Studie: Außerirdische Zivilisationen könnten die Galaxie langsam erforschen und die Erde bereits besucht haben

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Grafische Darstellung der Milchstraße mit der eingezeichneten Nachbarschaft unserer Sonne (Illu.). Copyright: WikimediaCommons

Grafische Darstellung der Milchstraße mit der eingezeichneten Nachbarschaft unserer Sonne (Illu.).
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Rochester (USA) – Seit Jahrzehnten sorgt das sogenannte Fermi-Paradoxon nicht nur in Wissenschaftskreisen für kontroverse Diskussionen darüber, warum wir bislang noch keine eindeutigen Beweise für die Existenz oder Besuche außerirdischer Zivilisationen gefunden haben, obwohl es von diesen – rein statistisch betrachtet – in unserer Galaxie nur so wimmeln müsste. Ein neuer Ansatz wirft nun einen gänzlich neuen Blick auf diese Frage.

Wie das Team um Jonathan Carroll-Nellenback von der University of Rochester aktuell im „The Astronomical Journal“ (DOI: 10.3847/1538-3881/ab31a3) berichtet, stehen ihre Überlegungen unter der Prämisse, dass eine angenommene ferne Zivilisation sich schlichtweg sehr viel mehr Zeit, nicht nur für die Erforschung sondern auch die direkte Erkundung oder Kolonialisierung der sie umgebenden Milchstraße nehmen könnte. Der Grund hierfür könnte in der Eigendynamik und -bewegung der Milchstraße bzw. ihrer Elemente liegen. So umkreist beispielsweise unser eigenes Sonnensystem das Zentrum der Milchstraße einmal alle 230 Millionen Jahre. Statt also gewaltige Aufwendungen für die unmittelbare Besuche anderer Planetensysteme aufzuwenden, könnte eine entsprechend fortgeschrittene Zivilisation auch einfach abwarten, bis sie durch die Eigendynamik der Milchstraße sehr viel näher an ein Nachbarsystem herangeführt wird, um so Ressourcen zu sparen.

Hintergrund
Bereits 1975 berechnete der Astrophysiker Michael Hart, dass seit der Entstehung der Milchstraße vor rund 13,6 Milliarden Jahren genügend Zeit vergangen sei, um unsere Heimatgalaxie vollständig und durchdringend zu kolonialisieren. Der Umstand, dass wir aber trotzdem noch immer keine Beweise für die Existenz einer außerirdischen Zivilisation gefunden haben, geschweige denn mit einer solchen in Kontakt gekommen sind, sah Hart als Beweis für seine eigene Antwort auf das Fermi-Paradoxon und damit dafür an, dass es schlichtweg keine anderen ähnlich weit entwickelten Zivilisationen in der Milchstraße gäbe.

„Betrachtet man sich die Bewegung der Sterne innerhalb der Milchstraße, so bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten“, erklärt Carroll-Nellenback. „Entweder verlassen die Anderen ihre Planeten nicht oder wir sind tatsächlich die einzige, technologisch zur Raumfahrt fähige Zivilisation in unserer Galaxie.“
Sollten die Wissenschaftler und Wissenschaftler recht haben, würde aber natürlich auch die Ausbreitung einer solchen Zivilisation in und durch die Milchstraße hinweg sehr viel länger dauern als dies bislang angesichts der Fragestellung des Fermi-Paradoxon – nicht nur durch Michael Hart – in Betracht gezogen wurde.

„Eine solche Zivilisation könnte uns schlichtweg vielleicht noch nicht erreicht haben“, spekulieren die Autoren. „Oder sie haben uns bereits erreicht, dies aber lange bevor wir Menschen überhaupt entstanden sind.“ In einem solchen Fall wäre es also gut möglich, dass die Erde zwar bereits Besuch einer außerirdischen Zivilisation hatte und diese vielleicht die Erde auch bewohnte, wir aber heute keine Anzeichen von ihrer Existenz mehr finden können, weil diese Beweise schon längst – etwa durch Erosionskräfte – zerstört wurden.“

Grafische Darstellung der erweiterten Nachbarschaft der Sonne in der sog. lokalen Blase. (Draufsicht auf die galaktische Ebene, das galaktische Zentrum ist oben). Copyright/Quelle: N. Henbest / H. Couper. Jschmied at de.wikipedia  / CC BY-SA 3.0

Grafische Darstellung der erweiterten Nachbarschaft der Sonne in der sog. lokalen Blase. (Draufsicht auf die galaktische Ebene, das galaktische Zentrum ist oben).
Copyright/Quelle: N. Henbest / H. Couper. Jschmied at de.wikipedia  / CC BY-SA 3.0

Hintergrund
Auch wenn derzeit der uns nächste Stern (Proxima Centauri) mehr als vier Lichtjahre von uns entfernt ist, so kommt doch auch unser Sonnensystem anderen Sternen immer wieder ungewöhnlich nah. So kam beispielsweise der sogenannte Scholz’ Stern der Sonne vor gerade einmal 70.000 Jahren so nah, dass er Kometen und Asteroiden bis heute beeinflusst. Zur Zeit, als der moderne Mensch Afrika verließ und sich Europa noch mit den Neandertalern teilte, kam der Scholz’ Stern also unserer Sonne bis auf 0,6 Lichtjahre nahe und war dann teilweise wohl auch als auffallend rötlicher Stern am Nachthimmel zu sehen (…GreWi berichtete).

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Tatsächlich kommen unabhängige Studien und Überlegungen zu genau dieser Frage zu ähnlichen Schlussfolgerungen und beziffern die Wahrscheinlichkeit, heute noch archäologische Spuren derartiger urzeitlicher besuche zu finden auf nahezu Null (…GreWi berichtete).

„Das könnte dann das Fermi-Paradoxon erklären“, zeigt sich Carroll-Nellenback überzeugt. “Lebensfreundliche Welten sind vielleicht vergleichsweise selten. Es könnte also durchaus Sinn machen, ruhig etwas länger zu warten, bis man eine Reise dorthin antritt.

Auf diese Weise, so haben die Wissenschaftler weiterhin berechnet, könnte auch die Milchstraße heute von entsprechenden Zivilisationen wimmeln. Hierzu haben die Forscher anhand numerischer Modelle simuliert, wie sich eine Zivilisation innerhalb unserer Galaxie ausbreiten könnte und dabei Faktoren wie die Nähe hypothetischer Zivilisationen zueinander, die möglichen Geschwindigkeiten interstellarer Sonden und Raumschiffe und die Startraten entsprechender Missionen miteinbezogen.

Zugleich haben es die Forscher jedoch vermieden, mögliche Motivationen und politische Entscheidungen für eine derartige Expansion in ihre Simulationen miteinzubeziehen. Und obwohl auf diese Weise so gut wie möglich vermieden wurde, die Ergebnisse zu stark an irdisch-menschlichen soziologischen Gesichtspunkten zu orientieren, sind sich die Autoren dennoch des Problems bewusst, dass sie mit Daten arbeiten, die schlussendlich von uns selbst gewonnen wurden: „Alle Vorhersagen basieren also irgendwo trotzdem auf unserem eigenen Verhalten“, zitiert der „BuisnessInsider.com“ die Wissenschaftler.

Doch selbst angesichts derartiger Einschränkungen kommen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass es in der Milchstraße von besiedelten Planetensystemen nur so wimmeln sollte, nur wir davon noch nichts mitbekommen haben.

„Es könnte also sein, dass nahezu alle Planetensysteme von intelligenten Zivilisationen bewohnt sind, diese uns aber allein deshalb noch nicht besucht haben, weil wir noch nicht nahe genug an sie heran gekommen sind“, spekuliert Carroll-Nellenback gibt jedoch zugleich zu bedenken, dass dies aber nicht deshalb auch so sein müsse, nur weil es wahrscheinlich ist.

Angesichts von geschätzt mindestens 100 Milliarden Sternen in der Milchstraße kommen jüngste Schätzungen zu dem Schluss, dass etwa 10 Milliarden dieser Sterne auch erdartige Planeten besitzt. „Nur weil wir bislang unter den etwa 4.000 entdeckten Exoplaneten noch kein außerirdisches Leben, geschweige denn eine intelligente Zivilisation entdeckt haben, bedeutet das nicht, dass es diese nicht gibt“, bemerkt Carroll-Nellenback und erläutert dazu weiter: „Es gibt vermutlich derart viele erdartige und potentiell lebensfreundliche Planeten, dass es ähnlich wäre, wie wenn wir aus der Abwesenheit von Delfinen in einem einzelnen Schwimmbecken auf die generelle Abwesenheit von Delfinen in den Ozeanen zu schließen würden.“

Laut den Autoren könnte es auch sein, dass außerirdische Besucher die Erde – und auch uns Menschen – zwar entdeckt haben, sich aber – warum auch immer dafür entschieden haben, und gar nicht erst zu besuchen. „Vielleicht gibt es Außerirdische, die einen Planeten, der bereits Leben trägt, gar nicht besuchen wollen. Davon auszugehen, dass „Die es wollen, nur weil Wir es so machen würden“, bezeichnen die Autoren als „naive Projektion einer menschlichen Neigung, Ausdehnung mit Eroberung gleichzusetzten“.

Abschließend zeigen sich die Autoren trotz der bisherigen „Großen Stille“ zuversichtlich, dass wir in der Milchstraße nicht allein sind. „Der Umstand, dass wir noch nicht von Ihnen gehört haben, könnte einfach auch nur bedeuten, dass lebensfreundliche Planeten selten und schwer zu erreichen sind.“

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Quelle: The Astronomical Journal

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