Forscher entdecken neue Schimpansen-Kultur

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Östlicher Schimpanse, Pan troglodytes schweinfurthii Copyright: Rod Waddington (via WikimediaCommons), CC BY-SA 2.0

Östlicher Schimpanse, Pan troglodytes schweinfurthii
Copyright: Rod Waddington (via WikimediaCommons), CC BY-SA 2.0

Leipzig (Deutschland) – Beim Studium von Schimpansen in der Region Bili-Uéré im Kongo haben Verhaltensforscher im Rahmen einer Langzeitstudie ein neues Verhaltensrepertoire der dortigen östlichen Schimpansen beobachtet und beschrieben.

Wie die Forscher um Thurston C. Hicks vom Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie gemeinsam mit Kollegen der Universität Warschau aktuell im Fachjournal „Folia Primatologica“ (DOI: 10.1159/000492998) berichten, gibt es unterschiedliche Kulturen, Gewohnheiten und Verhaltensmuster nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Schimpansen, einem unserer beiden nächsten lebenden Verwandten: „Schimpansen haben eine ausgefeiltere und diversifiziertere materielle Kultur als jeder andere nichtmenschliche Primat. Ihr Verhalten variiert im tropischen Afrika in einer Art und Weise, die sich nicht immer durch die Beschaffenheit ihres Lebensraums erklären lässt.“

„Diese Verhaltensvielfalt besser zu verstehen, könnte auch bei der Erforschung unserer frühesten homininen Vorfahren und der Entstehung ihrer Traditionen von entscheidender Bedeutung sein“ erläutert die Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts.

Schon zuvor konnten Verhaltensforscher bereits mehrere bei Schimpansen weitverbreitete Verhaltensmuster dokumentieren, darunter die Verwendung von Knüppeln in Zentralafrika, um Bienenstöcke zu öffnen, und langen Hilfsmitteln in Westafrika, um an verschiedenen Standorten nach Algen zu fischen.

Hintergrund: Der grenzwissenschaftliche Bezug
Während der Inhalt dieser Meldung zunächst rein biologischer bzw. verhaltenswissenschaftlicher erscheinen mag, ergibt sich ein direkter Bezug auch aus anomalistisch-grenzwissenschaftlicher Betrachtung, wenn man Zeugenberichten Glauben schenkt, die das Verhalten der angeblich in den Wäldern Nordamerikas, Russlands und Asiens lebenden, aufrechtgehenden und menschenähnlichen Großprimaten beschreiben, die als Bigfoot, Sasquatch, Almas, Yeti, Yeren und vielen weiteren Namen und Bezeichnungen bekannt sind. Auch diese sollen hier und da dabei beobachtet worden sein, primitive Werkzeuge benutzt und einfache Behausungen und Nester angelegt haben, sich durch das schlagen von Stöcken gegen Bäume und Steinewerfen bemerkbar machen, und sogar über eine – wenn auch primitive Form – der Lautkommunikation verfügen. Nicht zuletzt aus diesem Grund könnte also auch die hier vorgestellte Studie zu einem besseren Verständnis derartiger Sichtungsfälle führen. Derzeit stehen die Ergebnisse einer eDNA-Analyse von Materialproben aus möglichen Sasquatch-Nestern noch aus (…GreWi berichtete).

In seinem aktuellen Fachartikel beschreibt das Forscherteam um Hicks nun detailliert ein neues Verhaltensrepertoire östlicher Schimpansen (Pan troglodytes schweinfurthii) in der Region Bili-Uéré, wie es über ein mind. 50.000 Quadratkilometer großes Gebiet verbreitet ist.

“Über einen Zeitraum von zwölf Jahren haben wir Schimpansenwerkzeuge und -gegenstände in 20 Studiengebieten dokumentiert und Daten über Kot, Fütterungsreste und Schlafnester der Tiere gesammelt”, erläutert Hicks und führt dazu weiter aus: “Wir beschreiben ein neues Schimpansen-Werkzeugset: Lange Stöcke zum Sammeln von epigäischen Treiberameisen (Dorylus sp.), kurze Stöcke zum Sammeln von Stechameisen (Ponerinae) und zum Sammeln von Honig aus den Baumnestern stachelloser Bienen, dünne kurze Stöcke zur Extraktion von Ameisen der Art Dorylus kohli und stabile Stöcke, die die Tiere verwenden, um die unterirdischen Nester stachelloser Bienen zu erreichen.”

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Hinzu dokumentieren die Forscher eine im Vergleich zu anderen Schimpansenpopulationen erweiterte Schlagtechnik, die mit der Nahrungsverarbeitung zusammenhängt: „Die Bili-Uéré-Schimpansen schlagen nicht nur hartschalige Früchte gegen Substrate (wie andere Schimpansenpopulationen auch), sondern sie öffnen mit Hilfe von Schlägen auch die Termitenhügel der beiden Arten Cubitermes sp. und Thoracotermes macrothorax, eine Nahrungsquelle, die Schimpansen in den meisten anderen Regionen Afrikas ignorieren. Östliche Schimpansen scheinen hingegen nicht auf die Termiten der Art Macrotermes muelleri zuzugreifen, nach denen Schimpansen einer Reihe anderer Langzeitforschungsstätten üblicherweise fischen.“

Die Wissenschaftler sehen zudem erste Belege dafür, dass östliche Schimpansen afrikanische Riesenschnecken und Schildkröten gegen Substrate schlagen. Beide waren als Nahrungsquellen für Schimpansen bisher nicht bekannt. „Außerdem ist es in dieser Region auch üblich, dass Schimpansen ihre Nester auf dem Boden bauen”, fügt Hicks hinzu.

Zum Thema

Obwohl sich die Verhaltensweisen der Schimpansengruppen auf beiden Seiten des Uele-Flusses und über zwei sehr unterschiedliche Typen von Lebensräumen (Mosaik Lebensraumtypen (Mosaik aus Savanne und tropischem Regenwald im Norden und tropischer Feuchtwald im Süden) hinweg stark ähneln, stießen die Forscher auch auf geografische Unterschiede im Verhalten der Tiere und fanden unterschiedlich häufig Werkzeuge zum Fischen nach epigäischen Treiberameisen, im Süden fanden sie keine Werkzeuge zum Graben nach Honig. Lange Stöcke zum Fischen nach Treiberameisen und Stätten, wo Früchte aufgeschlagen wurden, kamen ausschließlich nördlich des Uele-Flusses vor.

“Heutzutage scheint es uns, als hätten wir schon alles entdeckt, was es zu entdecken gibt. Was für eine schöne Überraschung, nun eine neue Schimpansenpopulation mit ihrem interessanten Verhaltensrepertoire beschreiben zu können! Das zeigt uns, dass noch längst nicht alles dokumentiert ist und wir noch sehr viel mehr über unsere natürliche Umwelt lernen können”, sagt Ko-Autor Hjalmar Kühl, ein Ökologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Forschungszentrum iDiv.

“In der überentwickelten Welt von heute gibt es nur noch verschwindend wenige Möglichkeiten, eine große intakte Menschenaffenkultur zu erforschen, die sich über Zehntausende von Waldkilometern erstreckt”, sagt Hicks. “Wir brauchen solche natürlichen Laboratorien, um zu verstehen, wie sich eine materielle Kultur unter gesunden, gedeihenden Hominiden-Populationen verbreitet. Ansonsten wird es uns schwerfallen, die Innovationen unserer eigenen Vorfahren in den Waldgebieten Afrikas vor Millionen von Jahren besser zu verstehen.”

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