Forschern gelingt Echtzeit-Dialog mit klar-träumender Person

Klar-Träumen im Schlaflabor. Copyright: K. Konkoly
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Klar-Träumen im Schlaflabor. Copyright: K. Konkoly

Klar-Träumen im Schlaflabor.
Copyright: K. Konkoly

Chicago (USA) – Der Inhalt unserer Träume ist von jeher gleichermaßen ein Mysterium wie Faszinosum. Einem internationalen Team aus Kognitionswissenschaftlern ist es nun erstmals gelungen, mit luzid träumenden Personen in Echtzeit zu kommunizieren, diesen Aufgaben und Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten.

Wie das Team um Ken Paller von der Northwestern University aktuell im Fachjournal „Current Biology“ (DOI: 10.1016/j.cub.2021.01.026) berichtet, haben sie bei ihren Forschungen Personen gefunden, mit denen sie während eines Traumes innerhalb der sogenannten REM-Phase direkt interagieren und in Echtzeit kommunizieren können. Zugleich zeigen die Ergebnisse der Experimente, dass auch Träumende in der Lage sind, an sie gerichtete Fragen zu verstehen, ihr sogenanntes Arbeitsgedächtnis zu aktivieren und Antworten zu erzeugen.

„Die meisten Menschen würden vermutlich sagen, dass eine solche Kommunikation mit Träumenden nicht möglich ist, dass die träumende Person vermutlich eher aufwacht, einfach keine sinnvollen Antworten geben oder aber die Fragen erst gar nicht richtig verstehen würde“, erläutert Paller.

Obwohl wir alle ständig träumen, können Wissenschaftler Träume immer noch nicht vollständig erklären. Bislang waren Forscher auf die Traumberichte der Träumenden nach dem Aufwachen angewiesen – doch damit auch auf Erinnerungen, die die Trauminhalte verzerren, falsch wiedergeben oder gar größtenteils vergessen hatten. Aus diesem Grund haben Paller und Kollegen versucht, mit sogenannten Klarträumern während deren Klarträumen direkt und in Echtzeit zu kommunizieren.

„Unser experimentelles Ziel war es, einen Weg zu finden, mit einem ‚Astronaut‘ zu sprechen, der sich auf einer anderen Welt befindet. Nur das diese Welt in unserem Fall eine vollständig erfundene Welt auf der Grundlage der Erinnerungen im Gehirn war“, schreiben die Autoren.

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Auf diese Weise erhoffen sich die Traumforscher und -forscherinnen neue Wege zur Analyse von Träumen, unseren Erinnerungen und Antworten auf die Frage, wie unsere Erinnerungen mit dem Schlag zusammenhängt.“

In ihren Experimenten untersuchten die Forschenden 36 Personen, die mittels vier verschiedener Methoden um einen Klartraum bemüht waren. Bei einem auch als „luzider Traum“ bezeichneten Klar- oder Wachtraum ist sich die träumende Person vollständig bewusst, dass sie gerade träumt. Erfahrene Klarträumer berichten sogar davon, während eines derart luziden Traumes, die Trauminhalte, -Ereignisse und -Handlungen aktiv vorgeben und bestimmen zu können. Neben der der Northwestern University waren auch Kognitionswissenschaftler der Pariser Sorbonne, der Universität von Osnabrück sowie der Radboud Universiteit in den Niederlanden an den Experimenten beteiligt.

„Wir konnten nachweisen, dass schlafende Menschen nicht komplett von der Wachwelt abgeschottet sind. Sie können im Schlaf sogar Morse-kodierte Matheaufgaben lösen und willentlich Fragen wie ‚Magst du Schokolade?‘ beantworten, ohne dabei aufzuwachen“, berichtet Dr. Kristoffer Appel von der Universität Osnabrück.

Die Ergebnisse zeigen also, dass einige Menschen durchaus in der Lage sind, die Fragen eines Experimentators zu verstehen und ihm Antworten geben. Die Forscher machten sich dabei den Effekt zunutze, dass Wachwelt-Stimuli, also Reize wie Töne, Lichtblinks und Tippen auf den Handrücken teilweise in Träume inkorporiert werden, d.h. dort direkt oder indirekt eingebaut werden und vom Träumer bzw. Klarträumer erkannt werden können und teilweise auch Teil genau jener Techniken zum Herbeiführen luzider Träume sind.

Die Antworten auf die Fragen gaben die Versuchspersonen über Augenbewegungen oder Kontraktionen der Gesichtsmuskeln – auch dies lasse sich bis zu einem gewissen Grad aus dem Traum heraus willentlich ansteuern und im Schlaflabor aufzeichnen, berichten die Autoren und Autorinnen. „Dabei demonstrierten einige der insgesamt 36 Versuchspersonen zahlreiche Fähigkeiten“, erläutert die Pressemitteilung der Uni Osnabrück. „Dazu gehörten das Erkennen der Wachwelt-Informationen im Traum, die Analyse dieser Informationen (z. B. das Decodieren von Morse-Code-Lichtblitzen in Matheaufgaben), die Speicherung dieser Informationen im Arbeitsgedächtnis, das Berechnen einfacher Antworten und das willentliche Übermitteln dieser Antworten.“ Schlussendlich konnten konnten sechs Versuchungspersonen in 29 Fällen an sie im Klartraum gerichtete Fragen korrekt beantworten.

Die potenziellen Anwendungen des von den Forschenden als „Interactive Dreaming“ bezeichneten interagierenden Träumens seien auch außerhalb der Forschung vielfältig, so Appel: „Künstler, Komponisten und Schriftsteller könnten eines Tages vielleicht die Kreativität des Traumzustandes nutzen und ihre Werke direkt in die Wachwelt übertragen.“ Aber auch Psychotherapeuten böte sich die Möglichkeit, Albträume direkt während des Auftretens zu behandeln. Neues Wissen „im Schlaf“ zu lernen – der Traum vieler Schüler – sei genauso denkbar wie das Training neuer musikalischer oder sportlicher Fähigkeiten oder das Nutzen der Methode für privates Entertainment. Zunächst müsse allerdings das “Interaktive Träumen” weiter erforscht und verbessert werden, so die Kognitionswissenschaftler abschließend.




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Quelle: Cell Press, Universität Osnabrück

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