Harvard-Astronom: „Wir brauchen eine wissenschaftliche Analyse von Satellitendaten zu UAP“

Symbolbild: Satellitendaten (Illu.). Copyright: TheDigitalArtist (via Pixabay.com) / Pixabay License
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Im vergangenen Juni veröffentlichten das US-Militär und die US-Geheimdienste einen Bericht über unidentifizierte Phänomene im Luftraum – „unidentified aerial phenomena“, kurz: UAP, bzw. UFOs. Noch vor der Veröffentlichung dieses Berichts erklärte der ehemalige Direktor der US-Geheimdienste (Director of National Intelligence, DNI) John Ratcliffe: „Wir sprechen von Objekten, die von Marine- oder Luftwaffenpiloten gesehen oder von Satellitenbildern aufgenommen wurden und die offen gesagt Aktionen ausführen, die schwer zu erklären sind. Aktionen und Bewegungen, die schwer zu replizieren sind, für die wir selbst nicht die Technologie haben.“ Es ist der Hinweis auf vorhandene Satellitenbilder von UAP bzw. UFOs in dieser Aussage des DNI, der größtes wissenschaftliches Interesse hervorrufen sollte.

– Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Prof. Dr. Avi Loeb, der am 27. Dezember 2021 im englischsprachigen Original als Gastkommentar auf www.TheHill.com erstveröffentlicht wurde. Der Text wurde – mit freundlicher Genehmigung des Autors (A. Loeb) durch www.GrenzWissenschaft-Aktuell.de (GreWi) ins Deutsche übersetzt. Die vom Autor geäußerten Ansichten sind seine eigenen.

Vorab sollte betont werden, dass weder ich, noch die zahlreichen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich mit der Untersuchung von UAP beschäftigen, noch nie offiziell veröffentlichte Satellitendaten zu UAP bzw. UFOs gesehen haben.

Tatsächlich wären wir aber sehr interessiert, Daten zu Objekten zu analysieren, die in die Erdatmosphäre eintreten, die aber keinen ballistischen Umlaufbahnen wie etwa jenen von Meteoren folgen. Derzeit sind jedoch keine solchen Daten für eine offene wissenschaftliche Analyse verfügbar.

Natürlich ist Ratcliffes Aussage (…GreWi berichtete) noch keine ausreichende Grundlage für substanzielle wissenschaftliche Untersuchungen. Aber nicht klassifizierte und damit frei zugängliche und transparente Daten, die von nicht-staatlichen Satelliten erbracht wurden und werden, könnten einer offenen wissenschaftlichen Analyse zur Verfügung gestellt werden.

Fortschritte in unserem Verständnis der diese Satellitenbilder begleitenden Daten könnten auch aus der Arbeit der neuen US-Behörde resultieren, deren Einrichtung kürzlich durch den „National Defense Authorization Act“ (NDAA) für 2022 beauftragt wurde (…GreWi berichtete). Diese neue Behörde wird auch dafür verantwortlich sein, Berichte über UAP-Sichtungen zu koordinieren, auf diese koordiniert zu reagieren und den Datenaustausch zwischen den Regierungsinstitutionen und Behörden bedeutend zu verbessern.

Die Behörde bzw. das UAP-Untersuchungsbüro wird gemeinsam vom Verteidigungsminister und dem Direktor der Nationalen Geheimdienste (DNI) verwaltet und wird militärisches und ziviles Personal sowie die Geheimdienste dazu befähigen, Vorfälle und Informationen im Zusammenhang mit UAP zu melden.

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Sollte dieses neue Amt feststellen, dass die Objekte in den Satellitenbilddaten so ungewöhnlich sind, dass sie nicht von Menschenhand erzeugt werden können und sie zudem nicht durch Fragen der nationalen Sicherheit geheim sind, dann wäre es sinnvoll und notwendig, die Daten einer wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen.

Ein natürlicher oder außerirdischer Ursprung wäre von internationalem Interesse und sollte der gesamten Menschheit zugutekommen, um so unser gemeinsames wissenschaftliches Wissen zu bereichern.

Protokolle für einen möglichen Kontakt mit außerirdischer Intelligenz wurden in der Vergangenheit vor allem von der Möglichkeit inspiriert, Funksignale von anderen Planeten um entfernte Sterne zu detektieren. Angesichts der Tatsache, dass das nächste Sternensystem, Alpha Centauri, etwa 4,4 Lichtjahre entfernt ist, würden solche Signale ein Jahrzehnt oder länger für einen aktiven Dialog, eine Konversation, benötigen. Folglich hätten sie keine Konsequenzen für unsere unmittelbare Gegenwart und nähere Zukunft.

Aber eine andere Art von Kontakt könnte sofortige Auswirkungen haben: Physisch reale Objekte einer anderen Zivilisation, die bereits hier sind und darauf warten, wie ein Paket in unserem Briefkasten bemerkt zu werden.

Eine derartige Hardware könnte über künstliche Intelligenz (KI) verfügen, die Informationen über bewohnbare Planeten um die Sonne sucht. Eine Begegnung dieser Art impliziert einen sofortigen Kontakt ohne nennenswerte Verzögerung der Kommunikationszeit. Die Möglichkeit eines sofortigen Eingriffs ändert das Antwortprotokoll im Vergleich zu einem verzögerten Funksignal.

Zum Thema

Derzeit gibt es keine internationale Vereinbarung darüber, wie die Menschheit mit einem solchen „Besucher“ außerirdischen Ursprungs umgehen soll. Hier wäre es ratsam, Leitlinien zu formulieren, bevor sie benötigt werden. Jedes derartige Engagement könnte Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit haben und sollte nicht den spontanen Launen beispielsweise eines kleinen Forscherteams überlassen werden, das sie entdeckt.

Wir sollten die Risiken und Vorteile abwägen, die sich aus verschiedenen derartiger Wechselwirkungen ergeben. Der Entscheidungsbaum für das weitere Vorgehen hat Verzweigungen, die von den Eigenschaften und dem Verhalten der Objekte abhängen. Da es schwierig ist, diese Unbekannten im Voraus zu prognostizieren, müssen diese Entscheidungen im Falle eines Falles in Echtzeit getroffen werden.

Die Entschlüsselung der Absicht eines intelligenten außerirdischen Artefakts kann der Herausforderung ähneln, den Code eines Verschlüsselungsgeräts zu knacken. Wir müssen uns möglicherweise auf unsere eigenen KI-Systeme verlassen, um die Absicht außerirdischer KI-Systeme herauszufinden.

Die korrekte Interpretation eines derartigen sofortigen Kontakts mit außerirdischen Technologien könnte den bedeutendsten Fortschritt im Verständnis der uns umgebenden Realität in der gesamten Menschheitsgeschichte bringen. Unsere historische Migration aus Afrika begann vor etwa hunderttausend Jahren, aber eine zukünftige Migration von der Erde ins All könnte durch einen Dialog mit einem Boten aus der Ferne ausgelöst werden, der nichts ähnelt, was wir zuvor gesehen haben.

Prof. Dr. Avi Loeb ist Leiter des „Galileo-Projekts“ in Harvard, einer systematischen wissenschaftlichen Suche nach Beweisen für außerirdische technologische Artefakte. Loeb ist Gründungsdirektor von Harvards Black Hole Initiative, Direktor des Institute for Theory and Computation am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics und Vorsitzender des Beirats des Breakthrough Starshot-Projekts. Er ist Autor des Buches „Außerirdisch: Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“

 

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Quelle: TheHill.com

© A. Loeb / TheHIll.com / grenzwissenschaft-aktuell.de (dt. Übers.)