Neue Belege für Neandertaler-Begräbnisse

Rekonstruktion der Nutzung des natürlichen Felsüberhangs La Ferrassie durch eine Neandertaler-Gemeinschaft (Illu.). Copyright: Emmanuel Roudier
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Rekonstruktion der Nutzung des natürlichen Felsüberhangs La Ferrassie durch eine Neandertaler-Gemeinschaft (Illu.). Copyright: Emmanuel Roudier

Rekonstruktion der Nutzung des natürlichen Felsüberhangs La Ferrassie durch eine Neandertaler-Gemeinschaft (Illu.).
Copyright: Emmanuel Roudier

Paris (Frankreich) – Lange Zeit wurden Neandertaler gerne als grobschlächtige und tumbe „Höhlenmenschen“ abgetan. Seit einigen Jahren verändert sich jedoch unser Bild von Neandertalern, ihren Fähigkeiten und ihrer Kultur. Nun liegen neue Belege dafür vor, dass auch die Neandertaler ihre Toten beigesetzt haben – was wiederum weiter Schlussfolgerungen auch über ihr Weltbild, Gefühls- und Seelenleben erlaubt.

Während schon frühere Funde sogar auf eine Begräbniskultur der Neandertaler hingewiesen haben (…GreWi berichtete) gibt es weiterhin auch Kritiker dieser Theorie. Nun ist es einem interdisziplinären Forscherteam erstmals gelungen, eine ganze Reihe von Kriterien aufzuzeigen, die zeigen, dass das Skelett eines Neandertalerkindes, das vor rund 41.000 Jahren am Fundort Ferrassie in der Dordogne verstarb, vermutlich gezielt an Ort und Stelle beigesetzt wurde.

Wie das Team um Antoine Balzeau von der französischen Nationalen Forschungszentrum CNRS und dem Muséum National d’Histoire Naturelle aktuell im Fachjournal Scientific Reports“ (DOI: 10.1038/s41598-020-77611-z) berichtet, beruht der bisherige Wissenschaftsstreit in der Frage, ob auch Neandertaler ihre Toten beigesetzt haben oder nicht, auf dem Umstand, dass die meisten der zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten bekannten Neandertaler-Skelette nicht nach heutigen archäologischen Standards ausgegraben wurden und so wichtige Hinweise verloren gingen.

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Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts sechs Neandertalerskelette am bekannten Neandertaler-Fundort von La Ferrassie, einem Felsüberhang (Abri) in der Dordonge, gefunden worden waren, machten Wissenschaftler zwischen 1970 und 1973 einen weiteren Fund: Ein zum Todeszeitpunkt vermutlich etwa zwei Jahre altes Kind. Das Besondere an dem Fund: Fast ein halbes Jahrhundert lang lagerte der Gesamtfund und die dazugehörigen Notizen nahezu unberührt im Archiv des Musée d’Archéologie Nationale und konnten so von den Forschern um Balzeau und seinem Kollegen Azier Gómez-Olivencia von der spanischen Universidad del País Vasco völlig neu analysiert werden.

Neuauswertung der Funde von La Ferrassie. Copyright/Quelle: Antoine Balzeau - CNRS/MNHN

Neuauswertung der Funde von La Ferrassie.
Copyright/Quelle: Antoine Balzeau – CNRS/MNHN

Anhand dieser Neuauswertung können die Forscher nun sagen, dass das Kind ein in einer Sedimentschicht leicht gen Westen angewinkelt mit dem Kopf leicht erhöht begraben wurde. Da diese Ausrichtung und Anordnung jedoch der sonstigen stratografischen Ausrichtung der Richtung Nordosten geneigten Sedimente wiederspricht, und die Knochen auch gemäß ihrer natürlichen anatomischen Anordnung vorgefunden wurden, zudem sämtliche Knochen einen nahezu identischen guten Erhaltungszustand aufwiesen, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Leichnam relativ schnell nach seinem Tod begraben und nicht an Ort und Stelle längere Zeit der Natur ausgesetzt war. Tierknochen rund um den Fundort zeigen hingegen deutlich natürlichere Verteilungs- und Verwitterungsspuren auf.

„Alle diese Informationen zusammengenommen zeigen, dass der Körper dieses Neandertalerkindes absichtlich in einer aus dem Sediment ausgehobenen Grube abgelegt wurde“, so die Autoren der Studie abschließend. Weitere Analysen sollen nun untersuchen, ob es noch weitere Hinweise zur Chronologie und geografischen Verbreitung dieser Bestattungspraktik gibt.

Begräbnisse dieser Art und andere Funde, an denen den Toten offenbar sogar Grabbeigaben und Schmuck mitgegeben wurde, deuten demnach nicht nur auf die Praktik des Begrabens, sondern auch auf ein komplexes dies- und jenseitiges Weltbild und vermutlich sogar religiöse Vorstellungen hin.




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Quelle: CNRS

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