Kontroverse Studie spekuliert über Plasma als exotische Vorstufe des Lebens und Erklärung für UFO-Sichtungen

Standbild aus Aufnahmen der Space-Shuttle-Mission "STS-75". Copyright: NASA
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Standbild aus Aufnahmen der Space-Shuttle-Mission "STS-75".Copyright: NASA

Standbild aus Aufnahmen der Space-Shuttle-Mission „STS-75“.
Copyright: NASA

Tucson (USA) – Plasma, also ionisierte und dadurch aufleuchtende Materieansammlungen, werden schon lange nicht nur als Erklärung für Kugelblitze, sondern damit einhergehend auch für UFOs diskutiert. In einer neuen Studie stellen die Autoren und Autorinnen nun eine Theorie vor, wonach einige Plasmen in verschiedenen Atmosphärenhöhen eine Art Vorstufe des Lebens darstellen und so auch zahlreiche UFO-Sichtungen – von den sog. Foo-Fighters im Zweiten Weltkrieg bis hin zu Objekten, die auf Space-Shuttle-Missionen gefilmt wurden und landläufig als UFOs diskutiert werden – erklären könnten. Ganz so solide und eindeutig, wie die Studie zunächst erscheint, dürfte das Paper jedoch weder von Skeptikern noch von UFO-Forschern aufgenommen werden.

Im „Abstract“ ihrer in einer kommenden Ausgabe des „Journal of Modern Physics“ erscheinenden und bereits als PrePrint veröffentlichten Studie mit dem Titel „Extraterrestrial Life in the Thermosphere: Plasmas, UAP, Pre-Life, Fourth State of Matter“ (Außerirdisches Leben in der Thermosphäre: Plasmen, UAP, Vorstufen des Lebens, Vierter Materiezustand) erklären die Autoren und Autorinnen um R. Joseph vom Astrobiology Research Center in Arizona, Dr. Christopher Impey von der University of Arizona und Prof. em. Dr. Rudolph Schild vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics:

„Plasmen mit einer Größe von bis zu einem Kilometer, die sich ähnlich wie vielzellige Organismen verhalten, wurden auf zehn verschiedenen NASA-Space-Shuttle-Missionen über 200 Meilen über der Erde in der Thermosphäre gefilmt. Diese selbstleuchtenden ‚Plasmen‘ werden von elektromagnetischer Strahlung angezogen und können sich von dieser ‚ernähren‘. Sie haben unterschiedliche Morphologien: 1) Kegel, 2) Wolke, 3) Donut, 4) sphärisch-zylindrisch; und wurden gefilmt, als sie auf Gewitter zuflogen und in sie hinabstiegen; Sie versammeln sich zu Hunderten und interagieren mit Satelliten, die elektromagnetische Aktivität erzeugen und näherten sich den Space-Shuttles. Die computergestützte Analyse ihrer Flugbahnen dokumentiert, dass sich diese Plasmen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus verschiedenen Richtungen fortbewegen und ihren Flugbahnwinkel ändern, indem sie 45°-, 90°- und 180°-Veränderungen vornehmen und einander folgen. Sie wurden beim Beschleunigen und Verlangsamen gefilmt; anhalten; versammeln; Sie zeigen ein ‚Jäger-Räuber‘-Verhalten und kreuzen sich mit Plasmen, die eine Spur von Plasmastaub hinterlassen. Ähnliche lebensähnliche Verhaltensweisen wurden durch experimentell erzeugte Plasmen nachgewiesen. Plasmen wurden möglicherweise in den 1940er Jahren von Piloten des Zweiten Weltkriegs fotografiert (und als „Foo Fighters“ bezeichnet); wiederholt von Astronauten und Militärpiloten beobachtet und gefilmt und als unidentifizierte anomale Luftphänomene [UAP/Ufos] eingestuft. Plasmen sind nicht biologisch, können aber eine Vorform des Vorlebens darstellen, das durch das Einbeziehen von im Weltraum vorkommenden Elementen zur Synthese von RNA führen könnte. Plasmen stellen einen vierten Zustand der Materie dar, werden von elektromagnetischer Aktivität angezogen und sind, wenn sie in der unteren Atmosphäre beobachtet werden, wahrscheinlich für viele UFO-UAP-Sichtungen im Laufe der Jahrhunderte verantwortlich.“

Grundlage der Studie und Theorie sind allgemeine Überlegungen zu Plasma, als viertem Materiezustand, und hauptsächlich die bereits genannten, schon hinlänglich und nicht minder kontrovers diskutierten Aufnahmen von Space-Shuttle-Missionen, die Lichtpunkte zeigen, die sich vermeintlich rund um das Shuttle bewegten, auf dortige Tether-Antennen zu reagieren scheinen oder aus den Fenstern gefilmt wurden.

Als weitere Bildbeweise zieht die Studie angebliche Aufnahmen sogenannter „Foo Fighter“ aus dem Zweiten Weltkrieg heran. Hierbei handelte es sich um als kugelförmig beschriebene Lichterscheinungen, die sowohl von den Piloten der Alliierten als auch von japanischen und deutschen Fliegern am Himmel und in direkter Nähe zu den Flugzeugen gesehen, beschrieben und zunächst für Wunderwaffen des jeweiligen Feindes gehalten wurden. Anhand all dieser Aufnahmen schlussfolgern die Autoren auf die Form, das Verhalten und die Geschwindigkeit der von ihnen postulierten Plasmaansammlungen innerhalb der Thermosphäre.

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…GreWi-Kommentar
Während bereits einige Medien, darunter der britische „Telegraph“, über die Studie derart berichten, als handele es sich um eine Ausarbeitung und Publikation des wissenschaftlichen Mainstreams und somit um einen akzeptierten Ansatz zur Erklärung beobachteter exotischer Eigenschaften von UAP und UFOs, ist dem jedoch nicht so und selbst unter UFO-Enthusiasten dürften die Aussagen der Studie für so einige Kontroversen sorgen. So gründet die vorgestellte Theorie auf relativ alten Videoaufnahmen von Space-Shuttle-Missionen (aus den 1990er Jahren) von entsprechend geringer Auflösung und Qualität. Zwar werden diese schon seit vielen Jahren als potenzielle Aufnahmen von UFOs im Erdorbit diskutiert. Ein allgemeiner Konsens darüber, was die Aufnahmen jedoch genau zeigen, existiert jedoch nicht. Selbst die meisten UFO-Enthusiasten gestehen den Aufnahmen der STS-Missionen aufgrund der geringen Qualität nur sehr bedingte Aussagekraft zu. Dass die Autoren und Autorinnen der Studie diese Aufnahmen dann nutzen, um sie digital stark zu vergrößern, Kontraste hervorzuheben und mit Filtern zu belegen, um so angebliche Morphologien, also genaue Formen wie „Donut-Ringe, Kegel oder Zylinder“, zu erkennen und diese als Fakt zu attestieren, steigert nicht wirklich das Vertrauen in die Arbeit. Tatsächlich ist etwa das löchrige Donut-artige Erscheinungsbild der „Objekte“ im STS-75-Video das Ergebnis der Autozoom-Versuche der Kamera und ein starker Hinweis darauf, dass diese „Objekte“ sich nicht weit entfernt, sondern im nahen Unschärfebereich der Kamera, also eben nicht in gleicher Distanz wie die längliche Antenne befinden.

Das löchrige Erscheinungsbild der angeblichen Plasmen im „STS-75-Thether-Video“ ist bei fast allen Objekten gleich oder ähnlich und damit ein starker Hinweis dafür, dass diese Form nicht die eigentliche Form der Objekte abbildet, sondern das Ergebnis des sogenannten Bokeh-Effekts ist, der im Unschärfebereich entsteht und helle Objekte und Lichter zu Strukturen transparenten Abbildungen der Linsens-und Verschlussoptik der Kamera „verunschärft“.Bild: NASA

Das löchrige Erscheinungsbild der angeblichen Plasmen im „STS-75-Thether-Video“ ist bei fast allen Objekten gleich oder ähnlich und damit ein starker Hinweis dafür, dass diese Form nicht die eigentliche Form der Objekte abbildet, sondern das Ergebnis des sogenannten Bokeh-Effekts ist, der im Unschärfebereich entsteht und helle Objekte und Lichter zu Strukturen transparenten Abbildungen der Linsens-und Verschlussoptik der Kamera „verunschärft“.
Bild: NASA

Tatsächlich diskutieren nicht nur UFO-Skeptiker etwa die Aufnahmen der Shuttle-Missionen als Eispartikel auf und vor der Shuttle-Scheibe, die sich mit gezündeten Lenkraketen des Raumschiffs in verschiedenen Richtungen bewegen und die Foo-Fighter-Aufnahmen (nicht jedoch die Zeugenberichte) als mögliche Entwicklungsfehler.

Auch die mutmaßlichen Fotos von Foo Fightern im Zweiten Weltkrieg werden eher unkritisch als Beweise benutzt und auf ähnliche Weise „analysiert“. Ein extrem vergrößerter und stark bearbeiteter Bildausschnitt aus einem umstrittenen Foo-Fighter-Foto aus dem Zweiten Weltkrieg wird in der Studie als visueller Beweis genutzt. Quelle: R. Joseph et al., Journal of Modern Physics, 2024

Auch die mutmaßlichen Fotos von Foo Fightern im Zweiten Weltkrieg werden eher unkritisch als Beweise benutzt und auf ähnliche Weise „analysiert“. Ein extrem vergrößerter und stark bearbeiteter Bildausschnitt aus einem umstrittenen Foo-Fighter-Foto aus dem Zweiten Weltkrieg wird in der Studie als visueller Beweis genutzt. Quelle: R. Joseph et al., Journal of Modern Physics, 2024

Dass die Autorinnen und Autoren die jüngsten „Tic-Tac“- und „Gimbal“-Aufnahmen der Navy nutzen, um auch darin Beispiele der von ihnen beschriebenen Plasmawolken zu deuten, weckt weitere Zweifel, da sich aus diesen Aufnahmen keine Rückschlüsse auf die Natur und Zusammensetzung noch über die genaue Form des abgebildeten Phänomens ziehen lassen und das wolkenartige Aussehen der abgebildeten Objekte in jedem Fall ein Ergebnis des thermalen Filters ist und nicht die eigentliche Form des Objekts selbst abbildet.

Auch, dass die Studie veröffentlichende „Journal of Modern Physics“ ist weniger im wissenschaftlichen Mainstream verortet, als es der Name es vielleicht nahelegt. Stattdessen handelt es sich um eine Publikation aus dem Umfeld des umstrittenen „Journal of Cosmology“. Während grundsätzlich gegen eine saubere und ordentliche Bearbeitung und Veröffentlichung grenzwissenschaftlicher Themen nichts einzuwenden ist, steht der Journalverlag „Scientific Research Publishing“ (SCIRP) allerdings eher im Ruf eines „Raubverlags“, also eines Verlags von Journalen, die gegen Geld ungeprüft Artikel veröffentlichen. So bewertet etwa das norwegische Register der wissenschaftlichen Zeitschriften und Herausgeber mindestens 74 der mehr als 200 (!) Journale des Verlags mit der Note 0 und damit als „nicht wissenschaftlich“. Auch das konkrete „Journal of Modern Physics“ wird solchen „predatory journals“ des SCIRPS-Verlags zugeschrieben. Während also die Überlegungen der Autoren und Autorinnen an sich sicherlich eine grundlegende Diskussion wert sind, jedoch alles andere als neu, erscheinen die Methoden und Argumente, auf denen sie ihre Theorie aufbauen, sowie das publizistische Umfeld leider eher dünn bis zweifelhaft.

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Recherchequelle: SCIRP JMP, eigene Recherchen grenzwissenschaft-aktuell.de

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