und wissenschaftliches System, um unidentifizierte anomale Phänomene im Luftraum (UAP) zu melden. Dieses Thema ist eine ernste Angelegenheit und ihm sollte mit der gleichen Bedeutung begegnet werden, wie dies in einigen anderen Ländern bereits der Fall ist.

So gelten beispielsweise in den USA die Datensammlung und -analyse von UAP-Aktivitäten im Weltraum, über zivilen und militärischen Regionen und Einrichtungen als Priorität in Fragen der Nationalen Sicherheit. Diese Sicherheitsbedenken haben auch schon zur Einrichtung eines Weltraumforschungsprogramms zu UAP bei der NASA geführt.

Deshalb ist es von grundlegender Bedeutung, dass auch die EU-Kommission ein Programm zur Sammlung von Daten zu UAP sowie eine wissenschaftliche Einrichtung zur Analyse dieser Ereignisse in transparenter und öffentlicher Weise im Rahmen des EU Space Law (EUSL) einsetzt.

Vielen Dank.

Schon zuvor hatte Guerreiro am 31. Januar 2024 mit folgender schriftlichen parlamentarischen Anfrage und Eingabe (E-000318/2024) um eine schriftliche Antwort der EU-Kommission gebeten:

Im September 2023 legte Präsidentin von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union die Prioritäten der Kommission für 2024 dar. Dazu gehörte auch die Absicht, ein EU-Weltraumgesetz zu schaffen.[1]

Diese wichtige Initiative sieht „gemeinsame EU-Vorschriften zur Sicherheit, Belastbarkeit und Nachhaltigkeit von Weltraumaktivitäten und -operationen vor“, weist jedoch eine Lücke auf, die in der Säule der Sicherheit geschlossen werden muss. Insbesondere in der EU fehlt derzeit ein harmonisiertes und wissenschaftliches System für die Meldung nicht identifizierter anomaler Phänomene (UAP).

Dies wirft ernsthafte Sicherheitsbedenken auf, mit denen sich einige andere Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten, befasst haben. Angesichts dieses Versäumnisses möchten wir die Kommission bitten:

    1. Warum umfassen die vorbereitenden Arbeiten für das EU-Weltraumgesetz (EUSL) kein UAP-Überwachungs- und Meldesystem, wenn man bedenkt, dass UAP eine potenzielle Sicherheitsbedrohung darstellen können und solche Phänomene im Weltraum von geschultem Personal mithilfe von Präzisionsinstrumenten beobachtet wurden?
    2. Ob die Kommission der Ansicht ist, dass UAP ausdrücklich bei der Weltraumüberwachung und -verfolgung (SST), im SST-Forschungs- und Entwicklungsplan und im Entwicklungsplan zur Beobachtung erdnaher Objekte (NEO) berücksichtigt werden sollten?
    3. Ob das EUSL in ähnlicher Weise wie die NASA ein EU-UAP-Weltraumforschungsprogramm unter der Leitung eines Forschungsdirektors vorsehen wird?

Tatsächlich existiert in den USA jedoch nicht nur die von Francisco Guerreiro genannte UAP-Forschungsdirektion der NASA (https://science.nasa.gov/uap/), sondern mit dem All-domain Anomaly Resolution Office“ (AARO) auch eine eigene UAP-Untersuchungsbehörde. UAP werden also als reale, relevante und priorisierte Phänomene, die auch von militärischer Sensorik detektiert werden, wahrgenommen, akzeptiert und gelten als potenzielles Risiko in Fragen der Nationalen Sicherheit (…GreWi berichtete). Zuletzt hat zudem der Generalinspekteur des US-Verteidigungsministeriums, Robert P. Storch, nicht zuletzt auch die innerhalb der unterschiedlichen Einheiten der US-Streitkräfte noch immer kaum koordinierten UAP-Melde– und Untersuchungsvorgänge zu UAP-Sichtungen ebenfalls als bedeutendes Risiko definiert (…GreWi berichtete).

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Vor dem Hintergrund der aktuellen Eingabe ihres portugiesischen Kollegen hat GreWi-Herausgeber Andreas Müller sich auch die die bundesdeutsche Fraktion der Grünen im Bundestag und die Grünen-EU-Gruppe gewandt. Zum hat er danach gefragt, ob auch die bundesdeutschen Grünen, als Koalitionspartei mit Regierungsverantwortung, die Forderung ihres portugiesischen Kollegen unterstützen und zu anderen um eine Position der Partei in Sachen UFOs/UAP gebeten.

Rechts- und Fachanwalt Klaus Stähle.Copyright: K. Stähle

Rechts- und Fachanwalt Klaus Stähle.
Copyright: K. Stähle

Aber: Weder die über ihre Pressestellen direkt angefragten und thematisch direkt zuständigen Abgeordneten Sara Nanni als Leiterin der Arbeitsgruppe Sicherheit, Frieden und Abrüstung, sowie Kai Gehring als Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung noch die Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt, Dr. Anna Christmann, wollten sich zur Anfrage äußern. Auch das Pressereferat der Grünen-Fraktion im Bundestag und das der Grünen EU-Gruppe standen für eine Antwort nicht zur Verfügung.

Hingegen bedauert Klaus Stähle (Abb. l.), selbst langjähriges Mitglied von Bündnis90/Die Grünen und fast 25 Jahre lang Vorstandsmitglied des Grünen-nahen Bundesverbands nachhaltige Wirtschaft e. V. (BNW), diese Haltung bzw. das Schweigen seiner Partei in der UFO/UAP-Frage sowohl aus Sicht von Forschung und Wissenschaft, wie auch hinsichtlich der Potenziale für technologische Entwicklungen, Flugsicherung und Sicherheit in der Luft- und Raumfahrt. Weiter mahnt Stähle an, dass „die derzeitige Entwicklung und Haltung zum Thema in anderen Ländern, allen voran in den USA, einmal mehr an Deutschland vorbeigeht“ und man so gefahr laufe, „wissenschaftlich-technologische Chancen zu vertun, aber auch mögliche Risiken zu übersehen“.

Hintergrund: Der Umgang mit UFOs & UAP in Europa

– Spätestens seit es in BELGIEN von Herbst 1989 bis Mai 1990 zu einer Sichtungswelle meist dreieckiger unidentifizierter Flugkörper kam, kooperierte die belgische Luftwaffe mit der zivilen belgischen UFO-Forschungsorganisation SOPBEPS (heute COBEPS), bekannte sich sogar nicht zuletzt in Person des Luftwaffen-Stabschefs Generalmajor Wilfried De Brouwer zu dieser Forschung und kam nach eingehender Untersuchungen der Vorfälle zu dem Schluss, dass die berichteten und teilweise dokumentierten Vorfälle keine rationale Erklärung finden. Die Untersuchungsergebnisse wurden dann in 700-seitigen Abschlussbericht in Buchform veröffentlicht. Die „UFO-Welle über Belgien“ gilt seither als Standardwerk der wissenschaftlichen UFO-Forschung und zur Kooperation ziviler und militärischer UFO-Untersucher. Bis heute untersucht die COBEPS UFO-Vorfälle in Belgien – teilweise mit Unterstützung der Behörden und Militärs.

– In DÄNEMARK veröffentlichte 2009 die Luftwaffe 300 Seiten bis dahin geheimer UFO-Akten aus den Jahren 1978 bis 2002 und erklärte zukünftige Meldungen gemeinsam mit der zivilen dänischen UFO-Forschungsorganisation SUFOI zu bearbeiten (…GreWi berichtete).

– In FINNLAND veröffentlichte das Militär ebenfalls im Jahr 2009 300 UFO-Akten aus den Jahren von 1933 bis 1979. Der Umgang mit den seitherigen Akten ist unklar.

– In FRANKREICH existiert sogar bis heute eine größtenteils staatliche UFO-Forschungseinrichtung, die der militärisch-zivile Raumfahrtagentur CNES untersteht. Seit 2007 hat die Groupe d’Études et d’Informations sur les Phénomènes Aérospatiaux Non Identifiés (GEIPAN)“ über 2500 UFO-Sichtungen in Frankreich veröffentlicht, teilweise untersucht und bewertet. Dabei kommt die französische UFO-Behörde zu dem Ergebnis, dass 9 Prozent der Sichtungen nicht identifiziert werden können.

– Auch in GROSSBRITANNIEN existierte bis 2009 ein offizielles „UFO-Büro“ des Verteidigungsministeriums (Ministry of Defence, MoD). Zur Schließung des Büros im Dezember 2009 erklärte eine MoD-Sprecher, man sehe keinen Nutzen mehr in der Untersuchung von UFO-Meldungen. Laut offiziellen Angaben diente das UFO-Büro hauptsächlich dazu, mögliche Bedrohungen britischer Hoheitsgebiete durch in diese eindringende unidentifizierte Flugobjekte (UFOs) zu untersuchen und nicht, um deren vermeintlich außerirdische Herkunft zu studieren (…GreWi berichtete).

IRLAND: 37 Jahre lang erforschte auch die irische Armee seit 1947 im Geheimen UFO-Erscheinungen über dem Inselstaat und dokumentierte jeden einzelnen Fall bis ins Detail. Bekannt wurden die Unterlagen 2007 durch den „Freedom of Information Act“ zur Veröffentlichung bislang geheimer Regierungsdokumente (…GreWi berichtete).

– In ITALIEN ist seit 1978 die „Abteilung Allgemeine Sicherheit“ der italienischen Luftwaffe für die Dokumentation und Untersuchung von UFO-Sichtungen zuständig und veröffentlicht nach und nach ihre Berichte auch online (https://www.aeronautica.difesa.it/ovni/).

SCHWEDEN: Schon 1987 machte das schwedische Militär seine UFO-Forschung öffentlich und übergab den bis dato nicht klassifizierten Teil seiner Akten an das Archiv der zivilen UFO-Forschungsorganisation UFO-Svenska. Seither trägt das schwedische Militär immer wieder neue UFO-Sichtungen in die Datenbank ein. Im Frühjahr 2016 veröffentlichten die mit dem Militär zusammenarbeitenden schwedischen UFO-Forscher um Clas Svahn tausende bislang unveröffentlichter Akten des schwedischen Militär-Archiv der Swedish Defence Research Agency (FOI) über die sogenannten „Geister-Raketen“ (…GreWi berichtete).

– In SPANIEN wurden in den Jahren 1992-1999 ebenfalls mehr als 80 Akten mit über 1000 Seiten zu UFO-Sichtungen ziviler wie militärischer UFO-Sichtungen veröffentlicht und können seither über die Internetseite des spanischen Verteidigungsministeriums eingesehen und heruntergeladen werden. https://bibliotecavirtual.defensa.gob.es/BVMDefensa/es/inicio/inicio.do

GreWi-Dossier:
Über den politischen Umgang mit dem UFO-Phänomen in Deutschland

Warum erscheinen deutsche US-Stützpunkte nicht auf der UFO-Ortungskarte der US-UFO-Untersuchungsbehörde AARO? 6. Januar 2014

GreWi-EXKLUSIV: Deutsche Aufklärungsdrohnen haben noch keine UFOs detektiert 9. August 2023

GreWi EXKLUSIV: UFO-Forscher des Pentagons informieren erstmals „engste Verbündete“ – Deutschland weiterhin außen vor? 19. Juni 2023

Neue Informationen zu UFO-Untersuchungen und Positionen deutscher Ministerien und Behörden 7. März 2023

Nun Offiziell: Deutschland steht bei der Untersuchung von unidentifizierten Flugobjekten im „engen vertraulichen Austausch mit seinen Bündnispartnern“ 15. Februar 2023

Bundesverteidigungsministerin und Kollegen wurden offiziell nicht zu UFOs gebrieft 12. Januar 2023

Erste Schritte auf dem Weg zu Einrichtung einer offiziellen deutschen UAP-Forschungsstelle 13. Oktober 2022

GreWi EXKLUSIV: Deutsche Luftwaffe betätigt sich offiziell nicht an UAP-Untersuchungen des Pentagon 23. Oktober 2022

Nicht nur in Deutschland: Militär- und Zivilradar „blind“ für UFOs und UAP 31. Januar 2022

GreWi nachgefragt: Neue Bundesregierung – neue Position zu UFOs und UAP? 11. Januar 2022

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