Placebo ohne Mogeln: Auch offene Gabe von Zuckerpillen führt zu vorhersagbarer Linderung bei chronischen Schmerzen

Lesezeit: ca. 3 Minuten

Symbolbild
Copyright: gemeinfrei

Evanston (USA) – Mediziner der Northwestern University berichten aktuell im Fachjournal „Nature Communications“, wie sie verlässlich vorhersagen können, welche chronischen Schmerzpatienten auf die Gabe einer Zuckerpille ebenso effektiv wie auf stark wirksame Medikamente reagieren. Der Schlüssel für den Behandlungserfolg liegt demnach im Placebo-Effekt, der Hirn-Anatomie der individuellen Patienten und deren psychologischen Eigenschaften. Der Effekt tritt somit auch ein, wenn die Patienten über den Placebo informiert sind.

„Es gibt Patienten, deren Gehirne regelrecht auf eine derartige Reaktion eingestimmt sind“, berichten Prof. A. Vania Apkarian von der Northwestern University Feinberg School of Medicine und Kollegen aktuell im Journal „Nature Communications“ (DOI: 10.1038/s41467-018-05859-1). „Diese Patienten haben die richtige Psychologie und Biologie, durch die sie in einen kognitiven Zustand versetzt werden können, der schon auf die klassische Arzt-Aussage ‚das hier wird ihre Schmerzen lindern‘ reagiert.“ Auf diesem Weg, muss diesen Patienten die der Umstand, dass ihnen ein Placebo verabreicht wird, noch nicht einmal verschwiegen werden, so die Mediziner und stellen fest: „Hinter der Placebo-Reaktion steckt Biologie.“

In ihrem Artikel beschreiben die Autoren drei potentielle Vorzüge ihrer Methode:

– Statt aktive Medikamenten können inaktive Medikamente verschrieben werden: „Es ist sehr viel besser, jemandem ein inaktives Medikament zu verschreiben, wenn dieses den gleichen Effekt wie ein aktives Medikament erzeugt, da die meisten aktiven pharmakologischen Medikamente langfristige ungünstige Nebenwirkungen oder abhängig machende Eigenschaftenbesitzen. Hier stellt der Placebo eine gute Alternative dar, die ebenso gut ist, wie jedes handelsübliche Medikament.“

– Der Placebo-Effekt wird von üblichen Medikament-Tests ausgeschlossen: „Tests von Medikamenten müssten zukünftig weniger Testpersonen rekrutieren und die physiologischen Effekte könnten sehr viel einfacher identifiziert werden. Auf diese Weise könnte also eine große Komponente in den Studien entfallen.“

– Reduktion von Gesundheitskosten: „Das Verschreiben einer Zuckerpille zur Behandlung chronischer Schmerzpatienten würde zu gewaltigen Einsparmöglichkeiten sowohl für die Patienten als auch für die Gesundheitssysteme führen.“

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER können Sie den täglichen kostenlosen GreWi-Newsletter bestellen +

In ihrer eigenen Studie teilten Apkarian und Kollegen 60 an chronischen Rückenschmerzen leidende Probanden in zwei Gruppen ein:
Die erste Gruppe wusste nicht, ob sie ein Placebo oder ein wirksames Medikament verabreicht bekamen. In der Folge wurden jene Patienten, die das echte Medikament erhalten hatten, nicht weiter untersucht.
Die zweite Gruppe beinhaltete Testpersonen, die zwar wegen ihrer Beschwerden in die Klinik gekommen waren, aber weder ein Placebo noch ein Medikament bekommen hatten. Diese Gruppe diente als Kontrollgruppe.

Jene Teilnehmer, deren Schmerzen in Folge der Gabe der Zuckerpillen (also des Placebo) gelindert werden konnten, besaßen laut Apkarian alle eine ähnliche Hirn-Anatomie und vergleichbare psychologische Eigenschaften: „Die rechte Seite ihrer emotionalen Hirnhälfte war größer als die linke und sie hatten einen größere für kortikale Eigenschaften zustände Hirnregion als jene Teilnehmer, die nicht auf das Placebo reagierten. (…) Auch waren die auf das Placebo reagierenden Testpersonen emotional selbstbewusst, empfindlich für Schmerzsituationen und achtsam gegenüber ihrer Umwelt und Umgebung.

„Wenn Klinikmediziner chronische Schmerzpatienten behandeln, dann sollten sie ernsthaft in Betracht ziehen, dass diese auch eine ebenso positive Reaktion auf Zuckerpillen zeigen können, wie auf jedes andere Medikament“, kommentiert Apkarian abschließend. „Diese neue Behandlung kann ein völlig neues Forschungs- und Behandlungsfeld öffnen.“

+ + +GreWi Kommentar
Auch wenn von dieser in der aktuellen Studie keine Rede ist, so könnten die Feststellungen der Mediziner um Prof. Apkarian auch Auswirkungen auf ein besseres Verständnis der gerade in jüngster Zeit stark im Fokus öffentlicher Diskussionen stehenden Wirkung homöopathischer Mittel haben.

© grenzwissenschaft-aktuell.de