Lapislazuli im Zahnstein gibt Hinweise auf bislang unbekannte Rolle von Frauen in mittelalterlicher Buchmalerei

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Der Unterkiefer einer Frau aus dem Mittelalter: Der Zahnstein enthält Lapislazuli-Pigmente.
Copyright: Christina Warinner

Jena (Deutschland) – Galten bislang Mönche, also Männer, als Hauptautoren der mittelalterlichen Buchmalerei, so muss dieses Bild spätestens anhand neuster Analysen von eines Frauenskeletts von einem Friedhof eines deutschen Klosters aus dem 12. Jahrhunderts nun revidiert werden: Lapislazuli-Pigmente im Zahnstein der Frau weisen sie offenbar als Buchmalerin aus, die mit der damals goldwerten Farbe offenbar religiöse Texte illustrierte.

Wie das internationale Team um Christina Warinner vom Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte aktuell im Fachjournal „Science Advances“ (DOI: 10.1126/sciadv.aau7126) berichtet, belege der Fund auf dem Gelände eines kleinen Frauenklosters in Dalheim in der Nähe von Paderborn, dass auch Frauen an der Herstellung bebilderter Handschriften im Mittelalter mitgewirkt haben.

„Während des europäischen Mittelalters waren die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben sowie die Erstellung von Handschriften weitgehend das Metier religiöser Institutionen“, erläutert die Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft und führt dazu weiter aus: „In Klöstern wurden reich illustrierte Manuskripte für die Mitglieder religiöser Einrichtungen und des Adels erstellt. Einige dieser Handschriften wurden mit wertvollen Farben und Pigmenten verziert, darunter Goldblatt und Ultramarin, ein seltenes und wertvolles blaues Pigment aus Lapislazuli-Stein.“

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Der Nachweis dieses Pigments im Zahnstein eines auf dem Klostergelände entdeckten Skeletts einer Frau, die um 1.000 nach Christus auf dem Gelände des Frauenklosters begraben wurde (s. Abb.o.), werfe nun ein neues Licht auf die Rolle der Frauen bei der Erstellung solcher Bilderhandschriften. Der Umstand lasse vermuten, dass sie als Illustratorin an der Erstellung wertvoll bebilderter religiöser Texte beteiligt war.

Allgemein sind von dem Frauenkloster Dalheim nur wenige archäologische Überreste erhalten und das genaue Gründungsdatum ist unbekannt, jedoch könnte sich dort bereits im 10. Jahrhundert eine Frauengemeinschaft gebildet haben, berichten die Archäologen und Historiker: „Die ältesten bekannten schriftlichen Aufzeichnungen aus dem Kloster datieren auf das Jahr 1244. Es wird angenommen, dass die religiöse Gemeinschaft etwa 14 Frauen umfasste. Nach einer Reihe von Schlachten im 14. Jahrhundert wurde das Kloster durch Feuer zerstört.“

Die Grundmauern der Kirche, die der kleinen religiösen Gemeinschaft von Frauen in Dalheim, nahe Paderborn, im 12. Jahrhundert als Klosterkirche diente.
Copyright: Christina Warinner

Als die jetzt untersuchte Frau um 1000 bis 1200 nach Christus starb, war sie 45 bis 60 Jahre alt. Eingebettet in ihren Zahnstein fanden die Forscher nun zahlreiche blaue Pigmentpartikel. Hierbei handelte es sich um die einzige Auffälligkeit des Skeletts, das sonst keine Zeichen von krankheitsbedingten Veränderungen, Anzeichen von Verletzungen oder Infektionen aufweist.

Analysen der Partikel zeigten, dass es sich um Pigment handelt, das einst aus Lapislazuli hergestellt worden war. “Wir haben viele Szenarien durchdacht, wie dieses Mineral in den Zahnstein dieser Frau gelangt sein könnte”, erklärt die Mitautorinnen Anita Radini und Monica Tromp vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und ergänzen: “Basierend auf der Verteilung des Pigments in ihrem Mund kamen wir zu dem Schluss, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass sie selbst mit dem Pigment malte und die Pinselspitze beim Arbeiten immer wieder anleckte.”

Ultramarin-Pigmente aus Lapislazuli wurden – ebenso wie Gold und Silber – ausschließlich zur Illustration der wertvollsten Handschriften verwendet. “Nur wer über herausragende Fähigkeiten verfügte, wurde mit seiner Verwendung beauftragt”, sagt Alison Beach von der Ohio State University, die als Historikerin an dem am Projekt mitwirkte.

Im Zahnstein des Unterkiefers fanden sich Kleinstpartikel aus Lapislazuli.
Copyright: C. Warinner et al., 2019

Die Entdeckung eines so wertvollen Pigments, das aus einer so frühen Zeit wie dem 11. Jahrhundert stammt, im Mund einer Frau, die in einer entlegenen Gegend lebte, ist laut den Autoren beispiellos. „Während Deutschland zu dieser Zeit bekanntermaßen ein aktives Zentrum der Buchproduktion war, war es bislang besonders schwierig, den Beitrag von Frauen in diesem Metier zu identifizieren.“

Eines der Probleme bei der Identifizierung der Autoren: „Als Zeichen der Frömmigkeit signierten viele mittelalterliche Schreiber und Buchmaler ihre Werke nicht, eine Praxis, die besonders für Frauen galt. Die geringe Sichtbarkeit des Beitrags von Frauen an der Herstellung der Bilderhandschriften hat verbreitet zu der Annahme geführt, dass Frauen hierbei kaum eine Rolle spielten.“

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Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Studie stellen nicht nur langgehegte Überzeugungen in diesem Bereich in Frage, sondern beleuchten auch eine individuelle Lebensgeschichte: „Die Überreste der Frau galten ursprünglich als ein relativ unbedeutender Fund, der, wie es schien, von einem relativ unbedeutenden Ort stammte. Durch die Anwendung der oben genannten Techniken konnte das Forschungsteam jedoch eine außerordentlich bemerkenswerte Lebensgeschichte aufdecken.“
Aufgrund ihrer Tätigkeit sei die Frau „in ein riesiges globales Handelsnetz eingebunden gewesen, das sich von den Minen Afghanistans durch die Handelsmetropolen des islamischen Ägypten und des byzantinischen Konstantinopels bis zur religiösen Gemeinschaft dieser Frau im mittelalterlichen Deutschland  erstreckte”, erklärt Ko-Autor Michael McCormick, Historiker an der Universität Harvard. “Die wachsende Wirtschaft des 11. Jahrhunderts in Europa beflügelte die Nachfrage nach dem kostbaren und exquisiten Pigment, das Tausende von Meilen mit Handelskarawanen und Schiffen zurücklegte, um dem kreativen Streben dieser Künstlerin zu dienen.”

“Wir haben hier den direkten Beleg für eine Frau, die nicht nur malte, sondern dies darüber hinaus mit einem äußerst seltenen und wertvollen Pigment tat und das an einem sehr abgelegenen Ort”, erklärt Studienleiterin Christina Warinner und führt abschließend aus: “Die Geschichte dieser Frau hätte ohne die Anwendung dieser Untersuchungstechniken für immer verborgen bleiben können. Ich frage mich, wie viele andere Künstler und Künstlerinnen wir auf mittelalterlichen Friedhöfen finden können – wenn wir nur nach ihnen suchen.”

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