GreWi-Faktencheck: Warum wurde ein Sonnenobservatorium in New Mexico vom FBI geschlossen?

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Blick auf das Gelände des Sunspot Solar Observatory mit dem charakteristischen Turm des Dunn Solar Telescope.
Copyright: sunspot.solar

Sunspot (USA) – Die Schließung des National Solar Observatory in Sunspot im US-Bundesstaat New Mexico durch das FBI und eine damit offenbar einhergehende Informationssperre des US-Inlandsgeheimdienstes hat nicht nur bei lokalen Medien, sondern erwartungsgemäß auch und gerade im Web zu zahlreichen Spekulationen und Verschwörungstheorien gesorgt. Grenzwissenschaft-Aktuell.de hat versucht, die Fakten zu sortieren.

NEUSTES UPDATE (#2) ZU DEN HINTERGÜNDEN DER EVAKUIERUNG 20. Sept. 2018 HIER
UPDATE:
Am heutigen 17. September 2018 haben die Betreiber des Observatoriums die Gründe für die Evakuierung und die Wiedereröffnung der Anlage erklärt. Die GreWi-Meldung dazu finden Sie HIER

Die Story nahm ihren Anfang mit einer Pressemeldung in den „The Alamogordo Daily News“, darüber, dass am 6. September 2018 das The Sunspot Solar Observatory „bis auf Weiteres aufgrund von Sicherheitsmaßnahmen geschlossen worden sei.

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Weiterhin zitierte die Zeitung mit Shari Lifson die Sprecherin der Association of Universities for Research in Astronomy (AURA), von der das nationale Sonnenobservatorium betrieben wird, die weiter erklärt, die Einrichtung sei „aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen geräumt“ worden. Wann und warum genau dies passierte, wollte und konnte die Sprecherin nicht erläutern. Zugleich berichtete die Zeitung, dass das nur eine Meile entfernt gelegene Apache Point Observatory (APO) nicht evakuiert worden sei.

Während die Situation bis dahin wohl kaum eine weitere, geschweige denn internationale Schlagzeilen wert gewesen wären, sorgte dann die weitere Information darüber, dass das FBI vor Ort sei und selbst der lokale Sheriff nicht über die Hintergründe informiert wurde, nicht nur für Aufsehen unter Journalisten sondern erwartungsgemäß auch in den sog. Sozialen Medien.

Tatsächlich zitiert die genannte Zeitung mit Benny House den zuständigen Sheriff von Otero County mit den Worten, dass „das FBI sich weigere, die Vorgänge zu erläutern“ und sein Büro lediglich zur Unterstützung bei der Evakuierung der Einrichtung behilflich sein sollte. „Niemand wollte sich zu den Gründen äußern. Das FBI ist vor Ort. Was die aber dort machen, das will niemand sagen. (…) Es gibt hier eine ganze Menge unbeantworteter Fragen.“

„Tatsächlich war das FBI sehr schnell vor Ort und tut um alles sehr geheimnisvoll. Dort oben war einiges los“, so House weiter. „Es war sogar ein Blackhawk-Helikopter da und viele Leute mit Antennen und ganze Arbeitercrews, von denen aber niemand etwas sagen wollte.“ Nachdem keine Bedrohung ausgemacht werden konnte, habe er (Sheriff House) seine Männer wieder abgezogen. Er selbst verstehe nicht, warum ihm niemand erklärt habe, was vorgefallen sei oder welche Bedrohung man befürchte. „Wenn dort jemand von außen bedroht worden wäre, so ist mir nicht klar, warum man mich darüber nicht informiert hätte.

Die Leute, die dort arbeiten sind ganz normale Angestellte. Ich verstehe wirklich nicht, warum das FBI so schnell und geheimnisvoll vor Ort aktiv war.“

Rückfragen der „Daily News“ beim zuständigen FBI-Büro verliefen ohne Rückmeldung der Behörde.

Selbst australische Nachrichtensendungen nahmen sich der Sache an und spekulierten als erste darüber, dass die Schließung und Evakuierung mit der jüngsten Sonnenstürmen in Folge sogenannter koronaler Löcher in der Sonnenkorona zu tun haben könnten.

Hintergrund

Die Sonne mit koronalem Loch – aufgenommen am 25. Mai 2007 von der NASA-Sonde STEREO.
Copyright: NASA

Kornale Löcher treten gehäuft während des Abklingens und im Minimum des Sonnenfleckenzyklus auf. Tatsächlich befindet sich unsere Sonne derzeit genau in einer solchen Phase. Da in dieser Zeit kaum bis gar keine Sonnenflecken und damit einhergehende Sonneneruptionen und -ausbrüche (Flares) aktiv sind, stellen koronale Löcher derzeit den Haupt-Beeinflussungsfaktor für die Ionosphäre und das Magnetfeld der Erde dar, da durch sie Sonnenplasma als schneller Sonnenwind ungehindert in den interplanetaren Raum austreten kann. In Folge solcher erdgerichteter Sonnenstürme, können bei Auftreffen auf das irdische Magnetfeld nicht nur Satelliten im Erdorbit, sondern auch Flugzeuge und sogar technische Infrastruktur auf der Erdoberfläche beschädigen, etwa Transformatoren zerstören und somit weite Teile des Stromnetzes lahm legen. Ebenfalls beeinträchtigt werden können Kommunikationsnetzwerke und GPS – kurz: alles, worauf sich unser heutige, hochtechnisierte und gleichzeitig von diesen Technologien abhängige Gesellschaft stützt.

Doch auch wenn die mysteriöse Schließung und Evakuierung des Sonnenobservatoriums mit dem treffenden Namen Sunspot mit dem Entstehen eines koronalen Lochs einherging, so ist zum einen nicht ersichtlich, warum deshalb ein Sonnenobservatorium auf der Erde geschlossen und seine Mitarbeiter evakuiert werden sollten, während andere naheliegenden Forschungseinrichtungen wie das APO geöffnet blieben. Schließlich beobachtet ein Observatorium die Vorgänge auf der Sonne nur, ist nicht direkt mit diesen Verbunden und wird auch nicht mehr als andere Einrichtungen von Sonnenstürmen betroffen.

Der englische Tabloid „Daily Star“ hingegen bedient sich der Spekulationen zahlreicher fragwürdiger Youtube-Kanäle wie „Secureteam10“, der für seine unzähligen und sensationalisierten gefälschten UFO-Videos bekannt und der nicht nur von seriösen UFO-Forschern heftig kritisiert wird. Hauptquelle für der Meldung des „Daily Star“ ist jedoch der sich mit einschlägigen Verschwörungstheorien beschäftigende Youtube-Kanal „Blazing News“ (s. Video). Hier will man – einhergehend mit der Schließung des Sonnenobservatoriums – ein vom NASA- Sonnenbeobachtungssatelliten „SDO“ (Solar Dynamics Observatory) aufgenommenes riesiges Objekt vor der Sonne ausgemacht haben.

Gemeint sind diese SDO-Aufnahmen vom 9. September 2018, die KEIN „Riesen-UFO“ sondern gleich zwei Sonnenfinsternisse aus Sicht des SDO-Satelliten zeigen:
https://www.nasa.gov/sites/default/files/styles/full_width/public/thumbnails/image/2_2018-09-10_11_13_16.gif?itok=1EWiZSjN

Tatsächlich kommentiert „Blazing News“ die die Bilder des SDO zunächst teilweise richtig, wenn festgestellt wird, dass die beiden die Sonne verdeckenden „Objekte“ unterschiedlicher Größe sind und sich auf den SDO-Aufnahmen jeweils in entgegengesetzter Richtung zueinander bewegten.

Falsch wird es jedoch dann, wenn „Blazing News“ diese Bilder versucht zu interpretieren und erklärt, es könne sich also nur um zwei unterschiedliche Objekte handeln: Der Mond und etwas anderes…

Tatsächlich genügt ein Blick auf die NASA-Webseite der SDO-Mission um zu verstehen, was hier zu sehen ist: „Das Video zeigt, wie der Mond – aus SDO-Perspektive – sich zunächst in einer Richtung (vor der Sonnenscheibe) vorbeibewegt, um dann seine Richtung zu wechseln und den Mond erneut zu passieren. In Wirklichkeit wechselt der Mond seine Richtung aber natürlich nicht. Dieser Eindruck entsteht (Anm. GreWi: ebenso wie die unterschiedliche scheinbare Größe der Mondscheibe) aufgrund der unterschiedlichen SDO-Perspektiven, die entstehen, wenn der Satellit den Mond während des ersten Vorbeizugs (Transit) sozusagen überholt.“

Entgegen dieser Fakten behauptet „Blazing News“ jedoch, es handele sich „um die gleiche um die gleiche Perspektive in gleicher Distanz“ und schlussfolgert dann, es könne sich nur um „zwei unterschiedliche Objekte, unterschiedlicher Größe und in entgegengesetzter Richtung“ handeln.

Auf Anfrage von Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) kann sich Dominik Zgrzendek von Sonnen-Sturm.info zwar auch derzeit nicht erklären, was am Sunspot Observatory passiert ist, dennoch sei das vermeintliche aber einfach erklärbare UFO also ganz offenbar nicht der Grund, auch wenn es derzeit die am weit verbreitetste „Meinung“ im Web sei.

Auch von der Theorie der Sonnenaktivität hält Zgrzendek nicht viel: „Ich kenne das Observatorium nicht bzw. ich war noch nie da und kenne daher die Vorgänge dort auch nicht. Die Sonnenaktivität hat aber ganz sicher nichts damit zu tun. Wir hatten zwar letzte Woche einen mittleren Magnetsturm, der hat jedoch auf ein Observatorium keinen Einfluss. Auch die Sonnenaktivität ist gering, es gab keinen größeren Strahlenausbruch oder dergleichen. Ich könnte also fast ausschließen, dass die Sonnenaktivität etwas mit der Schließung zu tun hat. Allerdings weiß ich nicht, ob am Observatorium selbst irgendwelche Experimente oder ähnliches durchgeführt wird, die eventuell riskant sind.“

Abschließend kommentiert Zgrzendek dann auch noch Meldungen darüber, das weltweit auch weitere Astrokameras heruntergefahren worden sein sollen. Konkret benannte etwa die US-amerikanische „World Tribune“ folgende Sonnen- und Weltraumkameras:

– AXIS 232D Network Dome Camera located in Sydney Australia.
– Webcams located at SOAR Observatory – The Southern Astrophysical Research Telescope located in Chile.
– BRT Tenerife Telescope Webcam located in Spain.
– Webcam located at Mauna Kea observatory at the University of Hawaii Hilo.
– Webcam from the Canada-France-Hawaii Telescope observatory in Hawaii.
– Webcam at JAT OBservatory in Fairless Hills, Pennsylvania.

Dazu Zgrzendek: „90% davon sind online und der Rest war auch vorher schon offline. Zudem sind das nur Webcams und keine eigenständigen Observatorien“, für deren Offline-Status es unzählige Gründe geben kann.“

Abschließend vermutet Zgrzendek selbst, dass es sich wahrscheinlich am ehesten um Sicherheitsmängel am und im Computersystem der nationalen Forschungseinrichtung handeln könnte.

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