Natürliche Selektion Live: Eine Hurrikan-Saison 2017 verändert Anatomie von Echsen


Die Haftsohlen der Anolis-Echsen.

Copyright: Colin Donihue

St. Louis (USA) – In Folge der intensiven Hurrikan-Saison 2007 haben US-Forscher eine erstaunliche Beobachtung gemacht: Von einer auf den Turks- und Caicosinseln vorkommenden Art von Anolis-Echsen überlebten die tropischen Wirbelstürme nur und ausschließlich jene Exemplare mit größeren Haftsohlen und längeren Vorderbeinen. Die Wissenschaftler selbst sprechen von einem seltenen Fall von unmittelbarer natürlicher Selektion, die sich direkt vor unseren Augen – und nicht erst über Generationen hinweg –  vollzogen hat.

Wie die Forscher um den Biologieprofessor Jonathan Losos von der Washington University in St. Louis und Colin Donihue von der Harvard University aktuell im Fachjournal „Nature“ (DOI: 10.1038/s41586-018-0352-3) berichten, trafen in der Hurrikan-Saison 2017 mit den Wirbelstürmen Harvey, Irma und Maria gleich drei schwere Hurrikans auf die Inselgruppe.

Vor und nach dem Stürmen untersuchten die Wissenschaftler die auf den Inseln beheimatete Echsenart „Anolis scriptus“. Zunächst stellten die Forscher einen Rückgang der Population fest. Bei der Körpervermessung zeigte sich dann, dass sämtliche untersuchten Echsenexemplare größere Haftsohlen aufwiesen, als bei vorigen Messungen.

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Tatsächlich bestätigte sich damit eine von den Wissenschaftlern bereits zuvor aufgestellte Vorhersage, wonach etwaige Veränderungen mit der Haltefähigkeit der Tiere auf ihrem gewohnten, natürlichen Untergrund zu haben würde – etwa den nun tatsächlich entdeckten vergrößerten den Gekos ähnlichen Haftsohlen. Neben den vergrößerten Haftsohlen wiesen die überlebenden Tiere auch etwas längere Vorerbeine als die Generation vor den Stürmen auf, während die Knochen zwischen Hüfte und Knien etwas verkürzt waren. Insgesamt waren die Körper der Nach-Hurrikan-Generation auch etwas kleiner als zuvor.

Eine der auf Turks und Caicos einheimischen Anolis-Echsen (Anolis scriptus)
Copyright: Colin Donihue

„Aus Sicht der Evolution macht es Sinn, dass ein Ereignis wie ein Hurrikan, von dem bekannt ist, dass es zu einer hohen Sterberate innerhalb einer Population führen kann, einen selektiven Faktor darstellt“, so die Autoren der Studie.

Während die Forscher natürliche Selektion durch die drei Hurrikans als beste Erklärung für die vorgefundenen Veränderungen darlegen, stellte sich allerdings die Frage nach dem Verhalten der Echsen während starker Winde. „Verlassen sie ihren gewohnten Lebensraum in den Baumwipfeln und fliehen auf den Boden? Oder suchen sie in Spalten und Höhlen der Bäume Zuflucht – oder halten sie sich einfach nur vor Ort fest?“

Um dies herauszufinden führten die Forscher mit den Echsen eine Versuchsreihe und simulierten Hurrikan-Windstärken durch: „Tatsächlich blieben die Echsen am Baum, und hielten sich an der windabgewandten Seite der Äste, vornehmlich mit ihren Vorderen Gliedmaßen so fest wie möglich. (…) Wie es scheint, sind diese Echsen also dafür geschaffen, sich auf diese Art und Weise fest zu halten. Längere Hinterbeine stellen aber einen Angriffspunkt für die Winde dar und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere von den Bäumen gerissen werden.“

Auf diese Weise lasse sich also das vorgefundene Muster der anatomischen Veränderungen zu Gunsten der Haftfähigkeit der Tiere in Folge der schweren Stürme tatsächlich am besten erklären.

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