Neue Studie: Kommt unser Sonnensystem auch ohne „Planet Neun“ aus?


Künstlerische Interpretation des mutmaßlich neunten Planeten im Sonnensystem. Seine Erstbeschreiber Mike Brown und Konstantin Batygin vermuten, dass es sich um einen Planeten handelt, der Uranus und Neptun gleichen könnte (Illu.).

Copyright: Caltech/R. Hurt (IPAC)

Boulder (USA) – Die gemeinsamen Bahnabweichungen zahlreicher ferner Objekte im Kuipergürtel deuten mittlerweile nicht nur die Astronomen Konstantin Batygin und Mike Brown als deutlichen Hinweis auf einen weiteren, bislang noch nicht entdeckten großen Planeten im äußeren Sonnensystem: Der sogenannte Planet Nine. Eine neue Studie stellt die Notwendigkeit eines solchen „neunten Planeten“ nun jedoch in Frage und kommt zu dem Schluss, dass das Sonnensystem auch ohne diesen hypothetischen Planeten funktioniert. Die Vertreter der P9-Theorie wiedersprechen erwartungsgemäß.

Laut Brown und Baygin braucht es weiteren einen großen Planeten vom der rund 10-fachen Erdmasse, der die Sonne 20 mal weiter entfernt umkreist als Neptun, um die übereinstimmenden ungewöhnlichen Bahnabweichungen zahlreicher Objekte im Kuipergürtel erklären zu können.

Auf dem 232 Jahrestreffen der American Astronomical Society haben Professor Ann-Marie Madigan und Jacob Fleisig und Kollegen von der University of Colorado nun ein Modell vorgestellt, mit dem die beschriebenen Abweichungen der sog. transneptunischen Objekte (TNOs) auch ohne einen großen fernen Planeten als „Schwerkraftstörer“ erklärt werden können. Statt also vergleichsweise weniger Begegnungen mit dem Schwerkrafteinfluss des „Planet Nine“, sei das fortwährende und über einen extrem langen Zeitraum wirkende Schwerkraftwechselspiel der Objekte im Kuipergürtel untereinander, was die Objekte in gleicher Weise von ursprünglichen Umlaufbahnen abgelenkt und diese verzerrt haben könnte.

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„Die Umlaufbahnen dieser Objekte im äußeren Sonnensystem sind wie die Zeiger einer Uhr“, berichtet Fleisig in einer Pressemitteilung und führt dazu weiter aus: „Kleinere Objekte sind schneller als größere und während die kleineren – etwa Asteroiden – um die Sonne rasen, können sie sich auf einer Seite der Sonne ansammeln. Es sind dann diese Haufen von kleinen Objekten die mit den ungewöhnlichen TNOs schwerkraftmäßig interagiert und sie so auf ihre ungewöhnlichen Umlaufbahnen gezwungen haben könnten.“


Bahndiagramme von 9 transneptunischen Objekten, deren Bahn von Planet Nine beeinflusst sein könnte.

Copyright: Tomruen (via WikimediaCommons) CC BY-SA 4.0

Dem wiederum entgegnet der wohl bekannteste Vertreter der Planet-Nine-Theorie, der Astronom Mike Brown vom California Institute of Technology (Caltech) gegenüber „Popular Mechanics“, dass zwar jeder starke Schwerkraftwechselwirkung Objekte aus dem Einflussbereich des Neptuns hinausreißen könnte, dass hierfür im Kuipergürtel selbst aber zu wenig Masse vorhanden sei und es für ein solches Szenario 5 bis 10 Erdmassen brauche, die schlichtweg nicht da seien.

Madigan und Kollegen wiederum erklären, dass der von ihnen beschriebene „Schneeball-Effekt“ der kleineren Objekte ausreiche, um genügend Schwerkraftwechselwirkungen zu erzeugen, um die Objekte Neptun zu entreißen. Ihr Modell beginne bereits kurz nach der Entstehung des Planeten Neptun und derartige Berechnungen seien bislang nur schwer simulierbar gewesen.

Allerdings gibt es neben den TNOs mittlerweile auch noch andere astronomische Beobachtungen, wie sie durch die Existenz eines wie von Brown und Batygin beschriebene neunten Planeten sehr viel einfacher und überhaupt zu erklären sind als mittels alternativer Modelle (…GreWi berichtete).

Die Diskussion um „Planet Nine“ dürfte also noch weiter andauern. Zumindest so lange, wie P9 noch nicht direkt entdeckt wurde.

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