‘Oumuamua: Könnte das irdische Leben auch aus einem anderen Planetensystem stammen?

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Künstlerische Darstellung des Objekts 'Oumuamua (Illu.). Copyright: M. Kornmesser/ESO

Künstlerische Darstellung des Objekts ‘Oumuamua (Illu.). Copyright: M. Kornmesser/ESO

Berkeley (USA) – Das Objekt mit der Bezeichnung ‘Oumuamua gilt offiziell als der erste, als solcher erkannte und entdeckte „Besucher aus einem anderen Planetensystem“. Um was es sich bei dem Objekt interstellarer Herkunft jedoch genau gehandelt hat, darüber sind sich selbst Astronomen noch immer uneins. Während die einen darin eine außerirdische Sonde oder zumindest deren Reste vermuten, glauben andere, es habe sich lediglich um einen interstellaren Asteroiden oder Kometen gehandelt. Doch auch und gerade letzteres wirft eine faszinierende Fragestellung über außerirdisches und irdisches Leben auf.

Die Vorstellung, dass das irdische Leben ursprünglich mit Kometen und im Innern von Asteroiden von einem anderen Planeten unseres Sonnensystems auf die Erde gelangt sein könnte, wird als Panspermie-Hypothese bezeichnet und mittlerweile auch unter Astronomen, Astrophysikern und Astrobiologen ernsthaft diskutiert.

Der Umstand, dass der erste als solcher erkannte „interstellare Besucher“ – das Objekt ‘Oumuamua  – bei seiner Ausreise aus unserem Sonnensystem plötzlich noch einmal einen unerwarteten Schub entwickelt hatte, wie er nicht durch Gravitationswechselwirkungen mit anderen Objekten des Sonnensystems erklärt werden konnte (…GreWi berichtete), führte nicht nur zu der Vermutung, dies sei ein Hinweis auf die künstliche Natur des Objekts (…GreWi berichtete), sondern bei anderen Astronomen auch zur Bestätigung ihrer Vermutung, dass es sich bei ‘Oumuamua dann doch um einen Kometen handele und der Schub von unerwarteten Ausgasungen stamme (…GreWi berichtete).

Während ‘Oumuamua das erste interstellare Objekt war, das als solches erkannt wurde, gehen Astronomen, die darin ein Objekt rein astrophysikalischer Natur (also kein Alien-Artefakt) sehen, jedoch davon aus, dass es ganz sicher nicht das erste und auch nicht das letzte seiner Art war. „Wir glauben, dass sich solche Objekte ständig in einem Abstand von einer Astronomischen Einheit (AE = Abstand Erde-Sonne = ca. 150 Mio. Kilometer) um unsere Sonne befinden“, erläuterte der Planetenwissenschaftler Bill Bottke vom Southwest Research Institute (SwRI) vergangenen Monat auf der „Breakthrough Discuss Conference“ an der University of California in Berkeley.

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„Tatsächlich hat dies aber auch einige wirklich interessante Konsequenzen“, so der Astronom und erklärt, dass einige dieser Konsequenzen Objekte wie ‘Oumuamua in den Fokus der Panspermie-Debatte rückt: „Während ‘Oumuamuas genaue Größe nicht bekannt ist, schätzen Forscher diese jedoch auf weniger als 800 Meter an seiner längsten Stelle. Das Objekt zeigte zudem eine nicht durch Gravitationswechselwirkungen hervorgerufene Beschleunigung, als es sich wieder von der Sonne entfernte. Während dieser Umstand unter anderem zu Spekulationen darüber führte, dass es sich um ein außerirdisches Raumschiff handeln könnte, sehen viele Astronomen darin einen Hinweis auf ein eishaltiges Objekt und seine sonderbaren Bewegungen als das Ergebnis kometenartiger Ausgasungen“, zitiert Space.com den Wissenschaftler.

„Sollte das zutreffen, so wäre dies der Beweis dafür, dass Eise auch die Reise über interstellare Distanzen hinweg überdauern können“, so die Astrobiologin Karen Meech vom Institute for Astronomy an der Universität of Hawaii auf ebenfalls auf der Breakthrough-Konferenz.

Auf diese Weise könnten somit auch Mikroben mit diesen Objekten reisen und so in andere Planetensysteme und auch in das unsrige gelangen – und einst gelangt sein. So vorhanden, könnten Mikroben ab einer Tiefe von zehn Metern im Innern von Eis auf Körpern wie ‘Oumuamau selbst die kosmische Strahlung und Erwärmung durch eine Sternenexplosion überdauern.

Da bislang noch nicht bekannt ist, aus welchem Planetensystem ‘Oumuamua überhaupt stammt, ist auch nicht bekannt, wie lange das Objekt zu uns unterwegs war. Astronomen um Meech vermuten jedoch, dass Objekte wie ‘Oumuamua rund 10 Millionen Jahre unterwegs sein können. „Ob irgendwelche angenommenen Lebensformen zunächst eine solch lange Reise und dann auch noch den Einschlag auf der Erde überstanden haben könnten, ist ungewiss.“

Wären derartige Objekte jedoch vergleichsweise porös, so könnten sie in der dichten Atmosphäre eines erdähnlichen Planeten noch vor dem Einschlag zerbrechen und ihre eventuell vorhandene kostbare Fracht so noch vor der Einschlagsexplosion verteilen, gab Prof. Steinn Sigurdsson von der Penn State University auf der Konferenz zu bedenken.

Gemeinsam mit dem mittlerweile für seine Theorie von ‘Oumuamua als außerirdisches Sonnensegel ebenso bekannten wie heftig kritisierten Astrophysiker Avi Loeb hatte Sigurdsson zuvor errechnet, dass bereits mehr als 100 interstellare Objekte astrophysikalischer Natur während der vergangenen 4,6 Milliarden Jahren der Erdgeschichte mit unserem Planeten kollidiert sein könnten.

Genaue Auskunft darüber, ob Objekte wie ‘Oumuamua biologisches Material (sog. Biota) mit sich führen, könne natürlich nur eine direkte Beprobung eines dieser Objekte geben. Doch das könnte schwerer sein als gedacht – ‘Oumuamua selbst zumindest, ist bereits außer Reichweite. Stattdessen solle sorgfältig nach den nächsten interstellaren Besuchern Ausschau gehalten werden, fordern Loeb und Kollegen. Tatsächlich gehe schon im nächsten Jahr mit dem „Large Synoptic Survey Telescope“ in Chile ein erdgestütztes Teleskop an den Start, mit dem jeden Monat ein interstellares Objekt entdeckt werden könnte. „Wir müssen also nur noch einige Jahre warten und haben denn vermutlich die Auswahl von Objekten, die wir mit deutlich weniger Auswand verfolgen und untersuchen können“, erläuterte auch Loeb auf der Breakthrough-Konferenz. „Einmal im Anflug entdeckt, könnte ein solches Objekt dann mit vergleichsweise geringer Geschwindigkeit auf halber Strecke abgefangen werden.“

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