Neue Kontroverse um „interstellaren Meteor“

Symbolbild: Meteor (Illu.) Copyright: Bearb: grewi.de mit Material von Pixabay.com (adege) / Pixabay License
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Symbolbild: Meteor (Illu.) Copyright: Bearb: grewi.de mit Material von Pixabay.com (adege) / Pixabay License

Symbolbild: Meteor (Illu.)
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Baltimore (USA) – Die Zuordnung eines Meteors, der 2014 über dem Pazifischen Ozean in der Erdatmosphäre einschlug, als von außerhalb unseres Sonnensystems stammend, bildet die Grundlage von Überlegungen, dass es sich dabei nicht nur um eine natürliche Probe von interstellarem Material, sondern vielleicht sogar um die Reste eines außerirdischen Artefakts handeln könnte. Nachdem der Harvard-Astronom Professor Avi Loeb für die Hypothese bereits heftige Kritik und Spot über sich ergehen lassen musste, behauptet nun eine aktuelle Studie, dass schon die Detektion des Objekts auf ein überaus irdisches Ereignis zurückzuführen sei. Loeb wiederspricht.

In seiner Vorabankündigung auf der Seite der Universität, wie auch vorab via ArXiv.org berichtet das Team um den Planetenseismologen Benjamin Fernando von der Johns Hopkins University, dass Schallwellen, die zuvor der Feuerspur des Meteors zugeschrieben wurden, in Wirklichkeit von einem Lastwagen verursacht wurden, der auf einer an der Messstation vorbeiführenden Straße fuhr. „Das Signal veränderte sich mit der Zeit. Diese Veränderung entspricht exakt dem Straßenverlauf im Verhältnis zum genutzten Seismometer“, erläutert Fernando, dessen Team die Ergebnisse auf der bevorstehenden „Lunar and Planetary Science Conference“ am 12. März in Houston präsentieren will. „Es ist wirklich schwierig auszuschließen, dass ein Signal nicht auch von woanders stammt. Was wir aber tun können ist zu zeigen, dass es eine ganze Menge an Signalen gibt. Wir können auch zeigen, dass dieses Signal jene Eigenschaften besitz, die wir von einem Truck erwarten würde, aber nicht die eines Meteors.“

Kein Meteor, sondern ein Lastwagen?
Allerdings widersprechen die Autoren und Autorinnen nicht der Behauptung, dass 2014 ein Meter über dem Westpazifik in die Atmosphäre eingetreten war. Doch die Verbindung zu den von der seismischen Station auf Manus Island (vor Papua-Neuguinea) aufgezeichneten Vibrationen sei falsch.

Das Satellitenbild zeigt die am Seismometer auf Manus Island vorbeiführende "Truck Road".Copyright/Quelle: Roberto Molar Candanosa and Benjamin Fernando/Johns Hopkins University, with imagery from CNES/Airbus via Google

Das Satellitenbild zeigt die am Seismometer auf Manus Island vorbeiführende „Truck Road“.
Copyright/Quelle: Roberto Molar Candanosa and Benjamin Fernando/Johns Hopkins University, with imagery from CNES/Airbus via Google

Researchers report that a truck traversed the area near the seismic station in Manus Island. Image based on satellite images acquired on March 24, 2023. Alert your neighbors. Take shelter. Credit: Roberto Molar Candanosa and Benjamin Fernando/Johns Hopkins University, with imagery from CNES/Airbus via Google

Entsprechend hart gehen die Forschenden der Hopkins University denn auch mit den Hypothesen und nicht zuletzt Aufwendungen und Aussagen den (in der Pressemitteilung nicht namentlich genannten) Harvard-Professors Avi Loeb ins Gericht, der den Meteor als ersten überhaupt als solchen erkannten Meteor interstellarer Herkunft (Interstellar Meteor Nr. 1, IM1) bezeichnet und im Sommer 2023 eine eigene Suchexpedition nach dessen Fragmenten am Ozeanboden vor der Küste Papua-Neuguineas unternommen hatte (…GreWi berichtete, siehe Links u.). Seither behauptet Loeb, die kugelförmigen magnetischen Partikel seien Teile dieses interstellaren Objekts und will im kommenden Sommer nach dem eventuell vorhandenen Hauptkörper suchen.

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Laut Fernando und Kollegen stimme also weder der angenommene Absturzort noch das Signal mit diesem Meteor überein: „Man hat also sogar an der völlig falschen Stelle gesucht. (…) Was man gefunden hat, kann alles Mögliche sein – Fragmente anderer Meteoriten oder irdische Kontamination. Der eigentliche Absturzort des Meteors, um den es dabei ging, ist vermutlich mehr als 100 Meilen vom Suchgebiet entfernt. (…) Was auch immer da gefunden wurde, ganz unabhängig davon, ob es nun natürlichen Ursprungs oder ein Teil eines fremden Raumschiffs ist, es hat nichts mit diesem Meteor zu tun.“

Loebs Reaktion
Unmittelbar nach der Vorabveröffentlichung hat sich auch Prof. Avi Loeb zu den Aussagen und Vorwürfen gegen seine Arbeit in einem Beitrag auf Medium.com geäußert und erneut auf den Nachweis des Meteorfalls anhand multipler Sensoren des US-Weltraumkommandos wie der NASA verwiesen, deren Daten die interstellare Herkunft des Objekts belegen.

Magnetische Eisenkügelchen in der Sammelprobe des 8. Suchgangs der „interstellar Expedition“. Copyright/Quelle: Avi Loeb

Magnetische Eisenkügelchen in der Sammelprobe des 8. Suchgangs der „interstellar Expedition“.
Copyright/Quelle: Avi Loeb

Zur angeblich völlig falschen Bestimmung des Absturzortes des Objekts merkt Loeb folgendes an: „Die Autoren behaupten, diese Ortsbestimmung basiere alleine auf den öffentlichen Seismometerdaten [der besagten Station]. Dabei ignorieren sie die [hochsensiblen] Lokalisierungsdaten des US-Verteidigungsministeriums (DoD).“

Weiter kommentiert Loeb: “Leuten, die sich dazu entschieden haben, verlässliche Daten des DoD abzutun, kann man wenig entgegnen. Unsere Ortsbestimmung für IM1 basieren hauptsächlich auf den DoD-Daten. Die Seismometerdaten von Manus Island wurden in unserem später publizierten Fachartikel lediglich genutzt, um diese erste Bestimmung zu überprüfen. (…) Zudem haben wir festgestellt, dass die Daten von sehr weit entfernteren Messstationen für eine Bestimmung nicht hilfreich sind. (…) Warum sollten wir also die [besseren] DoD-Daten also absichtlich ignorieren? (…) Etwa ein Zehntel der kugelförmigen Partikel, die wir an Ort und Stelle gefunden haben, weisen zudem eine chemische Zusammensetzung auf, die keinem bislang beschriebenen Material aus unserem Sonnensystem eigen ist. (…) Unsere eigenen Analysen zeigen, dass es sich hierbei nicht um Kohleasche handelt oder diese Partikel aus der Erdkruste, vom Mond oder dem Mars stammen. (…).




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Rechercherquellen: John Hopkins University, Avie Loeb via Medium.com

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