Staatsanwalt präsentiert Erklärung für Djatlow-Pass-Unglück

Eine der letzten von der Gruppe selbst erstellten Aufnahmen. Copyright: Gemeinfrei
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Eine der letzten von der Gruppe selbst erstellten Aufnahmen. Copyright: Gemeinfrei

Eine der letzten von der Gruppe selbst erstellten Aufnahmen.
Copyright: Gemeinfrei

Jekaterinburg (Russland) – Der rätselhafte Tod einer Bergwandergruppe im Februar 1959 sorgt seither für Rätselraten, manch Gruselgeschichte und Verschwörungstheorie rund um das „Djatlow-Pass Unglück“. Von Mord, Selbstmord, geheimen Militäroperationen über Außerirdische bis hin zum Angriff eines Yetis, wurde als Erklärung schon so manche Hypothese ins Feld geführt. Nach 60 Jahren haben die zuständigen Behörden nun einen im Februar 2019 angekündigten Abschlussbericht (…GreWi berichtete) vorgelegt.

Wie der für den Ural-Distrikt zuständige Staatsanwalt Andrei Kuryakov auf einer Pressekonferenz laut den Nachrichtenagenturen „TASS“ und „Ria Novosti“ erklärte, seien die Verletzungen der Opfer „charakteristisch für alpine Lawinenopfer“. Eine vergleichende Analyse habe gezeigt, dass die Studenten an Hypothermie, also Unterkühlung, sowie an Knochenbrüchen gestorben seien.

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Hintergrund
Nachdem die Gruppe auch bis zum 20. Februar 1959 von ihrer Tour nicht zurückgekehrt war, begab sich eine Gruppe von freiwilligen Studenten und Lehrern – später auch mit Unterstützung von Armee und Miliz mit Flugzeugen und Hubschraubern – auf die Suche nach den Vermissten.

Gruppenbild einiger Teilnehmer kurz vor dem Aufbruch.

Gruppenbild einiger Teilnehmer kurz vor dem Aufbruch.
Copyright: gemeinfrei

Am 26. Februar erreichten die Rettungsteams das verlassene Camp der Gruppe. Das Zelt der Skiwanderer war stark beschädigt. Eine Spur von Fußabdrücken führte hangabwärts zur Grenze eines nahegelegenen Waldes, an dessen Rand der Suchtrupp die Überreste eines Feuers sowie die ersten beiden Leichen entdeckten. Beide waren barfuß und nur mit Unterwäsche bekleidet. In wenigen hundert Metern Entfernung fanden sich dann auch drei weitere Leichen. Die Leichen der restlichen Mitglieder der Gruppe wurden erst zwei Monate später unter meterhohem Schnee entdeckt.

Untersuchungen der Todesfälle kamen damals zu dem Ergebnis, dass die Wanderer ihr Zelt von innen heraus aufgeschlitzt, dieses barfuß und nur leicht bekleidet verlassen hatten. An den Leichen fanden sich keine Anzeichen eines Kampfes. Dennoch wiesen zwei Opfer Schädelbrüche auf, zwei andere hatten gebrochene Rippen, und einem weiblichen Opfer fehlte sogar die Zunge. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Kleider radioaktiv verseucht waren, während eine Quelle dieser Strahlung vor Ort nicht ausgemacht werden konnte. Zudem berichteten Angehörige, allerdings erst nach den Beerdigungen, dass die Haut der jungen Opfer tief gebräunt ausgesehen habe und die Haare komplett grau gewesen seien.

Sowjetische Untersucher legten sich abschließend nur darauf fest, dass “höhere Gewalt” zum Tod der neun Wanderer führte. Der Zugang zu dem Gebiet wurde für drei Jahre nach dem Unglück gesperrt.

Der Abschlussbericht zeichnet das Szenario eines Lawinenabgangs, vor dem sich die Gruppe durch spontanes Verlassen ihrer Zelte, jedoch in unzureichend warmer Kleidung – teilweise Barfuß – bei Temperaturen von minus 30-40 Grad Celsius in Sicherheit bringen wollten. Nachdem die Gruppe zunächst einen Unterschlupf gefunden hatte, musste sie dringend zurück zu den schützenden Zelten, die sie jedoch bei extrem schlechter Sicht nicht mehr wiederfanden.

Zum Thema

Hintergrund
Die Ergebnisse der Untersuchungen fasst die deutsche Wikipedia wie folgt zusammen:

Eine gerichtliche Untersuchung wurde sofort nach dem Fund der ersten fünf Todesopfer begonnen. Die Obduktion fand keine tödlichen Verletzungen, was zum Schluss führte, dass alle an Unterkühlung gestorben waren. Eine Person hatte einen kleinen Riss im Schädel, von dem allerdings angenommen wurde, dass es keine tödliche Verletzung war.

Die Untersuchung der vier im Mai gefundenen Leichen zeigte ein anderes Bild. Drei Körper wiesen schwere Verletzungen auf: Die Leiche von Thibeaux-Brignolle hatte schwere Schädelfrakturen und Dubunina und Solotarew wiesen Rippenbrüche auf.

Die Kraft, die dafür nötig war, verglich ein Experte mit der eines Autounfalls. Bemerkenswert ist, dass die Leichen keine äußerlichen Wunden aufwiesen. Einer der beiden Frauen fehlten Teile ihres Gesichtsschädels, da sie unter der Eisdecke mit dem Gesicht in einem Fluss lag.

Zwischenzeitlich wurde angenommen, dass Angehörige des Volkes der Mansen die Gruppe angegriffen hatten, da diese in ihr Land eingedrungen war. Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Umstände der Tode nicht zu dieser Theorie passen. Nur die Fußabdrücke der Wanderer waren zu sehen. Zudem waren keine Anzeichen für einen Kampf zu finden, und das Gebiet, in dem die Leichen gefunden wurden, zählte auch nicht zu bedeutenden, heiligen Plätzen des indigenen Volkes, die sie gegebenenfalls hätten verteidigen wollen.

Originalaufnahme des Suchtrupps am stark beschädigten und verlassenen Zelt der Gruppe.

Originalaufnahme des Suchtrupps am stark beschädigten und verlassenen Zelt der Gruppe.
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Es gibt Beweise für das fluchtartige Verlassen des Zeltes während der Nacht.

Obwohl die Temperatur sehr niedrig war (ca. -25 °C bis -30 °C) und ein starker Wind wehte, waren die Toten nur leicht bekleidet. Einige hatten nur einen Schuh an, während andere gar keine trugen, sondern nur Socken. Weitere trugen Fetzen, abgeschnitten von der Kleidung der Toten.

In den noch vorhandenen Teilen der damaligen Untersuchungsakten wird folgendes festgestellt:

– Sechs der Gruppenmitglieder starben an Unterkühlung und drei an tödlichen Verletzungen.

– Es gab keine Hinweise auf weitere Personen neben den neun Wanderern am Cholat Sjachl oder in der Nähe.

– Das Zelt wurde von innen aufgeschlitzt.

– Die Opfer starben sechs bis acht Stunden nach ihrer letzten Mahlzeit.

– Spuren beim Camp zeigten, dass alle Personen inklusive derer, die verletzt gefunden wurden, eigenständig das Lager zu Fuß verließen.

– Bezüglich der Annahme eines Angriffs von Mansen (ein nordöstlich des Ural ansässiges finno-ugrisches Volk) erklärte ein Arzt, dass die tödlichen Verletzungen bei den drei Leichen nicht von Menschenhand erzeugt werden konnten, “weil die Kraft der Stöße zu stark war und keine Weichteile verletzt wurden”.

– Forensische Strahlungstests zeigten hohe Dosen an radioaktiver Strahlung an den Kleidungsstücken der Opfer.

Das letztendliche Urteil war, dass alle Gruppenmitglieder an einer “höheren Gewalt” starben. Die Untersuchung wurde offiziell im Mai 1959 wegen der “Abwesenheit einer schuldigen Partei” eingestellt. Die Akten wurden in einem geheimen Archiv versteckt. Kopien tauchten erst in den 1990ern auf, allerdings fehlen einige Seiten.

Während der Fall für die Behörden damit abgeschlossen und aufgeklärt ist, dürfte diese nicht wirklich neue Erklärung die Spekulationen rund um das Unglück vom Djatlow-Pass sicherlich nicht zum Erliegen bringen. Laut bislang unbestätigten Medienberichten sollen auch einige Angehörige der Opfer über Anwälte erklärt haben, das Ergebnis nicht zu akzeptieren.

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
60. Jahrestag: Russische Behörden rollen Djatlow-Pass-Unglück neu auf 4. Februar 2019

Quelle: TASS, Ria Novosti

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