Spiral-Kalender der Pueblo-Kultur im Grenzgebiet zwischen Colorado und Utah entdeckt

Arbeiten an den hochgelegenen Spiral-Galerien. Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl
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Arbeiten an den hochgelegenen Spiral-Galerien.Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Arbeiten an den hochgelegenen Spiral-Galerien.
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Krakau (Polen) – Bei archäologischen Arbeiten im historischen Siedlungsgebiet der nordamerikanischen indigenen Pueblo-Kultur im Grenzgebiet zwischen Colorado und Utah hat ein polnisches Archäologenteam bislang unbekannte Petroglyphen entdeckt, darunter große Spiraldarstellungen, die vermutlich als Kalender genutzt wurden. Die Entdeckungen und Erkenntnisse verändern bisherige Vorstellungen über die Kultur des Siedlungsgebiets.

Wie das Team um Prof. Radoslaw Palonka vom Institut für Archäologie der Jagiellonen-Universität (JU) in Krakau aktuell berichtet, entdeckten sie die bislang unbekannten Felszeichnungen zu einer Zeit, als sie die Forschungs- und Dokumentationsarbeiten im malerischen Mesa-Verde-Plateau eigentlich schon abschließen wollten, durch Hinweise von lokalen Stammesältesten.

Blick auf das Gebiet der Mesa Verde.Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Blick auf das Gebiet der Mesa Verde.
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

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Hintergrund
Die rund 3.000 Jahre alte Pueblo-Kultur besiedelte das Grenzland zwischen den heutigen US-Bundesstaaten Colorado und Utah. Wegen der hier zu findenden berühmten präkolumbianischen Siedlungen, die in Felsnischen gebaut oder in Canyonwände gehauen wurden und der zahlreichen Felskunstwerke sind diese Gebiete heute nicht nur bei Archäologen, sondern auch bei Touristen beliebt.

Beispiele für die historischen Bauwerke am und rund um Castle Rock.Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Beispiele für die historischen Bauwerke am und rund um Castle Rock.
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Die landwirtschaftlich geprägten Pueblo-Gemeinschaften entwickelten eine der fortschrittlichsten präkolumbianischen Kulturen in Nordamerika. Sie perfektionierten das Handwerk des Baus mehrstöckiger Steinhäuser, die mittelalterlichen Stadthäusern oder sogar späteren Wohnblöcken ähnelten. „Das Pueblo-Volk war auch berühmt für seine Felskunst, seinen aufwendig verzierten Schmuck und seine Keramik mit verschiedenen Motiven, die mit schwarzem Pigment auf weißem Hintergrund gemalt wurden“, erläutert aktuell auch Prof. Palonka.

Zu den bedeutendsten Entdeckungen des Teams um Palonka gehören bisher unbekannte riesige Galerien und einzelne Petroglyphen aus verschiedenen historischen Epochen. Die ältesten davon zeigen Krieger und Schamanen und stammen schätzungsweise aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., der Zeit, die als „Korbmacherzeit“ bekannt ist. „Mitglieder dieser Kultur lebten hauptsächlich auf Flachland in halbunterirdischen Grubenhäusern, manchmal umgeben von Holzpalisaden“, erläutert die Pressemitteilung der Universität. „Sie waren in der Landwirtschaft tätig und stellten charakteristische Körbe und Matten her – daher der Name.“

Beispiele für alte und neuzeitliche Petroglyphen der Mesa Verde.Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Beispiele für alte und neuzeitliche Petroglyphen der Mesa Verde.
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Die meisten Petroglyphen stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sie haben unterschiedliche Formen, darunter auch komplizierte geometrische Formen: „Im 15. und 17. Jahrhundert, als das Gebiet vom Ute-Stamm besiedelt war, wurden auf den Felstafeln große narrative Jagdszenen gezeigt, die die Jagd auf Bisons, Bergschafe und Hirsche zeigten. In späteren Jahrhunderten stellten sie auch Pferde dar, was die Ereignisse der spanischen Eroberung widerspiegelte, vor der diese Tiere den nordamerikanischen Ureinwohnern unbekannt waren (sie verschwanden während der letzten Eiszeit von diesem Kontinent).“

Das nun erforschte Gebiet besteht aus drei Canyons: dem Sand Canyon, Graveyard Canyon und dem Rock Creek Canyon. Während schon zuvor andere Forschende und Archäologen das Gebiet untersucht hatten und dieses archäologisch erschlossen galt, wurden die Archäologen von älteren Mitgliedern der örtlichen Gemeinde auf bislang unbekannte Petroglyphen in den höher gelegenen, weniger zugänglichen Teilen der Schluchten aufmerksam gemacht. „Wir wollten diese Informationen überprüfen und was wir fanden, übertraf unsere kühnsten Erwartungen. Es stellte sich heraus, dass sich etwa 800 Meter über den Klippensiedlungen zahlreiche bisher unbekannte Petroglyphen befinden. Die riesigen Felsplatten erstrecken sich über 4 Kilometer rund um das große Plateau.“

Detailansicht einiger Spiralen.Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Detailansicht einiger Spiralen.
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Hier hatte das Pueblo-Volk Spiralen mit Durchmessern von bis zu einem Meter in die Felsen geritzt. Die Forscher sehen Belege dafür, dass die Pueblo diese für astronomische Beobachtungen und zur Bestimmung der Daten einiger besonderer Tage im Kalender verwendeten, etwa jene der Sommer- und Wintersonnenwende sowie Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleichen. „Diese Entdeckungen zwangen uns, unser Wissen über diesen Bereich anzupassen“, berichtet Palonka. „Wir haben definitiv die Zahl der Einwohner, die hier im 13. Jahrhundert lebten, und die Komplexität ihrer religiösen Praktiken, die auch neben diesen Galerien stattgefunden haben müssen, unterschätzt.“

Gesamtansicht der Spiral-Galerie (s/w).Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Gesamtansicht der Spiral-Galerie (s/w).
Copyright/Quelle: Plonka et al., uj.edu.pl

Hintergrund
Einer der wichtigen Aspekte der polnischen Forschung auf dem Gebiet des Nationaldenkmals „Canyons of the Ancients“ war der Beginn der Zusammenarbeit mit den lokalen indigenen Gemeinschaften, die in nahe gelegenen Reservaten leben, darunter auch Angehörige der Hopi- und Ute-Stämme. Die Ute werden von der Stammesarchäologin Rebecca Hammond vertreten. Mitglieder der einheimischen Stämme sind sehr an der Geschichte ihrer Vorfahren interessiert und haben JU-Forschern wiederholt dabei geholfen, die Ikonographie, Felsmalereien und die Funktionen einiger Gebäude zu verstehen. Die aufgezeichneten Gespräche werden Teil der dauerhaften Multimedia-Ausstellung im Besucherzentrum und Museum „Canyon of the Ancients“ sein, in der auch die aktuellen Erkenntnisse der Archäologen aus Krakau präsentiert werden.

Die JU-Archäologen hoffen nun zukünftig etwa mit Hilfe von LiDAR-Scans, mit denen sich digital die Vegetation von der Topografie visuell entfernt werden und so darunter verborgene Strukturen erkannt werden können, noch weitere Geheimnisse des Mesa-Verde-Plateaus zu entdecken. Obwohl die Scans mit einer Auflösung von 5 bis 10 Zentimetern bereits im vergangenen Jahr von selben Expertenteam erstellt wurde, das damit schon zuvor sensationelle unbekannte Pyramiden, Tempel, Paläste, Häuser, Straßen, Kanäle und Befestigungen der Maya entdeckt hatte (…GreWi berichtete 1, 2), stehen die endgültigen Ergebnisse dieser Arbeit derzeit noch aus.




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Recherchequelle: Jagiellonen-Universität

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