Weitere Kontroverse um verborgene Kammern im Grab des Tutanchamun

Lesezeit: ca. 4 Minuten

02639
Schematische Skizze der bislang bekannten Grabkammern des Tutanchamun (blau) vor dem Hintergrund der reich verzierten Nordwand hinter der einige Archäologen unentdeckte und immer noch unerkundete weitere Kammern vermuten (rosa).

Copyright: Komp.: grenzwissenschaft-aktuell.de / verw. Materialien: gemeinfrei (Wand); GregorDS (WikimendiaCommons), CC BY-SA 3.0

Kairo (Ägypten) – Rätselraten um den angeblichen Nachweis noch verborgener Hohlräume, Durchgänge und Kammern im Grab des Kindpharao Tutanchamun. Die Ergebnisse von Radar-Scans, die ein Team der National Geographic Society im Grab des Tutanchamun durchgeführt hatte, um die Ergebnisse des Scans japanischer Kollegen zu überprüfen haben keine eindeutige Hinweise auf hinter den Wänden verborgene Kammern erbracht. Genaue Ergebnisse hält National Geographic derzeit aber noch zurück.

Während der japanische Professor Watanabe noch am vergangenen Wochenende seine Scans auf der internationalen Tutanchamun-Konferenz verteidigte, berichtete “National Geographic News” selbst bereits am Folgetag über die übereinstimmende Kritik verschiedener Archäologen und Bodenradarexperten an der Interpretation der Daten im Sinne dahinter verborgener Kammern und deren Inhalt.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER können Sie den täglichen GreWi-Newsletter bestellen +

Gestützt auf die Aussagen Watanabes hatte das ägyptischen Antikenministerium zuvor erklärt, die Scans hätten nicht nur die Existenz der Kammern zu 90 Prozent belegt, sondern in diesen Kammern auch “Objekte aus metallischen und organischen Materialien” ausgemacht (…GreWi berichtete).

Die Scans der National Geographic Society wurden u.a. von dem Geophysiker und Bodenradarexperten Dan Dean Goodmann von GPR-Slice durchgeführt. Dieser erklärte gegenüber “National Geographic News”, dass ein hinter den Wänden verborgener Hohlraum eine deutliche Reflexion hervorrufen würde. “Eine solche Reflexion gibt es (hier) aber nicht.” Auch habe er keinerlei Hinweise auf in der Wand verborgene Türstürtze gefunden, die Watanabe und der Archäologe Reeves zuvor als eindeutige Hinweise für die dahinter liegenden Räume gedeutet hatten (…GreWi berichtete). “Radar kann oft auch subjektiv sein”, so Goodman. “An dieser Stelle (der vermeintlichen Strukturen) ist er es aber nicht. Es ist gut zu wissen, dass die Daten an dieser wichtigen Stelle eindeutig sind.”

Die Kritik an Watanabes Ergebnissen bzw. Interpretation der Daten geht sogar soweit, dass Kollegen dem Mittsiebziger Voreingenommenheit und eine Form von wissenschaftlicher Alterssturheit unterstellen. So kritisieren Kollegen schon länger, dass Watanabe mit stark veralteten Instrumenten arbeite und seine Daten nicht mit anderen Kollegen vorab geteilt habe. Tatsächlich gesteht Watanabe zumindest letzteren Punkt ein, erklärt hierzu aber, dass er in den vergangen Jahren seine Instrumente derart individualisiert habe, dass andere deren Rohdaten nicht verständlich lesen könnten.

02644
Prof. Watanabe bei der Präsentation seiner Ergebnisse auf der KOnferenz am vergangenen Wochenende.

Copyright: MSA

Auch Lawrence Conyers, der Autor des Standardwerks für die Nutzung von Bodenradar (GPR) in der Archäologie (Ground-Penetrating Radar for Archaeology) zeigte sich gegenüber National Geographich verwirrt: “Jeder GPR-Experte, mit dem ich über die Scans gesprochen habe, stimmt mit mir überein, dass es da überhaupt nichts gibt.” Zudem verweist die Mehrheit der besagten Experten auch auf den Umstand, dass mit Bodenradar überhaupt nicht zwischen metallischen und organischen Materialien unterschieden werden könne, wie die Watanabe behauptet.

Der Anthropologe Izumi Shimada von der Illinois University hat selbst früher mit Watanabe zusammengearbeitet und bestätigte gegenüber den “National Geographic News” teilweise die Kritik an seinem Kollegen. Dieser sei auch in Japan eine kontroverse Personalie: “Vielleicht stellt Watanabe seine persönliche Erfahrung über die Aussagekraft moderner Software und Technologien.” Zugleich fügt er aber auch erläuternd hinzu: “Tatsächlich braucht es aber immer noch einen Experten, um die Daten der Software auf den Monitoren richtig zu deuten. Hier gibt es ein großes Feld für subjektive Auslegungen.” Und gerade hier könne Watanabe auf eine lange Geschichte von Erfolgen mit seiner Methode verweisen: “Er hat an vielen archäologischen Stätten gearbeitet und hat dort Dinge gefunden, nach denen andere Archäologen zwar dort gesucht hatten, sie aber selbst nicht finden konnten.”

Zugleich unterstellt Shimada seinem Kollegen aber auch einen Tendenz dafür “Vorabergebnisse zu enthusiastisch zu interpretieren” und verweist darauf, dass Watanabe selbst ursprünglich keinen rein wissenschaftlichen sondern industriellen Hintergrund habe. Dennoch habe er selbst keine Zweifel an Watanabes grundsätzlichen Fähigkeiten. Auf die Kritik an Watanabes Interpretationen der Radardaten aus dem Grab des Tutanchamun angesprochen erklärte Shimada: “Ich kann mich nicht erinnern, jemals von einem Fall gehört zu haben, in dem (Watanabes) Vorhersagen (auf der Grundlage seiner Daten) falsch gelegen hätten.”

Auf seine eigenen Ergebnisse von dem Wissenschaftsportal “LiveScience.com” angesprochen, erklärte Dean Goodman, dass er zwar schon eine Erklärung vorbereitet habe, er derzeit aber noch an ein Stillschweigeabkommen gegenüber der National Geographic Society gebunden sei und diese der Veröffentlichung dieser Erklärung zustimmen müsse

“Die National Geographic Society (wiederum) hat diese Erlaubnis aber verweigert und in einer Stellungnahme gegenüber LiveScience erklärt, dass man mit dem ägyptischen Antikenministerium ein Abkommen getroffen habe, das eine Veröffentlichung entsprechender Daten und Informationen verhindere.”

Zum Thema

Anfragen an Nicholas Reeves, der in den von ihm postuierten verborgenen Räumen sogr das Grab der Nofretete vermutet, durch LiveScience und andere Medien zu den kontroversen Scan-Ergebnissen des National-Geographic-Teams blieben bis zum Redaktionsschluss dieser Meldung unbeantwortet.

…GreWi wird weiterhin berichten.

© grenzwissenschaft-aktuell.de