GreWi-Faktencheck: Keine künstliche Pyramiden in der Antarktis

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Aus dieser Perspektive hat es zunächst wirklich den Anschein, als erhebe sich eine gewaltige Pyramide aus dem Eis der Antarktis.

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Saarbrücken (Deutschland) – Seit einigen Tagen kursiert wieder einmal eine Geschichte durchs Internet, laut der die schmelzende Eisdecke mindestens eine gewaltige Pyramide in der Antarktis freigelegt haben soll. Spätestens nachdem auch Focus-Online sich der Story in einem Video-Report angenommen hatte, sorgten die “mysteriösen Schneepyramiden” auch im deutschsprachigen sozialen Web für Kontroversen – dabei ist die Story noch nicht einmal neu, sondern geistert in verschiedenen Variationen schon seit einigen Jahren durchs Netz. GreWi macht den Faktencheck…

– Die angebliche Arktis-Pyramide wurde nicht erst kürzlich entdeckt und auch die Geschichte selbst ist nicht neu. Erstmals kursierten entsprechende Videos nahezu gleichen Inhalts schon seit mindestens 2013. Die Hauptquellen gehören zu einer Reihe von Youtube-Kanälen, die schon seit Jahren für ihre Fake-Meldungen und gefälschten UFO-Videos bekannt sind.

– Doch schon damals war die Sache alles andere als neu.

– Tatsächlich benennen schon die Karten der “British Antarctic Expedition” unter R.F. Scott von 1910–13 genau diesen Berg als “Pyramid Mountain” – also als “Pyramiden-Berg”. Er befindet sich bei den Koordinaten 79°58’39.25″S 81°57’32.21″W und gehört zu der als “Quartermain Mountains” bezeichneten Gruppe exponierter und eisfreier Berggipfel der Antarktischen Trockentäler südlich des Taylor-Gletschers im antarktischen Viktorialand. Der Pyramid Mountain ist derart bekannt, dass er “sogar” einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Dieser erläutert:

Der Pyramid Mountain ist ein pyramidenförmiger Berg von 2120 m Höhe zwischen dem Turnabout Valley und den Beacon Heights in den Quartermain Mountains des antarktischen Viktorialands.

Der Berg ist erstmals in Karten verzeichnet, die im Zuge der Terra-Nova-Expedition (1910–1913) unter der Leitung des britischen Polarforschers Robert Falcon Scott erstellt wurden. Es gilt jedoch als nahezu gesichert, dass der Berg bereits während Scotts Discovery-Expedition (1901–1904) gesichtet wurde. Verwechslungsgefahr besteht mit dem Pyramid Mountain in den antarktischen Churchill Mountains.

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Der “Pyramid Mountain” im Google-Satellitenbild

– Ein weiterer, ebenfalls aufgrund seiner Form als “Pyramid Mountain” bezeichneter Felsgipfel in der Antarktis misst 2810 m Höhe und befindet sich rund 6,5 Kilometer nördlich des Mount Albert Markham in den antarktischen Churchill Mountains. Er wurde von Teilnehmern der Discovery-Expedition (1901–1904), ebenfalls unter der Leitung Scott entdeckt und benannt.

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– Die freiliegenden Anhöhen der Quartermain Mountains gehören schon seit langem zu beliebten Zielen von Antarktis-Expeditionen und der Pyramid Mountain zu einem der beliebtesten Foto-Zielen der Touristen und Forscher.

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Aus einem anderen Blickwinkel wird der sich langsam ins Hinterland ziehenden Berggrat sichtbar – und die “Pyramide” schnell wieder zum Berg.

Copyright/Quelle: sevzirfo / tomksy.de

– Gegenüber der Internetseite IFLS erklärte Dr. Mitch D’Arcy vom Deutschen GeoForschungszentrum (GFZ) In Potsdam: Die pyramidenförmigen Strukturen befindet sich in den Ellsworth Mountains, einer mehr als 400 Kilometre langen Gebirgskette (Anm. GreWi: die Quartermain Mountains sind Teil dieser Gebirgskette). Es ist also nicht verwunderlich, dass hier und da felsige Höhen aus dem Eis herausragen. Diese Anhöhen bestehen zweifelsohne aus Gestein und es ist eher ein Zufall, dass dieser spezielle Gipfel gerade diese Form hat. Es ist eigentlich auch keine so komplizierte Form. Es ist also noch nicht einmal ein spezieller Zufall. Per (geologischer) Definition handelt es sich um einen sogenannten Nunatak. Dieser hier hat nun eben die Form einer Pyramide. Das bedeutet aber noch nicht, dass es sich um eine menschliche Konstruktion handelt.”

– Tatsächlich, so führt IFLS weiter aus, dass pyramidenförmige Gipfel in der Natur gar nicht so selten sind. Weitere bekannte Beispiele sind beispielsweise das Matterhorn in den Alpen oder der isländische Bulandstindur.

– Während Focus-Online ursprünglich einfach mal so behauptete, dass die Entdeckung “Wissenschaftler auf der ganzen Welt verblüfft”, wird (unter Berufung auf die britische Zeitung “Daily Express“, der den aktuellen Hype um die Story offenbar losgetreten hatte) lediglich die Cambridge-Wissenschaftlerin Dr. Vanessa Bowman mit der Aussage zitiert: “Wenn sich diese Pyramiden allerdings als künstlich erweisen, verändert das die Geschichte, wie wir sie kennen.”

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Satz aber gar nicht um ein Zitat der Wissenschaftlerin(!), sondern um den vom “Express” einem mit den Pyramiden überhaupt nicht in Zusammenhang stehenden Zitat Bowmans über die tropische Klimavergangenheit der Antarktis nachgefügten Zusatz.

Anmerkung: Kurz vor Redaktionsschluss dieser Meldung wurde ein Update des Focus-Videos und –Artikels veröffentlicht, der ebenfalls die Erklärung D’Arcys (siehe oben) ausführt.

Unter der Eisdecke der Antarktis werden sicherlich noch zahlreiche faszinierende Entdeckungen gemacht. Ob Pyramiden dazu gehören, ist fraglich. Sicher ist jedoch, an den aktuell wieder durchs Web geisternden Koordinaten findet sich weder das Pyramidenbauwerk einer vorgeschichtlichen Superzivilisation, noch eines der Nazis und auch keine außerirdische Geheimbasis – Dafür aber zweifelsohne eine faszinierender Blick auf den Pyramid Mountain.

GreWi-Kurzgefaßt
– Seit drei Jahren wird eine Web-Story um angebliche Pyramiden in der Antarktis immer wieder aufgewärmt. So auch aktuell.
– Hierbei soll es sich um “kürzlich entdeckte” gewaltige Pyramiden handeln, die aufgrund des Klimawandels freigelegt werden.
– GreWi macht den Faktencheck zur Story und zeigt anhand unterschiedlicher Quellen, dass es sich bei besagter Pyramide in Wirklichkeit um einen natürlichen Berg handelt.

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