Genetikern erzeugt erstmals synthetische menschliche Embryonen

Symbolbild: Embryonale Entwicklung. Copyright: Nina Sesina (via Wikimediacommons) / CC BY-SA 4.0
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Symbolbild: Embryonale Entwicklung.Copyright: Nina Sesina (via Wikimediacommons) / CC BY-SA 4.0

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Copyright: Nina Sesina (via Wikimediacommons) / CC BY-SA 4.0

Cambridge (Großbritannien) – Zum ersten Mal ist es gelungen, alleine aus menschlichen Stammzellen, – also ohne Spermien- und Eizellen – einen menschlichen Embryo sozusagen synthetisch herzustellen. Der Forschungserfolg weckt sowohl Hoffnung auf neue medizinische Verfahren, aber auch ethisch-moralische Fragen.

Wie an der University of Cambridge und am Caltech tätige Professorin Magdalena Żernicka-Goetz aktuell auch dem Jahrestreffen der „International Society for Stem Cell Research“ berichtete, handelt es sich bei den erschaffenen Strukturen bislang noch um die frühesten Entwicklungsphasen der menschlichen Entwicklung. Diese könnten für wichtige Untersuchungen zu genetischen Erkrankungen oder wiederkehrenden Fehlgeburten genutzt werden. Zugleich wurden, so berichtet der britische „The Guardian“, nicht zuletzt auf der Veranstaltung aber auch kritische Stimmen und fragen nach legalen juristischen und ethischen Aspekten und Konsequenzen laut. Eine Fachpublikation steht noch aus.

Wie aus den Ausführungen der Genetikerin hervorgeht, handelt es sich um Embryonen, die noch keine Hirn- oder Herzentwicklung aufweisen. Allerdings seien bereits Zellen vorhanden, aus denen heraus sich später die Plazenta, der Dottersack und schlussendlich ein vollständiger Embryo entwickeln könnten.

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Wie Żernicka-Goetz weiter berichtete, entspreche der Embryo einem natürlichen Gegenstück im Reifungsalter von 14 Tagen im Mutterleib. Ob sich der synthetische Embryo tatsächlich über dieses Stadium hinaus vielleicht sogar zu einem Fötus und Kind entwickeln könnte, ist nicht bekannt. Tatsächlich gehe es in den Experimenten aber überhaupt nicht um derartige Ziele, versichert die Wissenschaftlerin. Vielmehr gehe es um wichtige Einblicke in die früheste Phase der menschlichen embryonalen Entwicklung und der Suche nach Wegen der vorzeitigen Behandlung etwa von Erberkrankungen.

Aktuell ist die Aufzucht von menschlichen Embryonen für Forschungszwecken über ein Alter von 14 Tagen hinaus nicht erlaubt. Da embryonalen Forschung entweder auf Spenden von Embryonen angewiesen ist oder erst wieder in deutlich späteren Entwicklungsstadien aufgenommen werden darf, klaffte bislang eine Lücke in den legalen Forschungsmöglichkeiten. Eine Lücke, wie sie mit der aktuellen Entwicklung synthetischer Embryonen vielleicht geschlossen werden könnte.

„Die Fähigkeit, frühe Ereignisse der menschlichen Entwicklung mithilfe von Stammzellen in einer Schale nachzubilden, ist ein bemerkenswerter Durchbruch in der Zell- und Reproduktionstechnologie“, erklärte Dr. Rodrigo Suarez von der University of Queensland in einer Erklärung. „Die potenziellen Vorteile sind enorm und reichen von einem besseren Verständnis der Selbstorganisation früher Gewebe in Stadien, die sonst mit aktuellen Ansätzen nicht untersucht werden könnten, bis hin zur Aufklärung der genetischen und zellulären Anforderungen, die mit der frühen menschlichen Entwicklung in Bezug auf Gesundheit und Krankheit verbunden sind.“

Bislang hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Żernicka-Goetz an Embryonen von Mäusen und Affen geforscht. Die Frage, wie sich jetzt stellt, ist die, wie sehr die synthetischen Embryonen tatsächlich menschlichen Embryonen.

„Sollte die Absicht dieser Forschung darin bestehen, dass diese Modelle natürlichen Embryonen möglichst ähnlich sind, dann sollten sie in gewisser Weise gleich solchen behandelt werden“, gibt Professor Robin Lovell-Badge, Leiter der Stammzellbiologie und Entwicklungsgenetik am Francis Crick Institute Derzeit gegenüber dem „Guardian“ zu bedenken. Derzeit sei das jedoch nicht der Fall. Zugleich machen sich viele Menschen genau darüber Sorgen“.

In einem Statement kommentiert auch Dr. Evie Kendal von der Swinburne University of Technology die neuste Entwicklung: “Es ist zwar noch nicht klar, wie sich diese synthetischen Embryonen entwickeln oder in der Forschung verwendet werden könnten, aber wenn festgestellt wird, dass sie nicht mit menschlichen Embryonen gleichwertig sind oder es möglich ist, ihre Entwicklung so einzuschränken, dass sie bestimmte mit dieser Frage verbundene Merkmale gar nicht erst erwerben, könnten sie möglicherweise in der Forschung nützlich sein, die derzeit als zu riskant für die Verwendung wirklicher menschlicher Embryonen angesehen wird.“

Zumindest in ähnlichen früheren Versuchen mit Tieren entwickelten sich aus synthetischen Embryonen, die beispielsweise Affenmüttern eingepflanzt wurden, keine wirklichen Föten. Bei Mäusen ging die Entwicklung hingegen so weit, dass es zu aktivem Herzschlag und der Entwicklung des Gehirns kam, bevor andere Defekte die weitere Entwicklung beendeten. Warum es bislang zu keiner erfolgreichen Ausprägung lebensfähiger Föten gekommen ist, ist selbst den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen noch unbekannt.




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Recherchequelle: isscr2023.org, The Guardian

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