Natürlich oder künstlich? Astronomen weisen zweiten interstellaren Meteor nach

Symbolbild: Meteor (Illu.) Copyright: Bearb: grewi.de mit Material von Pixabay.com (adege) / Pixabay License
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Cambridge (USA) – Zwei Harvard-Astronomen haben anhand der Beobachtungsdaten zu Meteoren im CNEOS-Datenkatalog der NASA einen weiteren, den mittlerweile zweiten Meteor ausfindig gemacht, der von außerhalb unseres eigenen Sonnensystems stammt. Wie schon der erste interstellare Meteor dessen Fragmente Wissenschaftler am Grunde des Pazifiks vor Papua-Neuguinea vermuten und gezielt suchen wollen, – offenbart doch auch der nun entdeckte zweite Meteor interstellarer Herkunft eine ungewöhnlich hohe Materialstärke. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob es sich um natürliche oder künstliche Objekte handelt.

Wie Prof. Avi Loeb und Amir Siraj von der Harvard University aktuell in einem Fachartikel darlegen, wurde der Meteor mit der Kennnummer „CNEOS 2017–03–09“ am 9. März 2017 registriert und erhält damit auch die Kennung „IM2“ (Interstellar Meteor Nr. 2). Anhand von Flugbahn- und Geschwindigkeitsberechnungen des Objekts zeigte sich, dass dieses ursprünglich von außerhalb unseres eigenen Sonnensystems stammte und sich schneller bewegte als die Fluchtgeschwindigkeit von der Sonne, als er dann aber von unserer Erdatmosphäre wie in einem Fischernetz eingefangen wurde.

Schon anhand des ersten interstellaren Meteors (CNEOS 2014–01–08 bzw. IM1), konnten Loeb um Siraj zeigen, dass sich – wie auch aktuell bei IM2 – um ein etwa ein Meter großes Objekt gehandelt hatte, das zumindest teilweise in der Atmosphäre verglühte.

Dies geschah allerdings relativ tief in der Atmosphäre, wodurch die Wissenschaftler anhand des Luftdruckwiderstands zugleich auf die Materialstärke und Zusammensetzung des Objekts schließen können.

Wie schon bei IM1 beträgt diese Materialstärke auch bei dem nun identifizierten IM2 bei etwa 75 Mega-Pascal (MPa) und übertrifft damit die von bekannten Eisenmeteoriten aus unserem eigenen Sonnensystem, die etwa 50 MPa beträgt, deutlich.

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„Das bedeutet, dass die bislang bekannte Population interstellarer Meteore sich deutlich von jener unseres Sonnensystems unterscheidet“, erläutert Loeb in einem Beitrag zur Entdeckung auf „Medium.com“.

Doch wie ist die ungewöhnliche Materialstärke der interstellaren Objekte zu erklären? Eine mögliche Erklärung sieht der Astrophysiker darin, dass es sich bei diesen Objekten nicht wie bei gewöhnlichen Meteoren bzw. Meteoriten des Sonnensystems nicht um Objekte aus Gesteinen handelt, wie wir sie aus unserem Planetensystem kennen.

Zum einen könnte es sich um eisenreiche „Geschossehandeln, die während einer Sternenexplosion erzeugt und ins All katapultiert wurden, erläutert Loeb. Tatsächlich seien die Schockwellen solcher „Geschosse“ durch Beobachtungen im Röntgenbereich der Überreste der Vela-Supernova nachgewiesen worden. Zum anderen könnte die Geschwindigkeit und Materialstärke dieser Objekte aber auch dadurch erklärt werden, dass es sich um künstliche Objekte handelt. „Es könnten auch chemisch angetriebene interstellare Raumsonden oder Teile davon sein, die allerdings bereits vor einer Milliarde Jahren und mehr gestartet wurden. Ebenfalls vorstellbare wäre, dass es ein Mutterschiff gibt, dass Kleinstsatelliten (sog. CubeSats) mit sich führte, die dann in der Nähe von Atmosphären lebensfreundlicher Planeten ausgesetzt wurden und deren Materialstärke absichtlich von jener natürlicher Objekte abweicht.“

Der wahrscheinliche Fundort von CNEOS 2014–01–08 für die erste Expedition des Galileo-Projekts (Illu.). Copyright: Galileo Project

Der wahrscheinliche Fundort von CNEOS 2014–01–08 für die erste Expedition des Galileo-Projekts (Illu.).
Copyright: Galileo Project

Um Objekte wie IM1 und IM2 besser zu verstehen, brauche es allerdings direkte Materialproben, um diese zu analysieren und ihre Zusammensetzung und Struktur untersuchen zu können, so Loeb weiter. Dazu sollen schon bald Fragmente von IM1 vom Pazifikboden vor Papua-Neuguinea geborgen werden. Die Finanzierung dieser außergewöhnlichen Suche konnte erst kürzlich gesichert werden (…GreWi berichtete) und schon jetzt planen Loeb und Team eine ähnliche Bergungsaktion möglicher Fragmente von IM2, die vor Portugal vermutet werden.

Zu den Bemühungen um eine Bergung der Objekte und der Aussicht, anhand dieser Objekte entweder bislang Unbekanntes über natürliche interstellare Objekte zu erfahren oder sogar ein Stück außerirdischer Technologie zu erhalten, führt Prof. Avi Loeb weiter aus:

„Die Bemühungen, anhand der Anomalien mehr Daten über interstellare Objekte sammeln zu wollen, wurden von selbst ernannten Experten und einigen Bloggern in den sozialen Medien zurückgewiesen. Aber die bei einer einzigen Expedition des Galileo-Projekts zu erwartenden Daten sind mehr als eine Million Tweets wert.

Vor vier Jahrhunderten wurde Galileo Galilei unter Hausarrest gestellt. Das heutige Äquivalent dazu ist es, in den sozialen Medien angegriffen zu werden. Die Erfahrung von Galileo legt nahe, dass sich Intelligenz weder durch Autorität noch durch Beliebtheitswettbewerbe manifestiert, die darauf bestehen, die Antwort im Voraus zu kennen und alternative Meinungen zu unterdrücken. Stattdessen wird Intelligenz von aufgeschlossenen Personen an den Tag gelegt, die nach Beweisen für die Natur des Unbekannten suchen.

Prof. Dr. Avi Loeb ist Leiter des „Galileo-Projekts“ in Harvard, einer systematischen wissenschaftlichen Suche nach Beweisen für außerirdische technologische Artefakte. Loeb ist Gründungsdirektor von Harvards Black Hole Initiative, Direktor des Institute for Theory and Computation am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics und Vorsitzender des Beirats des Breakthrough Starshot-Projekts. Er ist Autor des Buches „Außerirdisch: Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“

In diesem Sinne zielt das Galileo-Projekt darauf ab, den Ursprung von metergroßen Objekten empirisch zu verstehen, die zäher als Eisen sind und aus dem interstellaren Raum stammen. Diese Suche ist eine große Herausforderung, macht aber Spaß. Wir hoffen, dass unsere kindliche Neugier von wissenschaftlichen Arbeiten und Ergebnissen geleitet und nicht von oberflächlichen Kommentaren passiver Zuschauer unterdrückt wird. Basketballtrainer sagen ihren Teamspielern oft: ‚Behalte den Ball im Auge, nicht das Publikum.‘ Meine umschriebene Empfehlung an das Expeditionsteam lautet: „Behalten Sie den Feuerball im Auge, nicht die sozialen Medien.“

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Recherchequelle: Medium.com, Harvard University

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