Roopkund-See: Neue Studie vertieft Rätsel um “Skelett-See” im Himalaya

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Blick auf den Roopkund-See und die umliegenden Berge auf mehr als 5000 Metern Höhe. Copyright/Quelle: Atish Waghwase / Harney et al.; Nature Communications

Blick auf den Roopkund-See und die umliegenden Berge auf mehr als 5000 Metern Höhe.
Copyright/Quelle: Atish Waghwase / Harney et al.; Nature Communications

Cambridge (USA) – Der auch als „Skeleton Lake“ bezeichnete Roopkund-See im indischen Himalaya, galt bislang als Schauplatz einer einzigen Katastrophe mit Hunderten von Toten. Jetzt aber zeichnet die erste vollständige Analyse alter Genome ein gänzlich anderes und rätselaftes Szenario – stammen die hier verstorbenen Menschen doch aus unterschiedlichen genetischen und kulturellen Gruppierungen und verstarben hier im Abstand von rund 1000 Jahren starben. Einige der Toten stammen sogar aus dem Mittelmeerraum.

Wie das internationale Forschungsteam unter Éadaoin Harney von der Harvard University und maßgeblicher Beteiligung der Abteilung für Archäologie des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte aktuell im Fachjournal „Nature Communications“ (DOI: 10.1038/s41467-019-11357-9) berichtet, zeigt die großangelegte Studie, dass die geheimnisvollen Skelette des Roopkund-Sees im indischen Himalaya-Gebirge, von denen man bislang annahm, dass sie von einem einzigen katastrophalen Ereignis herrühren, zu genetisch sehr unterschiedlichen Gruppen gehörten, die in unterschiedlichen Perioden starben, von denen wenigstens zwei rund 1000 Jahre auseinanderliegen.

Hintergrund: Das Rätsel um die Skelette des Rookund Lake
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden rund um die Ufer und auf dem Grund des flachen kleinen Gebirgssees Hunderte von Skelette entdeckt, die dem auf mehr als 5000 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen See die Spitznamen „Skeleton Lake“ oder auch „Mystery Lake“ einbrachten. „Es gibt viele unterschiedliche Annahmen darüber, wer diese Menschen waren, was sie zum Roopkund-See führte und warum sie hier starben“, sagt Seniorautor Niraj Rai, Wissenschaftler am Birbal Sahni Institute for Palaeosciences in Lucknow, Indien. Er forscht an den Skeletten seitdem er nach seiner Promotion am CSIR Centre for Cellular and Molecular Biology (CCMB) in Hyderabad, Indien, tätig ist.

Zuvor war im Jahr 2003 eine für die US-amerikanische National Geographic Society in Auftrag gegebene Untersuchung mittels Radiokohlenstoffmethode zu der Schlussfolgerung egkommen, dass vermutlich alle Skelette aus dem 9. Jahrhundert stammen. Auch die Todesursache glaubten die Wissenschaftler damals benennen zu können, in dem sie vermuteten, dass die Menschen in einem gewaltigen Hagelsturm mit Tennisball-großen Objekten umgekommen seien, weil sie im baumlosen Hochgebirge keinen Schutz gefunden hatten. Eine DNA-Untersuchungen des Instituts für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad (CCMB) ergab damals, dass es sich bei allen untersuchten die Toten um Inder, vermutlich aus Maharashtra, gehandelt hatte.

Dass diese früheren Analysen nicht umfassend und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen demnach auch falsch waren, zeigt das Ergebnis der neuen Analyse, an der 28 Forschende aus Institutionen in Indien, den Vereinigten Staaten und Europa beteiligt waren und die das Ergebnis einer mehr als zehnjährigen Forschungsarbeit ist. „Die Geschichte des Ortes weit komplexer ist, als bislang angenommen“, so die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Ansicht menschlicher Überreste am Ufer des Rookund-Sees. Copyright: Schwiki (via WikimediaCommons) / CC BY-SA. 4.0

Menschliche Überreste am Ufer des Rookund-Sees.
Copyright: Schwiki (via WikimediaCommons) / CC BY-SA. 4.0

Zugleich ist die Analyse des Erbguts, das aus den Skeletten des Roopkund-Sees gewonnen werden konnte, der erste Bericht über „alte DNA“ aus Indien überhaupt und zeigt, dass die menschlichen Überreste mindestens drei verschiedenen genetischen Gruppen zugeordnet werden können: „Erst durch die Sequenzierung der mitochondrialen DNA von 72 Skeletten wurden wir auf deren unterschiedliche Abstammungen aufmerksam“, berichtet Kumarasamy Thangaraj, Senior-Koautor der Studie und führt dazu weiter aus: „Obwohl viele der Individuen mitochondrielle Haplogruppen besitzen, die typisch für die aktuelle Bevölkerung Indiens sind, konnten wir dennoch eine große Gruppe mit Haplogruppen feststellen, die charakteristisch für Bevölkerungsgruppen aus West-Eurasien sind.“

Die vollständige Genomsequenzierungen von 38 Individuen aus dem See ergaben, dass mindestens drei verschiedene genetische Gruppen unter den Skeletten von Roopkund sind:

  • Die erste Gruppe besteht demnach aus 23 Individuen, die mit Menschen aus dem heutigen Indien verwandt sind. Jedoch gehörten sie nicht einer einzigen Population an, sondern stammten abermals von vielen verschiedenen Gruppen ab.
  • Die zweitgrößte Gruppe (14 Personen) weist eine Abstammung aus dem Mittelmeerraum auf und ist genetisch mit den heutigen Bewohnern Griechenlands und Kretas verwandt.
  • Die DNA eines weiteren Individuums weist auf einen Ursprung in Südostasien hin.

„Die Genetik der Skelette überraschte uns sehr. Dass hier Individuen aus dem Mittelmeerraum gefunden wurden, lässt vermuten, dass der Roopkund-See nicht nur von lokalem Interesse war, sondern dass Menschen aus der ganzen Welt hierherkamen“, sagt Harney.

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Die Rekonstruktion der Ernährung mithilfe der Analyse stabiler Isotopen beweist zudem, dass die Skelette unterschiedlichen kulturellen Gruppierungen angehörten: „Individuen, die der Gruppe aus Indien angehören, hatten eine stark wechselnde Ernährung – die in unterschiedlichem Maße auf Hirseanbau basierte- was in Übereinstimmung mit den genetischen Ergebnissen steht, dass sie einer Vielzahl von sozioökonomischen Gruppen aus Südasien angehörten.“, so Senior-Koautorin Ayushi Nayak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, Deutschland.

Die Kohlenstoffdatierung (C14) liefert ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie: „Die Menschen verstarben nicht, wie bisher angenommen, zur selben Zeit an dem See, sondern die beiden größten Gruppen erreichten den See in einem zeitlichen Abstand von knapp 1000 Jahren.“

So trafen die Angehörigen der indischen Gruppe bereits im 7. bis 10. Jahrhundert dort ein, während die beiden anderen Gruppen, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um Reisende handelte, erst im 17. bis 20. Jahrhundert an den Roopkund-See gelangten. „Diese Ergebnisse demonstrieren die Stärke der Radiokarbonmethode, da bislang angenommen wurde, dass sämtliche Skelette auf ein einziges Ereignis zurückzuführen sind.“, sagt Senior-Koautor Douglas J. Kennett von der University of California in Santa Barbara, USA.

“Was die Menschen letztendlich hierher führte und wie sie zu Tode kamen, bleibt bislang unklar”, ergänzt Rai, “Wir hoffen, dass dieser ersten Untersuchung viele weiter folgen werden, um diese Fragen zu klären.”

Abschließend stellt sich unweigerlich die Frage, wie Migranten aus dem östlichen Mittelmeerraum, mit einem sehr untypischen Abstammungsprofil für diese Region, zu dieser Zeit an den Pookund-See gelangten und warum und wie sie an diesem Ort auch verstarben. “Diese Studie unterstreicht die Stärken biomolekularer Methoden, um bisher nicht gekannte und überraschende Einsichten in unsere Vergangenheit zu gewinnen“, so Senior-Koautor David Reich von der Harvard Medical School abschließend.

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