Massaker an Verteidigern der Bundeslade in Aksum

Die „Kapelle der Tafeln“ auf dem Gelände der Kirche St. Maria von Zion in Aksum. Copyright: JensiS65 (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 3.0
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Die „Kapelle der Tafeln“ auf dem Gelände der Kirche St. Maria von Zion in Aksum. Copyright: JensiS65 (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 3.0

Die „Kapelle der Tafeln“ auf dem Gelände der Kirche St. Maria von Zion in Aksum.
Copyright: JensiS65 (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 3.0

Aksum (Äthiopien) – Glaubt man religiösen Sagen und Legenden, so beherbergt eine der Kapellen der Kirche St. Maria von Zion in der äthiopischen Stadt Aksum die sagenumwobene biblische Bundeslade. Jetzt soll es im Laufe des andauernden Bürgerkrieges in der Region vor der Kirche zu einem Massaker an rund 750 Menschen gekommen sein, die die Kirche und Bundeslade vor Soldaten der Zentralregierung schützen wollten.

Wie unter anderem die britische „Church Times“ aktuell berichtet, stammen die bisherigen Berichte über das Massaker von Menschen, die in Folge der Vorkommnisse aus Aksum in die rund 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Mekelle geflohen sind, sowie von der europäischen NGO “European External Programme with Africa“ (EEPA). Laut den Angaben, die auch von Amnesty International (AI) bestätigt werden, ist das Gebiet schon seit Beginn der Unruhen für Journalisten nicht zugänglich.

Hintergrund
Quelle der andauernden Kämpfe sind Unruhen, die im vergangenen November in der Folge von Lokalwahlen aufflammten, wie sie von der einstigen regionalen Regierungspartei, der “Tigray People’s Liberation Front” (TPLF), in der Region Tigray durchgeführt worden waren, die die äthiopische Zentralregierung unter Ministerpräsident Abiy Ahmed jedoch als illegal bezeichnet und seither mit militärischer Gewalt und unterstützt durch eritreische Truppen und Milizen bekämpft.

Die alte Kathedrale St. Maria von Zion. Copyright: A.Savin (via WikimediaCommons)

Die alte Kathedrale St. Maria von Zion.
Copyright: A.Savin (via WikimediaCommons)

Abiy Ahmed ist seit April 2018 an der Regierung und brach schnell mit der autoritären Politik seiner Vorgänger: Er leitete eine Liberalisierung der Wirtschaft ein, Rebellen durften in ihre Heimat zurückkehren, politische Gefangene wurden frei gelassen, und zahlreiche Vertreter aus Militär und Geheimdiensten wurden wegen Menschenrechtsverstößen angeklagt. Für das Friedensabkommen mit dem benachbarten jahrzehntelangen Erzfeind Eritrea erhielt Abiy 2019 den Friedensnobelpreis. Allerdings brachen einhergehend mit der politischen Liberalisierung auch alte ethnische Konflikte in dem Vielvölkerstaat wieder auf. Die angeblich illegalen Lokalwahlen der TPLF in Tigray dienen seither als Legitimation für die seit November 2020 andauernden militärische Offensiven der Zentralregierung gegen die Region. Seither kommt es immer wieder zu Massakern an der Bevölkerung, die bereits Tausende Opfer gekostet haben sollen und zu Hungersnöten und einer Massenflucht in den benachbarten Sudan geführt haben.

Der ehemalige Herausgeber des BBC World Service Africa Martin Plaut bestätigt, dass Zeugen berichtet hätten, dass das Massaker an unschuldigen Zivilisten die Folge eines Angriffes der Regierungstruppen und der Amhara-Militz auf die Kirche gewesen sein.

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Laut Plaut, sollen sich bis zu 1.000 Gläubige angesichts der Soldaten zum Schutz der Kirche und der darin geglaubten Bundeslade auf das Kirchengelände begeben haben, weil sie aufgrund voriger Angriffe und Beschädigungen von Kirchen in der Region durch die Regierungstruppen und Milizen befürchteten, die Truppen könnten auch St. Maria von Zion und deren Bundeslade beschädigen oder gar plündern.

Hintergrund
Zum Hauptgebäude der Kirche St. Maria von Zion, das als wichtigstes Kirchengebäude der äthiopisch-orthodoxen Kirche gilt, gehören zahlreiche Nebengebäude und Kapellen. In einer davon, in der „Kapelle der Tafeln“ soll sich – so eine Legende der äthiopisch-orthodoxen Kirche – die sogenannte Bundeslade befinden. Diese werde von einem einzelnen Priester, dem Wächter der Lade, bewacht und darf niemandem gezeigt, geschweige denn an einen anderen Ort gebracht werden. Laut äthiopischen und ostafrikanischen Legenden sei die Bundeslade von König Menelik I, dem Sohn des israelischen Königs Salomon, einst in die Hauptstadt des spätantiken Königreiches von Aksum gebracht worden.

Bei der Bundeslade soll es sich laut der hebräischen Überlieferung um eine mit Gold überzogene Truhe aus Akazienholz handeln, auf deren Abdeckung zwei Cherubime thronen, die schützend ihre Flügel über die Truhe ausbreiten, zwischen denen „die Herrlichkeit Gottes (Schechina)“ erschien.

Nach der Darstellung der Tora enthielt die Bundeslade jene zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten, wie sie Moses von Gott selbst erhalten haben soll, und galt demnach beim Auszug Israels aus Ägypten unter Mose als Garant für Gottes Gegenwart und als Zeichen für seinen Bund mit dem Volk Israel.

Neben der Tatsache, dass sie als Behältnis der „Gesetzestafeln Gottes“ und somit als einer der heiligsten Kultgegenstände des israelischen Volkes überhaupt gilt, wurden der Lade selbst immer wieder auch direkte übersinnliche Eigenschaften zugeschrieben, die nicht nur von Bibelforschern unterschiedlich interpretiert wurden. So sollen die Hohepriester mithilfe der Bundeslade direkten Kontakt zu Gott aufgenommen haben können bzw. diese Gottes Gegenwart herbeigerufen haben.

In einem anderen Fall soll Ussa, der die Bundeslade berührte – obwohl er kein Priester war – den “Zorn Gottes” verspürt haben und unmittelbar an diesem gestorben sein. Weitere Bibelstellen werden von einigen Forschern auch als Hinweis verstanden, dass die Lade Gottes – etwa im Kampf gegen die Philister – als Waffe eingesetzt wurde.




Neben den Gesetzestafeln sollen sich ursprünglich auch der das „Himmelsbrot“ Manna spendende Krug, sowie der grünendende Stab Aarons in der Bundeslade befunden haben.

Nachdem die Soldaten die Gläubigen dann auf den Vorplatz der Kirche gezwungen hatten, sollen 750 der Verteidiger noch vor Ort erschossen worden sein, berichtet die „Church Times“ unter Berufung auf die EEPA.

Wie Martin Plaut weiter berichtet, sei durch Kirche selbst bei dem Angriff und Massaker nicht beschädigt worden und laut Zeugenaussagen sei auch die Bundeslade offenbar nicht entwendet worden.

Quelle: Church Times, EEPA

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