Nackter Riese: Cerne Abbas markierte einst Sammelplatz für King Alfreds Armeen

Die Berühmte Kreidefelsfigur des „Cerne Abbas Giant“ in Dorset. Copyright: Pete Harlow (via WikimediaCommons) CC BY-SA 3.0
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Die Berühmte Kreidefelsfigur des „Cerne Abbas Giant“ in Dorset. Copyright: Pete Harlow (via WikimediaCommons) CC BY-SA 3.0

Die Berühmte Kreidefelsfigur des „Cerne Abbas Giant“ in Dorset. Copyright: Pete Harlow (via WikimediaCommons) CC BY-SA 3.0

Oxford (Großbritannien) – Schon 2020 haben britische Archäologen ein Geheimnis der markanten Kreisfelsfigur des Cerne Abbas Giant gelüftet: Im Gegensatz zu anderen Kreidefelsfiguren in Südengland, wie dem rund 3.000 Jahre alten White Horse of Uffington, stammt der nackte Riese aus angelsächsischer Zeit. Nun haben Wissenschaftler auch den Sinn der Kreidefelsfigur entziffert.

Nachdem zuvor die Herstellung des Cerne Abbas Giant statt in prähistorischer und auch nicht in antiker Zeit, sondern ins Mittelalter verortet werden konnte (…GreWi berichtete), berichten nun Helen Gittos und Tom Morcom von der University of Oxford aktuell im Fachjournal „Speculum” (DOI: 10.1086/727992), dass es sich bei dem ursprünglichen Felsbild um die Darstellung des antiken Helden Herkules handelte, die einen Sammelplatz der Westsächsischen Armeen König Alfreds des Großen im Kampf gegen die Wikinger.

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„Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass der Cerne Giant nur das sichtbarste einer ganzen Reihe frühmittelalterlicher Strukturen in der Landschaft ist“, sagt Helen Gittos, außerordentliche Professorin für frühmittelalterliche Geschichte an der Universität Oxford. „Herkules war im Mittelalter bekannt, ein Held mit Fehlern, der sowohl verehrt als auch geschmäht wurde, und im neunten Jahrhundert erlebte das Interesse an der Figur einen besonderen Anstieg. Spätestens im 10. Jahrhundert befand sich das heutige Dorf Cerne in den Händen der Eldormen der Westprovinzen, den führenden Thegns der Könige im Südwesten. Die topografische Lage des Giant, auf einem aus einem Bergrücken herausragenden Ausläufer mit beeindruckenden Aussichten und der Nähe zu wichtigen Verkehrswegen, ist charakteristisch für einen angelsächsischen Treffpunkt der besonderen Art. Die Angriffe der Wikinger in der Nähe, der Zugang zu reichlich Süßwasser und die Vorräte des örtlichen Anwesens machen dies zu einem idealen Ort für die Aufstellung westsächsischer Armeen mit Herkules als Hintergrund.“

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Hintergrund

Der „Cerne Abbas Giant“. Copyright: Steve Alexander, temporarytemples.co.uk

Der „Cerne Abbas Giant“.
Copyright: Steve Alexander, temporarytemples.co.uk

Während das Alter des „Weißen Pferdes“ mit rund 3.000 Jahren in etwa bekannt ist, ranken sich um den Ursprung des Cerne Abbas Giant viele Sagen, Mythen und Spekulationen. Wo manche ein heidnisches Fruchtbarkeitssymbol sehen, glauben andere eine Darstellung des griechisch-römischen Helden Herkules zu erkennen. Wiederum andere vermuten darin hingegen eine Karikatur Oliver Cromwells aus dem 17. Jahrhundert. Nicht zuletzt wegen seines markanten Phallus gilt der Riese in der lokalen Folklore allerdings allgemein als Fruchtbarkeitssymbol – ganz gleich welchen Alters. Erstmals schriftlich erwähnt wurde das Hügelbild allerdings erst 1694. Der auffallend große Phallus des Riesen dürfte ursprünglich übrigens deutlich kürzer gewesen sein und seine heutige Größe erst später erreicht haben, als Restaurierungen den ursprünglichen Nabel mit dem Schaft verbunden haben…

Wie Morcom und Gittos erläutern, stellten sich die Mönche, die im elften Jahrhundert im Kloster am Fuße des Giant Hill lebten, den Riesen als Abbild ihres Heiligen Saint Eadwold vor und bezogen sich in den Lektionen, die sie an seinem Festtag lasen, implizit auf den Riesen. „Dies ist eine der vielen Arten, wie der Riese im Laufe der Jahrhunderte neu interpretiert wurde. (…) Die Identität des Riesen war schon damals offen für Neuinterpretationen. Schließlich hätten die Mönche von Cerne ihren Schutzpatron nicht nackt dargestellt, wenn sie ihn selbst erschaffen hätten, aber sie waren froh, ihn als Abbild von Eadwold für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können.“




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Recherchequelle: Oxford University

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