Studie findet universale Grammatik der Musik

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Symbolbild: Musik Copyright: Barni1 (via Pixabay.com) Pixabay License

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Cambridge (USA) – In einer neuen Studie zeigen Musikwissenschaftler, dass Menschen über alle Kulturen hinweg offenbar die gleiche grundlegende und einfache musikalische Struktur nutzen, um unterschiedlichste Arten von Musik zu machen. Das Studienergebnis legt somit nahe, dass Menschen einer Art angeborenen musikalischen Grammatik folgen. Bislang hatten die meisten Musikwissenschaftler der Vorstellung von universalen Merkmalen von Musik widersprochen.

Obwohl Musik in allen sämtlichen Kulturen vorkommt, taten sich Wissenschaftler bislang schwer, Beweise für eine universelle Grundlage der Musik zu beschreiben. Musik, so die bisherige Sicht vieler Musikwissenschaftler, sei zu unterschiedlich, als dass eine grundlegende Grammatik existieren könnte. „Tatsächlich galt der Begriff der Universalität in der Ethnomusikologie fast schon als Schimpfwort“, erläutert die Pressemitteilung der Universität Wien.

Die jetzt vorgestellten neuen Forschungsergebnisse könnten aber die Suche nach grundlegenden universellen Aspekten der menschlichen Musikalität wiederbeleben und das Klischee von Musik als „universeller Sprache“ doch bestätigen.

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Samuel Mehr vom Music Lab der Harvard University im Fachjournal „Science” (DOI: 10.1126/science.aax0868) berichten, haben sie eine Vielzahl ethnografische Informationen zu 118 Liedbeschreibungen und deren Vorträgen in 86 unterschiedlichen menschlichen Gemeinschaften und Kulturen aus 30 unterschiedlichen geographischen Regionen. Die Stilrichtungen reichen dabei von Tanz- und Heil-Gesängen über Liebesieder bis hin zu Schlafliedern. Die Forscher haben sich dabei auf vokale Gesänge konzentriert, da die Stimme das einzige “Musikinstrument“ ist, das von allen Kulturen geteilt wird.

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Wie die Studie zeigt, treten bei einem Vergleich der weltweiten Diversität der Lieder dennoch schnell gemeinsame Muster auf. So zeigen Lieder, die in einem ähnlichen Kontext genutzt werden, auch ähnliche Merkmale: So seien rituelle Heilgesänge beispielsweise überall repetitiver als Tanzlieder, berichten die Autoren und Autorinnen. Tanzlieder seien allgemein schneller und rhythmischer als Schlaflieder, und Lieder, die zur Heilung beitragen sollen, bestehen im Vergleich zu Liebesliedern meist aus wenigen, eng beieinanderliegenden Noten.

Die erstaunlichste Entdeckung der Studie sei jedoch die, dass alle untersuchten Kulturen (deren Diversität die Wissenschaftler als repräsentativ betrachten) Melodien kennen, die sich um einen Grundton herum aufbauen. „So beginnt etwa das bekannte Kinderlied vom Kleinen Stern („Twinkle, twinkle little star…” bzw. “Funkel, funkel kleiner Stern…”) mit einem C, was bedeutet, dass auch die folgenden Noten in C-Dur folgen“, erläutert der “New Scientist” und führt dazu weiter aus: “In einem tonalen Lied wie diesem, bietet das C dem Zuhörer also ein Gefühl der Stabilität. Dieser Grundton ist es den auch, mit dem fast alle Lieder dann auch wieder enden.”

„Ähnlich wie alle Sprachen der Welt eine Reihe von Phonemen nutzen – also aus kleinen Sprachlauten bestehen – verhält es sich auch mit Melodien. Alle Melodien können auf der Grundlage einer kleinen Reihe von Noten erstellt werden”, kommentiert Tecumseh Fitch von der Universität Wien gemeinsam mit seinem Kollegen Tudor Popescu einem Science-“Perspective”-Artikel in der gleichen „Science“-Ausgabe die Schlussfolgerungen. „Die menschliche Musikalität basiert grundlegend auf einer kleinen Anzahl von fixen Säulen: fest einprogrammierten Prädispositionen, die den Menschen durch die uralte physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie mitgegeben wurden. Diese ‘musikalischen Säulen’ werden dann mit den Eigenheiten jeder individuellen Kultur ‘gewürzt’, aus dem das kaleidoskopische Sortiment hervorgeht, welches wir in der Weltmusik finden.”

Laut den Forschern legen die neuen Erkenntnisse legen nahe, dass menschliche Musikalität eine dieser gemeinsamen Aspekte menschlicher Kognition darstellt. “So wie die Länder Europas in ihrer Vielfalt geeint sind, so vereint auch die Mischung der menschlichen Musikalität alle Kulturen dieses Planeten”, folgert Tudor Popescu abschließend.

Quelle: Universität Wien, Harvard University, New Scientist

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