Neue Plesiosaurier-Fossilien zeigen: „Nessies Vorfahren“ lebten nicht nur im Meer

Künstlerische Darstellung eines Fluss-Plesiosauriers in seiner natürlichem Umgebung und im Nahrungskampf mit einem Spinosaurier (Illu.). Copyright: University of Bath
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Künstlerische Darstellung eines Fluss-Plesiosauriers in seiner natürlichem Umgebung und im Nahrungskampf mit einem Spinosaurier (Illu.). Copyright: University of Bath

Künstlerische Darstellung eines Fluss-Plesiosauriers in seiner natürlichem Umgebung und im Nahrungskampf mit einem Spinosaurier (Illu.).
Copyright: University of Bath

Bath (Großbritannien) – In einem rund 100 Millionen Jahre alten ehemaligen Flusssystem in der marokkanischen Sahara haben Wissenschaftler Fossilien eines kleinen Plesiosauriers entdeckt. Der Fund legt nahe, dass nicht alle Varianten der langhalsigen Meeresreptilien nur im Meer, sondern einige von ihnen auch in Frischgewässern lebten. Das könnte auch aus kryptozoologischer Perspektive interessant sein.

Hintergrund
Die ersten Plesiosaurier-Fossilien wurden 1823 von der Fossiliensammlerin Mary Anning entdeckt und konnten schnell Reptilien mit einem langen Hals, kleinem Kopf und vier länglichen Schlagflossen zugeschrieben werden (s. Abb; Copyright: Adam Stuart Smith (via WikimediaCommons) / CC BY-SA 2.5). Mit dem Widererwachen von Sichtungen eines vermeintlich ähnlichen „Ungeheuers“ im schottischen See Loch Ness verbreitete sich auch die Idee, dass es sich bei „Nessie“ um eine bis heute überlebende Population von Plesiosauriern handeln könnte. Neben zahlreichen anderen kontrovers diskutierten Argumenten pro und kontra der Existenz des Ungeheuers galt die bisherige Vorstellung davon, dass Plesiosaurier lediglich im Meer (also im Salzwasser) lebten, vielen als schlagendes Argument gegen Nessie als Plesiosaurier – handelt es sich beim Loch Ness doch um einen Frischwassersee.

Wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen um Georgina Bunker von der University of Bath und Roy Smith von der University Portsmouth gemeinsam mit Kollegen um Samir Zouhri von der marokkanischen Université Hassan II aktuell im Fachjournal „Cretaceous Research“ (DOI: 10.1016/j.cretres.2022.105310) berichten, können die in der Sahara gefundenen Fossilien etwa drei Meter langen ausgewachsenen Exemplaren und mindestens einem 1,5 Meter langen Jungtier zugeordnet werden.

Grafische Rekonstruktion der in der marokkanischen Sahara gefundenen Plesiosaurier im Vergleich zu einem Menschen (Illu.). Copyright/Quelle: University of Bath

Grafische Rekonstruktion der in der marokkanischen Sahara gefundenen Plesiosaurier im Vergleich zu einem Menschen (Illu.).
Copyright/Quelle: University of Bath

Die Funde sprechen dafür, dass die Plesiosaurier gemeinsam mit Krokodilen, Fröschen, Schildkröten, Fischen sowie dem gewaltigen Flusssaurier Spinosaurus in Frischwasserflüssen lebte (siehe Titelabbildung). „Diese Fossilien zeigen, dass zumindest einige Plesiosaurier auch an Frischwasser abgepasst waren und vermutlich sogar darin lebten – ähnlich die Flussdelfine.

Allerdings sei es nicht nur der Fundort der Fossilien, die die Forschenden zu ihren Schlussfolgerungen führen: „Während Knochen natürlich jeweils nur dort gefunden werden, wo entsprechende Tiere gestorben sind, erzählen Zähne viel darüber, wo diese Wesen einst gelebt haben.“

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Tatsächlich weisen die nun als Teil der Fossilien entdeckten Zähne auffallend ähnliche Abnutzungsmerkmale auf wie die der in denselben Sedimenten gefundenen Fossilien der fischfressenden Spinosaurier. „Das legt nahe, dass auch die entdeckten Plesiosaurier sich von der gleichen Nahrung wie diese Raubsaurier ernährten: gepanzerten Fischen, die im Fluss lebten. Sie müssen also eine lange Zeit im Fluss verbracht haben und waren hier nicht nur zeitweilige Besucher.“

Während andere Meerestiere wie einige Wale und Delfine auf der Suche nach Nahrung oder weil sie sich verirrt haben, immer wieder auch flussaufwärts in Flüsse schwimmen, lasse die Anzahl der nun in Marokko gefundenen Delfinfossilien diese Vorstellung als Erklärung wenig wahrscheinlich erscheinen. Eine hingegen sehr viel wahrscheinlichere Erklärung für die Fossilien im Flussbett sei die, dass diese Plesiosaurier nicht nur Salz-, sondern auch Frischwasser tolerieren konnten – ganz ähnlich, wie einige Wale, etwa Belugawale. Auch Süßwasserdelfine entwickelten sich unabhängig voneinander an vier unterschiedlichen Orten: Dem Ganges, dem Yangtze und zweimal im Amazonas. Zudem gibt es im sibirischen Baikalsee eine Seehundart, die sich an das dortige Frischwasser angepasst hat. „Es wäre also durchaus plausibel, dass es auch Plesiosaurier gab, die sich an Frischwasser angepasst haben“, so Georgina Bunker.

Plesiosaurierfunde weltweit (Illu.). Copyright/Quelle: University of Bath

Plesiosaurierfunde weltweit (Illu.).
Copyright/Quelle: University of Bath

Abschließend braucht es noch nicht einmal ausgewiesene Kryptozoologen, um angesichts der Funde eine Verbindung zum Ungeheuer von Loch Ness zu ziehen: Auch die Pressemitteilung der University of Bath endet mit der Frage, was all das nun für das Ungeheuer von Loch Ness bedeutet: „Auf der einen Seite erscheint (das Plesiosaurier-Szenario) nun durchaus plausibel, denn Plesiosaurier waren nicht auf die Meere beschränkt. Sie lebten auch im Frischwasser. Zugleich legen Plesiosaurierfossilen grundsätzlich aber auch nahe, dass Plesiosaurier nach fast 150 Millionen Jahren ihrer Existenz gemeinsam mit den Dinosauriern vor rund 66 Millionen Jahren ausstarben.”




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Recherchequelle: University of Bath

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