Fallstudie: Kugelblitze im Erzgebirge besonders häufig?

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Symbolbild: Kugelblitz (Illu.).

Symbolbild: Kugelblitz (Illu.).

Salzburg (Österreich) – Nachdem 2018 eine Kugelblitzsichtung nahe Schwarzenberg in Sachsen für Aufsehen gesorgt hatte, bat der Salzburger Meteorologe und Psychologe Dr. Alexander Keul über die lokale Presse Augenzeugen um weitere Schilderungen ihrer Beobachtungen des doch eher seltenen Phänomens. Jetzt hat der Wissenschaftler die Auswertung der Rückmeldungen veröffentlicht. Aus grenzwissenschaftlicher Sicht bleiben aber grundlegende Fragen.

Rückblick
Der Vorfall 2018 ereignete sich am Abend des 17. Juni kurz nach 20 Uhr. Damals kam das Ehepaar Barnitzke von einem Wochenendausflug nach Hause und wurden dann Zeuge folgender Ereignisse: “Plötzlich wurde es um uns herum taghell. Erst grell-gelb, dann leuchtend blau rollte ein Blitz regelrecht durch die Bäume, über die Straße, in Richtung Brücke und weiter zum Fluss. Dann kam dieser fürchterliche Knall.“ Den Knall und einen Lichtblitz haben auch andere Anwohner gehört und gesehen, den Kugelblitz selbst allerdings nicht. Ein weiteres Zeugnis des seltenen Naturphänomens könnte allerdings ein Schaden in der Straße am Schlosswald in Schwarzenberg darstellen: Hier waren Steine im Bordstein regelrecht geborsten und auch Spuren an einem Baum zu erkennen. Neben den Sichtungen selbst berichteten auch zahlreiche Anwohner zudem von Schäden
an elektronischen Geräten, dem TV- und Internetempfang und Festnetz (…GreWi berichtete).

Nachdem schon damals die “Freie Presse” (FP) als erste berichtet hatte und auf Anfrage Keuls Leser um ihre Schilderungen ähnlicher Beobachtungen gebeten hatte, meldeten sich 13 weitere Kugelblitz-Zeugen. Grund für das gesteigerte Interesse Keuls sei, so berichtet die „Freie Presse“ aktuell erneut, der Umstand, dass gerade des Erzgebirge auch sonst eine besonders hohe Blitzdichte aufweise.

In der von der “Freien Presse” (FP) weiterhin zitierten Auswertung Keuls heißt es unter anderem erklärend: „Kugelblitze entstehen häufig aus nahen Blitzschlägen (Wolke-Erde-Blitze, kurz Erdblitze). Im Jahr 2017 war Sachsen laut BLIDS-Deutschlandstatistik das blitzreichste Bundesland mit fast 38.000 Erdblitzen, mehr als zwei pro Quadratkilometer. Allein für den Erzgebirgskreis wurden 4884 Blitze registriert. Das ergibt eine erhöhte, lokale Blitzdichte von 2,7 pro Quadratkilometer. Die Wetterwarte Fichtelberg verzeichnete etwa 23 Gewittertage pro Jahr. Bei solchen Werten erschien dem Professor die bisherige Fallstatistik für Kugelblitze gering.“

Dem Aufruf folgten laut FP bis Ende 2018 13 Erzgebirger und berichteten dabei über 17 Beobachtungen. Die Angaben wurden zusammen mit den bereits bekannten vier Fällen statistisch ausgewertet und ergaben im Vergleich zur bereits bekannten deutschen Kugelblitz-Statistik durchaus Überraschendes: „Die geografische Verteilung der 21 Kugelblitzfälle reicht west-östlich von Schneeberg bis Neuhausen, nord-südlich von Eppendorf bis Oberwiesenthal. Auffällig sei dabei, dass die räumliche Verteilung nicht der Blitzhäufigkeit folgt, sondern Richtung Westen viel dichter wird.“ Keul selbst vermutete, dass Geologie und Boden mit eine Rolle spielen.

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Gegenüber der FP widerspricht allerdings Jörg Matschullat von der Bergakademie TU Freiberg dieser Hypothese:
“Analysiert man Gewitter und deren Phänomene, zu denen Blitze gehören, stellt sich heraus, dass es im Grunde zwei Typen gibt: lokale Gewitterzellen und große Gewitterfronten. Beide haben eine sehr eindeutige Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte. Gewitter entstehen also gar nicht unbedingt dort, wo sie sich dann ‚austoben‘, sondern entlang ganz bestimmter Atmosphärenwege (Trajektorien). Das widerspricht extrem jeglicher Hypothese von geologischen Zusammenhängen. Mit den geologischen Verhältnissen und Vererrzungen im Untergrund hat das unserer Erkenntnis nach nichts zu tun.“

Anm. GreWi: Ganz nachvollziehbar erscheint diese Ausführung zunächst allerdings nicht – schließlich spricht Keul ja nicht von einem Zusammenhang zwischen der Ursache der Gewitter mit der Entstehung von Kugelblitzen, sondern vermutet einen Zusammenhang zu einem möglichen Randphänomen von Gewittern, wie es vielleicht durchaus erst dann zur Ausprägung kommt, wenn die Eigenschaften eines Gewitters auf lokal unterschiedliche Bedingungen vor Ort trifft?

Zu insgesamt 21 möglichen Kugelblitz-Sichtungen im Erzgebirgsraum erläutert die FP aktuell  folgendes:
„Die 21 Sichtungen von Kugelblitzen erstrecken sich über den Zeitraum von den 1930er-Jahren bis ins Jahr 2018, wobei die sechziger Jahre mit sechs Fällen hervorstechen. 16 Fälle traten im Sommer – während oder kurz vor Gewittern auf, aber nur vier erwähnten einen nahen Blitzschlag. Die typische Beschreibung lautete ‚Feuerkugel‘, wobei auch Funken, Wunderkerze und Schweif vorkamen. Zehn erschienen feurig-glühend-gelb, vier auch blau/silbern, einer lila/rot. Die geschätzten Größen reichten von 6 bis 7 Zentimeter (Tennisball) bis vier Meter. Dabei waren laut den Schilderungen vier fußballgroß, drei hatten etwa 1,5 Meter Durchmesser. Als ‚Lebensdauer‘ der beobachteten Kugelblitze wurden zehnmal ‚wenige Sekunden‘ angegeben; vier dauerten bis zu einer Minute, einer lebte länger. Fünf verschwanden mit einem ‚Endknall‘, drei wurden ausdrücklich als geräuschlos beschrieben. Spannend war die beschriebene Bewegung: Sechs hüpften wie ein ‚Gummiball‘, vier rollten Hänge herab, drei fielen vom Himmel, vier folgten elektrischen Leitungen, vier rollten auf der Straße, drei irregulär/zickzack, einer horizontal und einer in aufsteigender Bahn. Vier wurden kleiner/schwächer, einer zersprang in ‚tausend Stücke‘. Während sechsmal keine Spuren auftraten, gab es dreimal Boden- oder Baumspuren, einmal Spuren mit Ruß und zweimal auch Verletzungen (Verbrennung, elektrischer Schlag).“

Im Vergleich zu Keuls deutscher Kugelblitz-Statistik von 2006 mit insgesamt 132 Fällen falle der Kugelblitz im Erzgebirge gleich mehrfach aus dem Rahmen: „So sind die sonst häufigen ‚Besuche in Gebäuden‘ selten, ebenso der ‚Endknall‘“, berichtet der Forscher. „Mit zwei verletzten Beobachterinnen waren diese heimischen Objekte gefährlicher als im Bundesdurchschnitt. Während Zeitdauer, Größen und Farben ähnlich erschienen, weicht die Bewegung deutlich ab: Sieben bewegten sich bergab und sechs hüpften.‘ Auch wenn man kleine Fallstatistiken nicht überinterpretieren sollte, bieten – so Keul erläuternd – lokale Berichte dennoch die Chance, Eigenheiten zu erkennen.

– Einige Beispiele der in Folge des Aufrufs der „Freien Presse“ geschilderten Augenzeugenberichte finden Sie gemeinsam mit weiteren Informationen zur Sache HIER

Anm. GreWi: Aus grenzwissenschaftlicher Sicht sind Schilderungen wie die, die Prof. Keul und Kollegen jetzt wohl als „Kugelblitze“ im Erzgebirge (…aber auch anderswo) katalogisieren nicht aufgrund der rein meteorologischen Perspektive interessant. Schließlich gilt es in einigen Fällen sicherlich noch im Detail zu untersuchen, ob ein geschildertes Phänomen auch tatsächlich dem des Kugelblitz entspricht oder ob es sich vielleicht auch um ein anderes anomalistisches Phänomen – etwa eines, das eher in die Kategorie einer UFO-Sichtung einzuordnen wäre – handelt.

Hintergrund
Zu den schon seit Jahrhunderten beschriebenen mysteriösen und bislang noch nicht völlig erklärten Eigenschaften von Kugelblitzen (s. Abb. l.: Illustration eines Kugelblitzes im Innern eines Raumes aus dem 19. Jahrhundert. Copyright: Gemeinfrei) gehört neben ihrem plötzlichen Erscheinen etwa der Umstand, dass sie sich offenbar unabhängig von der sie umgebenden Atmosphäre bewegen können, ihre Flugrichtung also nicht von Luftbewegungen beeinträchtigt wird; und die von Zeugen schon zahlreich beschriebene Fähigkeit, sich ungehindert durch Fenster und solide Wände bewegen und dennoch andere physikalische Objekte schädigen zu können. Auch die im Vergleich zu gewöhnlichen Blitzen ungewöhnliche Langlebigkeit von Kugelblitzen stellt Wissenschaftler bis heute vor ein Rätsel.

Gemeinsam mit Claudia Hinz, die bis Ende 2018 als Technische Assistentin für Meteorologie auf der Wetterwarte des Fichtelbergs gearbeitet hatte und weiterhin eine aktive Wetterneobachterin in der Region ist Professor Dr. Alexander Keul auch weiterhin an Hinweisen und Schilderungen über das Auftreten von Kugelblitzen interessiert. Hinweise und Sichtungsberichte bitte an: kugelblitz@email.de

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