Termitenfischen: Forscher beobachten kulturelle Vielfalt bei Schimpansen

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Schimpansen in La Belgique, Kamerun. Copyright: KMDA / MPI -EVA PanAf

Schimpansen in La Belgique, Kamerun.
Copyright: KMDA / MPI -EVA PanAf

Leipzig (Deutschland) – Anhand der Beobachtung von zehn Schimpansengruppen und ihrer Art und Weise an die Termiten zu gelangen, können Verhaltensforscher erstmals 38 verschiedene Elemente beschreiben, aus denen sich verschiedenen Verhaltensweisen des Termitenfischens zusammensetzen. Bislang waren Forscher von nur zwei unterschiedlichen Formen dieser Praktik ausgegangen. Wie sich erneut zeigt, findet die Übertragung kultureller Merkmale von Generation zu Generation nicht nur bei uns Menschen statt. Auch Schimpansen verfügen über eine große Vielfalt an kulturellen Verhaltensweisen und Werkzeuggebrauch.

Wie das Team um Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aktuell im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ (DOI: 10.1038/s41562-020-0890-1) berichtet, waren einige dieser Verhaltensweisen bereits zuvor durch einige wenigen Langzeitforschungsstationen bereits gut dokumentiert, doch sei über die gesamte kulturelle Vielfalt verschiedener Schimpansenpopulationen nur wenig bekannt.

Um diese Vielfalt besser zu verstehen, haben Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Jahr 2010 das Projekt „Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee“ (PanAf) ins Leben gerufen, innerhalb dessen anhand eines standardisierten Protokolls an über 40 Standorten in Afrika Kamerafallen platziert, Proben gesammelt und ökologische Daten aufgenommen wurden.

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Während bislang davon ausgegangen worden warm dass das Angeln von Termiten nur in zwei Formen vorkommt und mithilfe eines oder mehrerer Werkzeuge durchgeführt wird, um aus oberirdisch oder unterirdisch gelegenen Bauten Termiten zu holen, erlaubten es die neuen Beobachtungen für jeden einzelnen Schimpansen der beobachteten Gruppen einen Katalog von Verhaltensweisen (Ethogramm) zu erstellen. Dabei identifizierten Boesch und Kollegen 38 verschiedene Elemente, aus denen sich die verschiedenen Verhaltensweisen des Termitenfischens zusammensetzen. Die Forscher beobachteten, dass in jeder dieser Schimpansengruppen ein Teil dieser Elemente genutzt und zusätzlich auf unterschiedliche Weise kombiniert wurde. „Darüber hinaus haben Angehörige derselben Gemeinschaft im Vergleich zu Schimpansen aus anderen Gruppen beim Termitenfischen mehr dieser Verhaltenselemente gemein und kombinieren diese auf eine jeweils einzigartige Weise“, erläutert die Pressemitteilung des Instituts.

„Die Vielfalt der Techniken, die Schimpansen beim Angeln von Termiten anwenden, war für mich eine große Überraschung. Jede Gemeinschaft verfügt nicht nur über ihre ganz eigene Art des Angelns, sondern kombiniert auch eine Reihe verschiedener technischer Elemente in ganz eigenen Formen“, erklärt Christophe Boesch. „Die auffallendsten Beispiele dafür sind, wie die Wonga Wongue Schimpansen in Gabun sich normalerweise auf die Seite legen, um Termiten zu fischen, während die Korup Schimpansen in Kamerun sich auf den Ellbogen stützen und die Schimpansen aus Goualougo in der Republik Kongo beim Angeln sitzen.“

Da die Schimpansengemeinschaften in ähnlichen Lebensräumen mit Zugang zu den gleichen Ressourcen leben, konnten ökologische Unterschiede zur Erklärung der beobachteten Unterschiede weitgehend ausgeschlossen werden. „Das unterstützt die Annahme, dass Schimpansen in der Lage sind, Techniken des Termitenfischens zu imitieren, was über alternative Erklärungen hinausgeht, wie zum Beispiel, dass jedes Individuum das Termitenfischen jedes Mal neu erfindet“, erklärt Co-Autorin Ammie Kalan.

Ähnlich wie bei kulturell geprägten Verhaltensweisen beim Menschen drehe sich auch bei Schimpansen nicht alles um Effizienzsteigerung, sondern vielmehr darum, sich dem Verhalten der Gruppe anzupassen. Beim Menschen kann man dies in den verschiedenen Esskulturen in Asien beobachtet. „In Thailand und Japan zum Beispiel sind die Essstäbchen nicht nur irgendwie anders geformt, sondern auch die Art, wie sie gehalten werden, unterscheidet sich. Das erinnert sehr an das, was wir hier bei Schimpansen sehen: In La Belgique in Kamerun formen Schimpansen ihre Stäbchen, indem sie sie zerfasern, um eine lange Bürste zu erhalten. Dann legen sie das mit Termiten bedeckte Stäbchen während des Essens auf ihr Handgelenk. An einem anderen Ort in Kamerun namens Korup hingegen machen die Schimpansen überhaupt keine Bürste und benutzen ihren Mund, um den eingeführten Stock zu schütteln, während er sich im Erdhügel befindet“, erklärt Boesch.

Beim Menschen wurde kulturelle Vielfalt in Hunderten verschiedener Populationen dokumentiert. Dies erklärt, warum die Schimpansenkultur im Vergleich so begrenzt erscheint. „Was wir zuvor über Schimpansen wussten, stammte aus höchstens 15 Gemeinschaften“, sagt Co-Autor Hjalmar Kühl. „Durch das PanAf-Projekt konnten wir viel mehr Gemeinschaften untersuchen und dadurch mehr über den Reichtum der Schimpansenvielfalt und -kultur erfahren und konnten zeigen, dass es noch so viel mehr zu entdecken gibt.“

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Weitere Analysen von Videos und anderen im Rahmen des PanAf-Projektes gesammelten Daten sind derzeit im Gange. „Das Angeln von Termiten und andere kulturelle Verhaltensweisen von freilebenden Schimpansen können aus erster Hand beobachtet werden, wenn man sich als Bürgerwissenschaftler auf Chimp&See anmeldet”, sagt Co-Autorin Mimi Arandjelovic.

“Auf Chimp&See können sich Bürgerwissenschaftler über eine Million Videoclips von Schimpansen, Gorillas, Elefanten, Büffeln, Leoparden und vielen anderen Arten ansehen, die im Rahmen des PanAf-Projektes in ganz Afrika aufgenommen wurden. Unter www.chimpandsee.org kann Jede und Jeder als Bürgerwissenschaftler dazu beitragen, Daten zu analysieren und bei weiteren Entdeckungen aus dem Freiland dabei sein.”

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Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
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