Studie sieht in Infektionskrankheiten den Ursprung des Glaubens an das Böse

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Symbolbild: „Die Pest“ als Dämon. Gemälde von Arnold Böcklin, 1898. Copyright: Gemeinfrei

Symbolbild: „Die Pest“ als Dämon. Gemälde von Arnold Böcklin, 1898.
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Melbourne (Australien) – Die Frage nach der Wurzel des Bösen als spirituellem Konzept ist bereits seit Menschengedenken eine Streitfrage und Inhalt philosophischer Debatten. In einem aktuellen Fachartikel legen australische Forscher ihre Theorie darüber vor, wie Infektionskrankheiten den Glauben an das Böse geboren haben könnten.

Bevor Mitte des 19. Jahrhunderts Keime die Ursache zahlreicher Infektionskrankheiten entdeckt und erkannt wurden, galten meist böse Mächte als deren Ursache. Diese Vorstellungen fanden auch Eingang in zahlreiche Mythen, Sagen und Legenden wenn etwa Untote, Wiedergänger, Vampire und Werwölfe die Lebenden nicht nur heimsuchten, sondern diese auch selbst zu ihresgleichen machten oder Hexen und Zauberer das Böse über ihre Mitmenschen bringen konnten.

Wie das Team um Prof. Brock Bastian von der School of Psychological Sciences at the University of Melbourne aktuell im Fachjournal “Proceedings of the Royal Society B“ (DOI: 10.1098/rspb.2019.1576) berichtet, könne aber auch heute noch ein Zusammenhang zwischen Krankheiten und dem Glauben an böse Geister und Mächte aufgezeigt werden, wenn etwa in Regionen mit hohen Krankheitsraten auch der Glaube an das Böse, Dämonen und Hexen stärker lebt als anderswo.

Tatsächlich habe dieses Verhalten aus Perspektive der Betroffenen und in Zeiten, in denen es keine medizinische Handhabe gegen Infektionskrankheiten gab, durchaus Sinn ergeben, wenn Kranke unbewusst aufgrund der Anzeichen eines „bösen Einflusses“ als solche erkannt, isoliert, geächtet oder sogar getötet, und so die Gesunden vor der Ausbreitung der Krankheitserreger geschützt wurden. Hinzu sei zu beobachten, dass in von Infektionskrankheiten betroffenen Umgebungen als Reaktion darauf, konservative Ideologien mit strengen Verhaltensregeln und gemeinschaftlichen – zugleich aber Fremde ausgrenzenden – Ritualen (re)implementiert wurden.

„Wenn also der Glaube an das Böse in jenen Regionen stärker ist, in denen es historisch vermehrt zu Infektionskrankheiten gekommen war, so legt das nahe, dass historisch betrachtet diese Glaubensvorstellungen entstanden, um die Auswirkungen von Krankheitserregern zu erklären“, so Bastian gegenüber „LiveScience.com“. Das wiederum erlaube auch neue Rückschlüsse über die Entstehung von Religionen als Glaubenssysteme, anhand derer etwa Naturereignisse und Bedrohungen erklärt wurden.

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Um ihre Hypothese zu überprüfen analysierten die Forscher Umfragen an mehr als 3.000 Studenten aus 28 Ländern bezüglich deren Glauben etwa daran, dass es Menschen mit dem „bösen Blick“ gibt (mit dem diese andere verfluchen können), an Hexerei, den Teufel oder auch unspezifisch böse Mächte. Neben den aktuellen Ergebnissen konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch auf frühere Umfragen zurückgreifen, die von 1995-1998 insgesamt 58.000 Menschen in über 50 Ländern dazu befragt hatten. Aus den Antworten gingen auch Informationen über den sozialen Status, Herkunft, politische und religiöse Ansichten sowie über den Bildungsgrad der Befragten hervor. Ebenso Inhalt der Analysen waren historische globale Daten zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten und der Verbreitung spiritueller Glaubensvorstellungen.

Das Ergebnis bestätigte die Hypothese der Forscher, wonach in Regionen, in denen es historisch vermehrt zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten gekommen war, auch der Glaube an das Böse, den Teufel und die Macht böser Kräfte verbreiteter war als in anderen Regionen.

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„Wir haben konsistente Beweise dafür gefunden, dass das Vorkommen historischer Pathogene in einem Zusammenhang mit einer verstärkten Tendenz zur Entwicklung von Glaubensformen steht, die im Bösen eine reale Kraft und Macht sehen.“ Die Übereinstimmungen zwischen dem historisch verwurzelten Glauben an das Böse und der Verbreitung von Infektionskrankheiten sei am stärksten in Nigeria, Bangladesch und den Philippinen nachzuweisen und heute am schwächsten in der Tschechischen Republik, Deutschland, und Schweden.

Die Deutung von Krankheiten als das Werk des Bösen habe tatsächlich Verhaltensmuster gefördert, die Infektionen eingedämmt und deren Ausbreitung verhindert haben. Wenn auch mit tragischen und oft grausamen Konsequenzen für die erkrankten Betroffenen, so hätten diese Praktiken doch dem Allgemeinwohl der Gemeinschaften gedient, so die Autoren. Glaubenssysteme mit einem starken Sinn für Gut und Böse könnten also einigen Gesellschaftsgruppen in betroffenen Regionen einen Überlebensvorteil verschafft haben.

Noch heute sei die Auswirkung dieser Zusammenhänge selbst in modernen und aufgeklärten Gesellschaften spürbar, wenn Krankheiten immer noch von nicht wenigen Menschen etwa als „Gottes Wille“ oder auch das Werk böser Kräfte betrachtet werden und neben der modernen Medizin spirituelle Heilmittel und Rituale genutzt werden, so die Wissenschaftler abschließend.

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Quellen: University of Melbourne, Royal Society, LiveScience.com

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