Genetische Studie zu Hautfarben stellt Vorstellung von Rassen in Frage

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Einige der unterschiedlichen auf den afrikanischen Kontinent verbreiteten, dunklen Hauttöne.

Copyright: Alessia Ranciaro and Simon Thompson

Philadelphia (USA) – Fällt der Begriff der Rasse, so ist dieser meist untrennbar auch mit der Vorstellung unterschiedlicher Hautfarben verbunden. In einer umfangreichen Analyse der genetischen Grundlagen der auf dem afrikanischen Kontinent vertretenen Hautfarben stellen Wissenschaftler nun “Rasse als biologisches Konzept” grundsätzlich in Frage.

Wie das Team um die Genetikerin Sarah Tishkoff von der University of Pennsylvania aktuell im Fachjournal “Science” (DOI: 10.1126/science.aan8433) berichtet, untersuchten sie die genetischen Informationen von bis zu 2.000 Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen des “schwarzen” Kontinents, wodurch es sich bei d er Studie um die bislang umfangreichste Arbeit ihrer Art handelt.

“Wenn die meisten Leute an eine typische afrikanische Hautfarbe denken, so denken sie meist an dunkle Haut”, kommentiert Tishkoff. “Tatsächlich können wir aber zeigen, dass es hier eine unglaublich große Vielfalt an Hautfarben und –tönen gibt. Angefangen von haut, die so hell ist wie die einiger Asiaten bis hin zu den dunkelsten Hauttönen weltweit und eben alles dazwischen.”

Die Ergebnisse belegen insgesamt acht genetische Varianten innerhalb des menschlichen Genoms, die mit der Hautpigmentierung einhergehen. Sowohl die meisten mit heller Haut assoziierten (…und heute vornehmlich unter Europäern vorkommenden) Varianten als auch die dunkler Haut haben beide ihren Ursprung in Afrika. Zudem sind die ältesten Versionen dieser Varianten jene für helle Hauttypen, was die Schlussfolgerung erlaubt, dass sich die nur leichte pigmentierte (helle) Haut noch vor der dunkleren entwickelt hatte.

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Die meisten der mit heller und dunkler Haut assoziierten Genvarianten scheinen vor rund 300.000 Jahren – und damit schon deutlich vor der Entstehung des modernen Menschen entstanden zu sein, während andere sogar bereits vor rund einer Million Jahren auftauchten.

“Rasiert man einen Schimpansen, so zeigt sich, dass er unter seinem dunklen Fell helle Haut besitzt”, erläutert Tishkoff und führt dazu weiter aus: “Und es macht auch Sinn anzunehmen, dass unserer Aller erste Vorfahren eine hellere Haut besaßen. Wahrscheinlich wurde unsere Haut dunkler, nachdem wir Menschen den Großteil unserer Körperbehaarung verloren hatten und uns von den schützenden Bäumen in die offenen Savannen wagten. Mutationen, die sowohl die Ausprägung heller als auch dunkler Haut beeinflussen, haben sich wohl mit uns Menschen und an unsere jeweiligen Lebensumstände angepasst verändert.”

Hintergrund
Sowohl helle als auch dunkle Hautpigmentationen haben ihre Vorteile: Während dunklere Haut beispielsweise besser vor den schädlichen Auswirkung stärkerer ultravioletter (Sonnenein-)Strahlung schützt, fördert helle Haut in Regionen mit weniger UV-Einstrahlung die körpereigene Synthese von Vitamin D.

Genvarianten, die zu einer stärkeren und damit dunkleren Pigmentierung der Haut führen, finden sich außerhalb Afrikas in Populationen Südasiens, Indien und dem australisch-melanesischen Raum. “Der Ursprung von Eigenschaften wie Haarstruktur, Hautfarbe und Statur, wie sie diese indigenen Gruppen mit jenen des subsaharischen Afrikas gemein haben, war lange Zeit ein Rätsel”, erläutert die Genetikerin. “Einige (Forscher) vermuteten, dass es sich hier um beispiele konvergenter Evolution handelte – dass sich diese Eigenschaften also aufgrund von Mutationen unabhängig voneinander ausgebildet haben. Unsere Studie zeigt nun aber, dass zumindest die für die Hautfarbe verantwortlichen Gene der außer-afrikanischen Populationen identische Varianten mit jenen dunkelhäutiger Afrikaner aufzeigen.”

Hingegen findet sich die Genvariante mit der stärksten Verbindung zur Hautfarbe rund um das Gen SLC24A5, das vor rund 30.000 Jahren entstand und eine Rolle in der Ausprägung hellerer Hauttöne spielt, wie sie vornehmlich bei Europäern und Südasiaten zu finden sind. “Wie sich zeigt ist das Gen aber auch in Bevölkerungsgruppen in Äthiopien und Tansania zu finden. Zudem zeigte sich, dass ähnliche Varianten rund um die Gene MFSD12, OCA2 und HERC2 sowohl bei den afrikanischen San als auch bei Europäern die Haut heller färben.


Kinder des äthiopischen Stammes der Mursi besitzen die dunkelste Pigmentierung Afrikas, teilen sich allerdings Genvarianten mit Menschen aus Südasien und dem asutralisch-melanesichen Raum.

Copyright: Photo: Alessia Ranciaro and Simon Thompson

Damit stimmen die neuen Daten also auch mit der Vorstellung einer schon sehr frühen Migration moderner Menschen aus Afrika entlang der südlichen Küsten Asiens und in den australisch-melanesischen Raum und einer zweiten Auswanderungswelle in andere Weltregionen überein. “Es wäre aber auch möglich, dass es nur eine einzige afrikanische Population gab, die alle genetischen Varianten sowohl heller als auch dunkler Haut in sich trug und sich die Varianten für dunklere Haut hauptsächlich in Südasien und dem australisch-melanesischen Raum verbreiteten, während sie unter den Europäern durch natürlich Selektion verloren ging.”

“Viele jener Gene, die wir als Varianten für Hautfarben identifiziert haben, scheinen sich nie außerhalb Afrikas ausgebildet zu haben, da sie nicht variabel genug sind”, so Tishkoff. “Innerhalb Afrikas gibt es hingegen eine derart hohe Vielfalt, was die Hautfarben anbetrifft, wie dies meist nicht wahrgenommen und anerkannt wird. Es gibt also keine ‘afrikanische Rasse’. Aber auch die meisten Genvarianten für helle (“weiße”) Haut entwickelten sich bereits auf den afrikanischen (“schwarzen”) Kontinent. (…) Wir zeigen, dass die Hautfarbe auf dem afrikanischen Kontinent extrem variabel ist und sich bis heute noch verändert. (…)” Wie sich zeigt ist die Geschichte unserer Hautfarben also sehr viel komplexer als bislang angenommen und stellt damit die erst Jahrhunderte alte Vorstellung von einer sauberen (genetischen) Verbindung zwischen Rasse und Hautfarbe grundsätzlich in Frage.

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