Neue Theorie: Nahetoderfahrungen als Überlebensstrategie

Symbolbild: Nahtoderfahrung (Illu). Copyright: walterbrunell888 (via Pixabay.com) / Pixabay License
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Liege (Belgien) – Die Tatsache, dass sogenannte Nahtoderfahrungen in allen Teilen der Welt, vermutlich schon immer und unabhängig von kulturellen Hintergründen erlebt werden – kurz, deren universellen Charakter – deuten einige Neurowissenschaftler als Hinweis auf eine biologische Ursache und Zweck der außergewöhnlichen Erfahrungen. Was genau dieser Zweck sein könnte, haben nun belgische und dänische Neurowissenschaftler hinterfragt.

Wie das Team aus Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftlern der Universitäten Kopenhagen und Liege aktuell im Fachjournal „Brain Communications“ (DOI: 10.1093/braincomms/fcab132) berichtet, vermuten sie, dass Nahtoderfahrungen (near-death experiences, NDEs) aus dem evolutionären Mechanismus der sogenannten Schreckstarre (Thanatose) hervorgegangen sind.

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„Im Angesicht des Angriffs eines Raubtieres, verfallen viele Tiere als letzte Überlebensstrategie in die sogenannte Schreckstarre“, erläutert der dänische Neurologe Daniel Kondziella. „Damit täuschen sie vor, tot zu sein. Diese Reaktion ist vermutlich schon so alt wie die Kämpfen-oder-Fliehen-Reaktion im Angesicht eines vermutlich übermächtigen Gegners.“

Hintergrund
Als Nahtoderfahrung (Near Death Experiences, NDEs) werden in der Regel Erlebnisse im Angesicht lebensbedrohlicher Situationen (etwa bei Herzstillstand, Schlaganfällen, nach Unfällen, beim Ertrinken oder während riskanter Operationen) bezeichnet, während derer die Betroffenen von einer ganzen Bandbreite an religiösen, spirituellen Erlebnissen, psychisch-physischen Symptomen wie außerkörperlichen Wahrnehmungen, bis hin zum Hören und Sehen von (meist spirituellen) Wesenheiten, berichten.

„Wir konnten zunächst zeigen, dass die Schreckstarre durch alle Arten hinweg genutzt wird, von Insekten über Fische, Reptilien, Vögel bis hin zu Säugetieren – darunter auch Menschen“, fügt die belgische Neuropsychologin Charlotte Martial hinzu. „Wir können auch zeigen, dass Menschen, die etwa von Raubtieren oder von Vergewaltigern angegriffen oder sogar im Straßenverkehr von Fahrzeugen bedroht werden, sowohl in Schreckstarre verfallen können, als auch später dann Nahtoderfahrungen schildern. Darüber hinaus zeigen wir, dass sich die Phänomenologie und die Auswirkungen der Thanatose mit jenen von Nahtoderfahrungen überlappen.“

Die Forschenden zeigen sich überzeugt, „erstmals eine Beweisführung dafür anzutreten, dass die Schreckstarre die evolutionäre Grundlage von Nahtoderfahrungen ist und dass beide Phänomene biologische Gründe und Ziele erfüllen, die für ein Überleben hilfreich sind“, erläutert der belgische Neurologie Steven Laureys.

Zum Thema

Die Autoren der Studie vermuten, dass das Erlangen der Sprache uns Menschen dazu befähigt hat, „diese Ereignisse des im Angesicht eines tödlichen Angriffs vorgetäuschten Todes hin zu einer reichhaltigen Wahrnehmung zu übertragen, die wir heute als Nahtoderfahrungen bezeichnen und die sich auch auf Situationen übertragen, die heute nichts mehr mit einem Angriff gemein haben.“

„Man sollte beachten, dass sich die vorgeschlagenen zerebralen Mechanismen hinter dem Todstellreflex nicht sehr von jenen unterscheiden, die als Auslöser für Nahtoderfahrungen diskutiert werden“, so Kondziella. „Auch dies stützt unsere Theorie davon, dass evolutionäre Mechanismen wichtige Informationen darstellen, die es zu verstehen gilt, wenn man den biologischen Rahmen von Nahtoderfahrungen verstehen will.“ Tatsächlich habe keine frühere Studie eine derart phylogenetische Grundlage für NDEs erarbeitet, so die Forschenden. „Es könnte also das erste Mal sein, dass wir einen biologischen Grund für Nahtoderfahrungen gefunden haben, der für das Überleben hilfreich sein könnte“, so Laureys abschließend. „Tatsächlich sind Nahtoderfahrungen ja auch per Definition, Erfahrungen, die ausnahmslos von Menschen überliefert wurden und werden, die eine Extremsituation dann doch überlebt haben“, fügt Kondziella hinzu.




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Recherchequelle: Université de Liege

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