SETI-Signal-Kandidat “BLC1”: Kopernikanisches Prinzip spricht gegen Ursprung des Signals um Proxima Centauri

Künstlerische Darstellung eines erdartigen Planeten um Proxima Centauri (Illu.). Copyright: ESO/M. Kornmesser
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Künstlerische Darstellung eines erdartigen Planeten um Proxima Centauri (Illu.). Copyright: ESO/M. Kornmesser

Künstlerische Darstellung eines erdartigen Planeten um Proxima Centauri (Illu.).
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Cambridge (USA) – Die Entdeckung eines schmalbandigen Radiosignals aus Richtung des gerade einmal 4,2 Lichtjahre entfernten nächsten Sonnennachbarsterns Proxima Centuri, der zudem von mindestens einem erdgroßen Planeten innerhalb der potenziell lebensfreundlichen Zone des Zwergsterns umkreist wird, sorgt seit Wochen für Kontroversen und Hoffnungen auf ein erstes künstliches Signal einer außerirdischen Zivilisation. Der Harvard-Astrophysiker Avi Loeb glaubt indes nicht an einen Ursprung des Signals in derartiger Nachbarschaft und begründet dies mit der Stellung des Menschen im Universum.

Wie Prof. Avi Loeb aktuell in einem noch nicht fachpublizierten Artikel via ArXiv.org und gegenüber Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi) ausführt, gibt es noch keinen Fachartikel der Entdecker des Signals selbst, das von der SETI-Initiative „Breakthrough Listen“ bei Beobachtungen mit dem australischen Parkes Telescope auf einer Frequenz von 982.002 MHz aus Richtung Proxima Centauri entdeckt wurde (…GreWi berichtete): „Noch gilt es viele Fragen zu beantworten, um eine irdische technologische Interferenz oder einen natürlichen Emissionsmechanismus gänzlich ausschließen zu können. Das kann nur gelingen, wenn das Signal sich wiederholt und dann auch von anderen Teleskopen an anderen Standorten ebenfalls detektiert wird, da sich dann Interferenzen unterschiedlich darstellen. (…) Wenn sich das Signal wiederholt und dann auch tatsächlich von einem Sender auf dem erdartigen Planeten Proxima Centauri b stammen würde, müsste das Signal eine mit der Rotationsperiode des Planeten einhergehende 11-tägige Modulation aufweisen.“

Gemeinsam mit seinem Studenten und Kollegen Amir Siraj erläutert Loeb aktuell, dass basierend auf den ihnen bislang zur Verfügung stehenden Daten, dass Signal zumindest nicht von der Oberfläche des besagten Planeten kommen könne, „da die abgedeckte Frequenzbandbreite sich dann sehr viel stärker verschieben würde als beobachtet“. Weiter führt Loeb dazu aus: „Wir kennen schließlich die Beschleunigung des Planeten um seinen Stern und diese deckt sich nicht mit der nur sehr geringen Modulation des Signals“.

Doch selbst ohne besagte Details der Ortung in Betracht zu ziehen, erscheine es unwahrscheinlich, dass ein solches Signal ausgerechnet von dem uns am nächsten gelegenen Sternensystem stammen könnte, so Loeb und Sirah weiter und berufen sich dabei auf das sogenannte Kopernikanische Prinzip. Dieses besagt, dass der Mensch keine ausgezeichnete Sonderstellung, sondern nur eine typisch durchschnittliche Stellung im Universum einnimmt.

„Irdische Radiotechnologie trat erst in den letzten 100 Jahren der insgesamt 4,5 Milliarden Jahre währenden Geschichte unseres Planeten auf. Das Kopernikanischen Prinzip besagt nun, dass wir Menschen auf der Erde keine sonders privilegierten Beobachter sind. Zugleich stimmt dieses Prinzip aber mit allem überein, was wir bislang über das Universum wissen und widerspricht damit etwa der Kosmologie des Aristoteles, wie sie die Erde und den Menschen mehr als 1000 Jahre ins Zentrum des Kosmos stellte. Das derzeitige Wissenschaftsbild vom physikalischen Universum legt stattdessen nahe, dass erdgroße Planeten innerhalb der lebensfreundlichen Zonen von etwa der Hälfte aller sonnenähnliche Sterne zu finden sind, von denen es Dutzend Milliarden alleine in unserer Heimatgalaxie gibt, von deren Art wiederum eine ähnlich große Anzahl im sichtbaren Universum existieren dürfte. Zudem scheint das Universum kein wirkliches Zentrum zu besitzen und gleichförmig aufgebaut zu sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund macht es durchaus Sinn, dass Kopernikanische Prinzip auch auf das technologische Universum anzuwenden.“

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Diesem Ansatz folgend, ergebe sich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein intelligentes Signal gleich von unserem nächsten Nachbarstern kommt, wirklich extrem gering sei, so die Autoren und vermuten: „BLC1 stammt vermutlich von einem von Menschen konstruierten Radiooszillator auf der Erde, der die Seitenantennen des Teleskops mit der registrierten Frequenz kontaminierte.“

Allerdings gebe es auch einen Vorbehalt gegen diese Schlussfolgerung: “Sollte das intelligente Leben auf der Erde mit potentiell intelligentem Leben auf Proxima Centauri in einer wie auch immer gearteten Verbindung stehen.“ Hierzu führen Loeb und Kollegen weiter aus: “Aufgrund ihrer zufälligen Bewegung durch das All kommen sich Sterne immer wieder nahe und entfernen sich auch wieder voneinander. Interessanterweise wurde Proxima Centauri etwa zu jener Zeit zu unseren nächsten Nachbarstern, als der Homo sapiens auf der Erde erschien. Ist das also purer Zufall?”

Künstlerische Darstellung der Oberfläche eines Planeten um Proxima Centauri. Copyright: ESO / M. Kornmesser / Wikipedia, CC BY-SA

Künstlerische Darstellung der Oberfläche eines Planeten um Proxima Centauri.
Copyright: ESO / M. Kornmesser / Wikipedia, CC BY-SA

So oder so, in dem aktuellen Signal sieht Loeb „einen weiteren guten Grund, unser Nachbarsystem zu besuchen und zu erforschen“ und verweist damit einmal mehr auf die Überlegungen und Konzepte der Breatkthrough-Initiative „Starshot“: Diese will Miniatursonden, angetrieben von Lichtsegeln auf einen Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und so innerhalb von 20 Jahren Proxima Centauri erreichen (…GreWi berichtete). Loeb selbst ist wissenschaftlicher Berater des Projekts.

Doch Loebs Überlegungen enden jedoch nicht mit “Starshot”: “Da der Planet Proxima b seinen Stern 20 mal näher umkreist als die Erde unsere Sonne, ist anzunehmen, dass er (wie der Mond an die Erde) an seinen Stern rotationsgebunden ist: Eine Seite weist also ständig in Richtung seines Sterns“, führt Loeb in einem aktuellen Kommentar für „ScientificAmerican.com“ aus. „Sollte es also auf Proxima b eine Zivilisation geben, so könnte es sein, dass sie diese permanente Tagesseite großflächig mit Sonnenkollektoren bedeckt hat, um so Energie, Wärme und Licht auf die dauerhafte Nachtseite zu transferieren.“

Bereits zuvor konnte Loeb gemeinsam mit Manasvi Lingam zeigen, dass solche Solarzellen, so diese tatsächlich einen substanziellen Teil der Planetenoberfläche abdecken würden, die spektrale Signatur charakteristisch auf eine Art und Weise verändern würden, wie diese mit zukünftigen irdischen Teleskopen erkannt und als solche identifiziert werden könnte.

„In einem nächsten Fachartikel, den ich derzeit mit Elisa Tabor von der Stanford University schreibe, zeigen wir, wie schon mit dem James-Webb-Weltraumteleskop künstliche Beleuchtung der Nachtseite von Proxima b als solche erkannt werden könnte. Besonders, wenn diese mithilfe einer LED-ähnlichen Technologie betrieben werden würde, wie sie für die (aufgrund des Lichtspektrums ihres Sterns) vermutlich infrarot-sensiblen Augen unserer hypothetischen Nachbarn vermutlich am angenehmsten wäre.“




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Quelle: ArXiv.org, ScientificAmerican.com, eigenen Recherchen GreWi

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