Multidiszilinäre Studie bestätigt: Nahtoderfahrungen sind keine Halluzinationen

Auch im Christentum haben Nahtoderfahrungen und jenseitige Sterbebettvisionen eine lange Tradition. Copyright: Gemeinfrei
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Auch im Christentum haben Nahtoderfahrungen und jenseitige Sterbebettvisionen eine lange Tradition. Copyright: Gemeinfrei

Auch im Christentum haben Nahtoderfahrungen und jenseitige Sterbebettvisionen eine lange Tradition.
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New York (USA) – Erstmals hat sich eine multidisziplinäre Studie mehrerer hochrangiger Universitäten dem Phänomen der Nahtoderfahrungen angenommen. Dabei handelt es sich um Erlebnisse und Erfahrungen von Menschen an der Schwelle zum Tod, wie sie mittlerweile allgemein u. a. als Ablösung der Seele vom Körper und der anschließenden „Reise zum Licht am Ende eines Tunnels“, himmlische Musik, engelhafte Wesen, das Erscheinen bereits verstorbener Verwandter und Freunde am Totenbett oder eine unerwartete finale geistige Klarheit beschrieben werden. In ihrem Versuch, das Phänomen erstmals auch interdisziplinär wissenschaftlich-klinisch zu fassen, kommen die beteiligen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unter anderem zu dem Schluss, dass es sich nicht um Halluzinationen handelt.

Wie das Team um Mediziner Sam Parnia von der New York University Grossman School of Medicine aktuell im Fachjournal “Annals of the New York Academy of Sciences“ (DOI: 10.1111/nyas.14740) berichtet, geht es in der Studie darum, Erkenntnisse zu den potenziellen Mechanismen, ethischen Auswirkungen und methodische Überlegungen für eine weitere systematische Untersuchung“ zusammenzutragen sowie „Fragen und Kontroversen auf diesem Forschungsgebiet zu identifizieren“.

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Die an der Studie beteiligen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stammen aus den unterschiedlichsten Disziplinen: Neurowissenschaft, Intensivmedizin, Psychiatrie, Psychologie, Sozial- und Geisteswissenschaften. Vertreten sind einige der renommiertesten akademischen Institutionen, darunter Forschende der Harvard University, Baylor University, University of California Riverside, University of Virginia, Virginia Commonwealth University, Medical College of Wisconsin, sowie der Universitäten von Southampton und London.

Einige der Schlussfolgerungen der Studie fasst die Pressemitteilung der Beteiligten wie folgt zusammen:

  1. Durch die Fortschritte bei der Wiederbelebung und Intensivmedizin haben viele Menschen Begegnungen mit dem Tod oder dem Nahtod überlebt. Diese Menschen – die auf der Grundlage früherer Bevölkerungsstudien schätzungsweise Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt abbilden – haben durchgängig erinnerte Erfahrungen rund um den Tod beschrieben, die eine einzigartige Reihe mentaler Erinnerungen mit universellen Themen beinhalten.
  2. Die erinnerten Erfahrungen und Erlebnisse rund um den Tod stimmen laut mehreren zuvor veröffentlichten Studien nicht mit Halluzinationen, Illusionen oder durch psychedelische Drogen induzierten Erfahrungen überein. Stattdessen folgen sie einem bestimmten Erzählbogen, der eine Wahrnehmung beinhaltet von: (a) Trennung vom Körper mit einem gesteigerten, weitreichenden Bewusstsein und Erkennen des Todes; (b) Reisen zu einem Zielort; (c) eine sinnvolle und zielgerichtete Rückschau auf das Leben, die eine kritische Analyse aller Handlungen, Absichten und Gedanken gegenüber anderen beinhaltet; eine Wahrnehmung von (d) an einem Ort zu sein, der sich wie „Zuhause“ anfühlt, und (e) eine Rückkehr zum Leben.
  3. Die Erfahrung des Todes gipfelt in zuvor nicht identifizierten separaten Handlungen und ist mit positiver langfristiger psychologischer Transformation und Wachstum verbunden.
  4. Studien, die das Auftreten von Gamma-Aktivität und elektrischen Spitzen zeigen – normalerweise ein Zeichen erhöhter Bewusstseinszustände in der Elektroenzephalografie (EEG) – in Bezug auf den Tod, stützen die Behauptungen von Millionen von Menschen, die berichtet haben, dass sie Klarheit und erhöhtes Bewusstsein in Bezug zum Tod erfahren haben.
  5. Erschreckende oder belastende Erfahrungen in Bezug auf den Tod haben oft weder die gleichen Themen noch die gleichen narrativen, transzendenten Qualitäten, Unaussprechlichkeiten und positiven transformativen Effekte.

„Herzstillstand ist kein Herzanfall, aber stellt die finale Phase einer Krankheit oder eines Ereignisses dar, das zum Tod einer Person führt“, erläutert Parnia. Viele Fragen zu Nahtoderlebnissen gehen einher mit einer sich zusehends verändernden Definition von Tod allgemein. Waren es früher noch Atemstillstand und nicht vorhandener Puls, die einen Menschen als tot auswiesen, haben sich seither die Methoden zur Wiederbelebung grundlegend verändert und verbessert.

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„Statt wie zuvor gedacht innerhalb von wenigen Minuten, sterben Hirnzellen teilweise erst binnen Stunden nach dem Herzstillstand ab“, erklärt Parnia und führt dazu weiter aus: „Dieser Umstand erlaubt es Wissenschaftlern, physiologische und mentale Ereignisse in Verbindung mit dem Tod genauer zu untersuchen.“

Schon zuvor gab es Belege und Beweise dafür, dass weder physiologische noch kognitive Prozesse unmittelbar mit dem Tod enden, doch waren systematische Studien nicht in der Lage, die Realität oder Bedeutung dieser Patientenerfahrungen zu beweisen, noch Behauptungen über ein Bewusstsein während des Sterbevorgangs zu beurteilen. „Kurz: Es war unmöglich, das eine noch das Gegenteil zu beweisen“, so Parnia.

„Nur wenige Studie hatten sich der Frage auf wissenschaftlich objektive Weise angenommen, was passiert, wenn wir sterben. Doch auch diese wenigen Ergebnisse liefern bereits erstaunliche Einsichten zur Frage, wie menschliches Bewusstsein existiert und könnte den Weg für weitere Forschung auf diesem Gebiet ebnen.“




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Recherchequellen: NYU Grossman School of Medicine (via EurakaAlert.org)

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