Langzeitprojekt belegt: Religiöse Stile wandeln sich

Symbolbild: Religion und Glaube Copyright: geralt (via Pixabay.com) / Pixabay License
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Bielefeld (Deutschland) – Die Frage, wie Glaube, Spiritualität und Weltanschauung unser Leben prägen steht im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Langzeitstudie. Diese zeigt nun erstmals, wie sich religiös-weltanschauliche Stile während des Erwachsenenalters verändern und dass sich diese Entwicklung sogar vorhersagen lässt.

Schon seit 2002 arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Professor Dr. Heinz Streib von der Universität Bielefeld und Professor Dr. Ralph W. Hood von der University of Tennessee at Chattanoogaan an der Langzeitstudie, die nun anschaulich aufzeigt, dass und wie Menschen im Laufe ihres Lebens ihre religiösen Ansichten und ihre Weltanschauung wechseln.

Auf diese Weise schafft das interdisziplinäre Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Psychologie, Theologie, Soziologie und Linguistik eine umfassende Datenbasis, um zu analysieren, wie sich Glaube entwickelt. „Die Forschung zu religiös-weltanschaulichen Stilen orientierte sich bisher eher an theoretischen und teilweise spekulativen Annahmen“, erläutert Streib von der Forschungsstelle Biographische Religionsforschung der Universität Bielefeld. „Lange Zeit wurde außerdem davon ausgegangen, dass die Festlegung auf die eigene Glaubensvorstellung mit dem Abschied vom Kinderglauben und dem Übergang ins Erwachsenenalter weitgehend abgeschlossen ist. In unseren Analysen der vergangenen Jahre können wir dokumentieren: Auch Menschen im Erwachsenenalter wechseln ihren religiösen Stil“.

Hintergrund
Erhoben wurden und werden die Daten durch Fragebögen und Interviews, mit denen die Forschenden etwa Persönlichkeitsdimensionen, mystische Erfahrungen wie auch psychologisches Wohlbefinden und Wachstum ermittelt werden konnten. Das Projekt setzt das Leitfragen-Interview zu religiöser Entwicklung (Faith-Development-Interview) ein, das von dem US-amerikanischen Theologieprofessor James Fowler entwickelt wurde. Damit wird nach der Lebensgeschichte, nach Beziehungen, Werten und Religiosität beziehungsweise Weltanschauung gefragt. Die Interviews durchlaufen eine narrative Analyse und eine Inhaltsanalyse, auch werden sie nach religiösen Stilen ausgewertet. Die Forscher und Forscherinnen haben bereits eine große Zahl an Fallstudien erarbeitet und publiziert, unter anderem im jüngst erschienenen Buch „Deconversion Revisited“.

Nachdem mittlerweile anhand von Befragungen mehrerer tausend Erwachsener aller Altersgruppen mit unterschiedlichsten religiösen, spirituellen oder anderen – zum Beispiel atheistisch-humanistischen – Orientierungen Daten zu religiös-weltanschaulicher Entwicklung aus zwei Jahrzehnten vorliegen, haben nun auch 250 Menschen an einem Folgeinterview teilgenommen. Die beiden Gruppen der Interviewten sind für die Langzeitstudie derzeit besonders bedeutsam, erläutert die Pressemitteilung der Universität Bielefeld. „Denn wenn Menschen über mehrere Jahre wiederholt befragt werden, können ihre individuellen Glaubenswege dokumentiert werden. In der neuen Projektphase soll die Gruppe der Interviewten um mehrere Hundert Personen erweitert werden, die jeweils zur Hälfte aus Deutschland und den USA kommen.“

Hintergrund
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen arbeiten in ihren Studien vier religiös-weltanschauliche Stile heraus, die voneinander abgestuft werden: der fundamentalistisch-ethnozentrische, der konventionelle, der individuierend-reflektierende und der dialog-offene Stil. Diese Stile zeigen an, wie Glaube, Spiritualität und Weltanschauung die eigene Lebensgeschichte und das praktische Handeln in Lebenswelt und Gesellschaft prägen.

Die aktuell im Fachjournal „Psychology of Religion and Spirituality“ (DOI: 10.13109/9783666568688) veröffentlichte Analyse zeigt, dass die Mehrheit der Befragten einen höheren Stil ausprägt, sich zum Beispiel vom individuierend-reflektierenden zum dialog-offenen Stil fortentwickelt oder vom konventionellen zum individuierend-reflektierenden Stil. Faktoren, die dieser Entwicklung vorangehen, sind unter anderem hohe Werte für Offenheit für Erfahrungen und niedrige Zustimmung zur Absolutheit der eigenen Religion.

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„Religiöse Entwicklung stellt sich jedoch nicht als einlinige Höherentwicklung dar“, erläutert Streib. „Religiöse Entwicklung erscheint vielmehr als Progression und Regression, kann sich also auf ein höheres oder niedrigeres Niveau verändern. Bei einem erheblichen Teil der Interviewten ist ein Rückgang der religiösen Entwicklung festzustellen. Dieser Befund widerspricht Annahmen aus der Entwicklungspsychologie, die davon ausgehen, dass religiöse Stile – oder beispielsweise Moral – sich lediglich aufwärts entwickeln.“




Zukünftig wird ein neuer Fokus des Projekts die Frage sein, wie sich religiös-weltanschauliche Entwicklung darauf auswirkt, wie sich das Gottesbild beziehungsweise die Vorstellung von Transzendenz verändert. In einem weiteren Fokus geht das Projekt zudem der Frage nach, inwiefern religiös-weltanschauliche Entwicklung hilft, Vorurteile und Xenophobie zu verringern und somit zu gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen kann.

Recherchequelle: Universität Bielefeld

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