Erneute Kontroverse um interstellares Objekt: Könnte ‘Oumuamua doch ein Komet gewesen sein?

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Künstlerische Darstellung des Objekts 'Oumuamua (Illu.).Copyright: ESO/M. Kornmesser

Künstlerische Darstellung des Objekts ‘Oumuamua (Illu.). Copyright: ESO/M. Kornmesser

New Haven (USA) – Die Diskussionen darüber, was der erste als solcher erkannte und entdeckte interstellare Besucher – das Objekt mit der Bezeichnung ‘Oumuamua – wirklich war, reißen nicht ab. Nachdem bislang keine Hinweise auf verdampfende Gase registriert werden konnten, das Objekt aber dennoch einen bislang unerklärlichen Schub entwickelt hatte, wollten selbst anerkannte Astronomen einen künstlichen Ursprung nicht ausschließen (…GreWi berichtete). Jetzt präsentieren US-Astronomen eine neue Theorie, die erklären soll, warum es sich bei ‘Oumuamua doch um einen Kometen gehandelt haben könnte. Andere Astronomen kritisieren die neue Erklärung jedoch weiterhin.

Zu den Hauptgründen, warum es sich bei dem Objekt nicht um einen Kometen gehandelt haben könne, zählten bislang der Umstand, dass bei Beobachtungen des Objekts in zunehmender Sonnennähe keine für Kometen typische aus dem Körper austretenden verdampfenden Gase in Form eines charakteristischen Kometenschweifs beobachtet werden konnten. Zudem hätten Ausgasungen, die dann auch den plötzlich entwickelten Schub des Objekts hätten erklären können, das Objekt auch ungleich den tatsächlichen Beobachtungen in zunehmende Rotationen versetzt (…GreWi berichtete).

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Wie Darryl Seligman und Greg Laughlin von der Yale University aktuell gemeinsam mit Konstantin Batygin vom California Institute of Technology (Caltech) aktuell vorab via ArXiv.org berichten, haben sie eine Hypothese entwickelt, wonach ‘Oumuamua dennoch ein Komet gewesen sein könnte.

Auf der Grundlage aller verfügbaren Beobachtungsdaten zu dem Objekt erstellten die Wissenschaftler neue Computermodelle und erklären nun, dass die beobachtete Beschleunigung durchaus mit der Vorstellung einer zigarrenartigen Form und Ausgasungen von rund 10 Prozent der Gesamtmasse des Objekts in Form eines düsenartigen Strahls relativ reinen Wasserdampfes erklärt werden könnte, der sich dann einhergehend mit der Erwärmung des Objekts durch die Sonne über dessen Oberfläche verteilt habe.

Auf diese Weise wäre dieser Strahl denn auch nicht vom NASA-Weltraumteleskop „Spitzer“ bemerkt worden. Zudem hätten die Bewegungen dieses „Wasserdampf-Jets“ das Objekt sogar noch zusehends stabilisiert, statt seine Rotation weiterhin chaotisch zu beschleunigen.

Übereinstimmend mit den Beobachtungsdaten liefert die Hypothese damit neben einer Erklärung für das mysteriöse Verhalten von ‘Oumuamua auch Hinweise auf die bisherige Flugbahn des Objekts, da es – so es sich um einen aus einem anderen Planetensystem ausgestoßenen Kometen handeln würde – seit Verlassen seines Heimatsystems keinem anderen Stern als unserer Sonne nahe gekommen sein könnte. In einem solchen Fall wäre der skizzierte Komet vermutlich schon lange zuvor verdampft.

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Basierend auf ihren Berechnungen wäre ‘Oumuamua demnach 250 Meter lang und annähernd zigarrenförmig gewesen, was wiederum mit früheren Schätzungen auf der Grundlage der Reflektivität des Objekts übereinstimmt.

„Zwar können wir mit unseren Berechnungen frühere sensationalistische Behauptungen (Anm. GreWi: …dass es sich bei ‘Oumuamua um ein außerirdisches Raumschiff oder Trümmerteile davon gehandelnt haben könnte; …GreWi berichtete), doch zeigt unser physikalisch basiertes Modell, dass man sich nicht auf wesentlich weniger wahrscheinliche Erklärungen verlassen muss“, so Seligman.

Wie ScientificAmerican.com berichtet, sehen sich die bisherigen Vertreter der Kometen-Theorie von den Ergebnissen der neuen Studie bestätigt. Zugleich gibt es aber auch Kritik – erwartungsgemäß von jenen Astronomen und Autoren, die bislang der Kometen-erklärung widersprochen haben.

So merkt der zuvor schon für seine öffentlich vertretene Hypothese von ‘Oumuamua als außerirdisches Raumschiff heftig kritisierte Astronom Avi Loeb von der Harvard University (…GreWi berichtete) an, dass die neue Hypothese davon ausgehe, dass ‘Oumuamua einem für unser eigenes Sonnensystem typischen Objekt gleiche und erwidert dazu: „Allerdings weist ‘Oumuamua Merkmale auf, die es von 99,99 Prozent der Kometen unseres eigenen Sonnensystems unterscheiden.“ Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Ausreißer einfach so mit derzeitigen Teleskopen zu entdecken, liege bei 1:1.000.000, so Loeb und kommentiert: „Entweder hatten wir also extrem viel Glück oder es gibt wirklich große Probleme mit einer Deutung des Objekts als Komet.“

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Auch Roman Rafikov von der University of Cambridge, dessen frühere Berechnungen ebenfalls gegen einen Kometen sprechen (…GreWi berichtete) zeigt sich kritisch: „Zusammengefasst sagen die drei Autoren doch, dass es sich bei ‘Oumuamua um eine Art seltenes Einhorn handelt und diese Grundbehauptung ist ja nicht neu. (…) Sobald ‘Oumuamua aber kein ideal geformtes symmetrisches Objekt mehr ist (wie es das nun von Seligman und Kollegen skizziert wird, siehe obiges Video), so würden die nicht von der Schwerkraft bedingten Kräfte das Objekt in eine sehr schnelle Rotation versetzen. Aber ich glaube einfach nicht an ideal geformte Kometen. Wir müssen schließlich die Auswirkungen jeglicher Abweichungen von der hier angenommenen Idealform berücksichtigen.“ Seligman und Kollegen unterstreichen zugleich aber, dass ihr Modell eben solche Abweichungen in Betracht ziehe.

Auch der Princeton-Astrophysiker Ed Turner, der 2009 gemeinsam mit Loeb die ersten Vorhersagen für die Größe von Kometen interstellarer Herkunft veröffentlicht hatte wird auf ScientificAmerican.com wie folgt zitiert: „Die jüngste Wiederholung der Kometen-Hypothese basiert unvermeidbar auf der Besonderen Bitte, doch möglichst schnell die Rätsel um ‘Oumuamua einfach zu erklären.“ Das Problem hierbei sei jedoch, dass alle diese Spekulationen sehr leicht alles Mögliche erklären können, ohne irgendetwas vorherzusagen. „ich denke, dass ‘Oumuamua ein großer Spaß ist. Es ist amüsant zu sehen, wie entschlossen einige Autoren sind, eine möglichst prosaische Erklärung zu finden, während andere eine möglichst exotische Erklärung suchen.“

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