Vermischung zwischen modernen Menschen und Neandertalern war eher Regel als Ausnahme

Der in der Bacho-Kiro-Höhle zusammen mit den ersten Steinwerkzeugen aus dem Jungpaläolithikum gefundene unterer Backenzahn. Die Analyse des Erbguts dieses Individuums deutet darauf hin, dass er einen Neandertal-Vorfahren hatte. Copyright: MPI-EVA/ Rosen Spasov
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Der in der Bacho-Kiro-Höhle zusammen mit den ersten Steinwerkzeugen aus dem Jungpaläolithikum gefundene unterer Backenzahn. Die Analyse des Erbguts dieses Individuums deutet darauf hin, dass er einen Neandertal-Vorfahren hatte. Copyright: MPI-EVA/ Rosen Spasov

Der in der Bacho-Kiro-Höhle zusammen mit den ersten Steinwerkzeugen aus dem Jungpaläolithikum gefundene unterer Backenzahn. Die Analyse des Erbguts dieses Individuums deutet darauf hin, dass er einen Neandertal-Vorfahren hatte.
Copyright: MPI-EVA/ Rosen Spasov

Leipzig (Deutschland) – Eine neuen Analyse des Erbguts der frühesten „modernen“ Europäer wirft ein neues Licht auf deren Beziehungen zu den Neandertalern. Wie sich zeigt war die bereits bekannte Vermischung der beiden Menschenarten eher die Regel als die Ausnahme war.

Wie das internationale Forscherteam um Dr. Mateja Hajdinjak vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aktuell im Fachjournal „Nature“ (DOI: 10.1038/s41586-021-03335-3) berichtet, haben sie die Genome der ältesten sicher datierten modernen Menschen in Europa sequenziert, die vor rund 45.000 Jahren in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien lebten und deren Überreste im vergangenen Jahr entdeckt wurden. Die nun sequenzierten Genome stammen von fünf Individuen aus der Höhle. Vier Individuen sind zwischen 43.000-46.000 Jahre alt und wurden zusammen mit Steinwerkzeugen gefunden, die zum frühen Jungpaläolithikum gehören – der frühesten Kultur, die mit modernen Menschen in Eurasien in Verbindung gebracht wird. Ein weiteres in der Höhle gefundenes Individuum ist etwa 35.000 Jahre alt und wurde mit Steinwerkzeugen eines späteren Typs gefunden.

Durch den Vergleich ihrer Genome mit den Genomen von Menschen, die später in Europa und in Asien lebten, können die Forschenden nun zeigen, dass diese frühe Menschengruppe in Europa Gene zu späteren Menschen, insbesondere zu den heutigen Ostasiaten, beigetragen hat. Vor den aktuellen Erkenntnissen war man davon ausgegangen, dass die Vertreter des anfänglichen Jungpaläolithikums ausstarben, ohne genetisch zu den später eintreffenden modernen Menschen beizutragen.

Die Genetiker konnten auch große Abschnitte von Neandertaler-DNA in den Genomen der Menschen aus der Bacho-Kiro-Höhle identifizierten. Dieser Umstand zeige, „dass sie Neandertaler-Vorfahren innerhalb der ungefähren zurückliegenden fünf bis sieben Generationen in ihrer Familiengeschichte hatten“, erläutert die Pressemittelung des Max-Planck-Instituts. „Dies deutet darauf hin, dass eine Vermischung mit Neandertalern eher die Regel als die Ausnahme war, als die ersten modernen Menschen in Europa ankamen.“

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Überraschenderweise findet sich dieser genetische Beitrag vor allem in Ostasien und Amerika und nicht in Europa, wo die Menschen aus der Bacho-Kiro-Höhle lebten: „Diese genetischen Verbindungen nach Asien spiegeln die Verbindungen zwischen den anfänglichen jungpaläolithischen Steinwerkzeugen und den persönlichen Schmuckstücken, die in der Bacho-Kiro-Höhle gefunden wurden, und den Werkzeugen und dem antiken Schmuck, die in ganz Eurasien bis zur Mongolei gefunden wurden, wider.“

Wichtig hierbei ist, dass das spätere 35.000 Jahre alte Individuum, das auch in der Bacho-Kiro-Höhle gefunden wurde, zu einer Gruppe gehörte, die sich genetisch von den früheren Bewohnern der Höhle unterschied: „Dies zeigt, dass die früheste Geschichte des modernen Menschen in Europa turbulent gewesen sein könnte und Bevölkerungsaustausch beinhaltete.“ Die frühesten Menschen in der Bacho-Kiro-Höhle lebten hingegen zu einer Zeit, als es noch Neandertaler gab.

Ein Scan nach Genomen von Neandertaler-DNA zeigte dann, dass die Individuen aus der Bacho-Kiro-Höhle einen höheren Anteil an Neandertaler-Abstammung hatten als fast alle anderen frühen Menschen, mit Ausnahme eines rund 40.000 Jahre alten Individuums aus Rumänien. „Entscheidend ist, dass der größte Teil dieser Neandertaler-DNA in extrem langen Abschnitten vorliegt. Das zeigt, dass diese Individuen Neandertaler-Vorfahren hatten, die etwa fünf bis sieben Generationen zurück in ihren Stammbäumen liegen”, erläutert Mateja Hajdinjak.

Obwohl bisher nur eine Handvoll Genome von modernen Menschen, die zur gleichen Zeit in Eurasien lebten wie die letzten Neandertaler, geborgen wurden, haben fast alle diese Individuen einen kürzlich vor ihnen lebenden Neandertaler-Vorfahren. “Die Ergebnisse legen nahe, dass sich die ersten modernen Menschen, die in Eurasien ankamen, häufig mit Neandertalern vermischt haben. Sie könnten sogar in den ansässigen Neandertaler-Populationen aufgegangen sein. Erst später kamen größere moderne Menschengruppen an und verdrängten die Neandertaler”, sagt abschließend Prof. Svante Pääbo, der die genetischen Untersuchungen koordinierte.




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Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

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