Verschollener Bohrkern von Stonehenge wiederentdeckt

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Ein heutiger Blick auf den Steinkreis von Stonehenge. Copyright: Andreas Müller, für grenzwissenschaft-aktuell.de

Ein heutiger Blick auf den Steinkreis von Stonehenge. Copyright: Andreas Müller, für grenzwissenschaft-aktuell.de

Stonehenge (Großbritannien) – Während archäologischer Arbeiten an dem Steinkreis von Stonehenge im Jahr 1958 wurde aus einem der gewaltigen, die charakteristischen “Tore“ bildenden sog. Sarsen-Steine drei Kernbohrungen entnommen, die seither als verschollen galten. Jetzt ist einer der drei Bohrkerne wieder aufgetaucht und könnte einige Fragen rund um den sagenumwobenen Steinkreis beantworten.

Wie das für den Erhalt des Monuments verantwortliche „National Heritage“ berichtete, stammt der Bohrkern aus einem der sogenannte Trilithen, die die „Tore“ des äußeren Steinkreises der Anlage bilden und dem Monument sein charakteristisches Erscheinungsbild verleihen. Es handelt sich um einen von insgesamt drei entnommenen Bohrkernen. „Nachdem der Kern mit einem Diamantkopfbohrer entnommen wurde, wurde das Loch mit einer Metallstange gefüllt und oberflächlich mit Beton und Fragmenten des Steins versiegelt.“

Der im vergangenen Jahr zurückgegebene Bohrkern aus einem der Sarsensteine von Stonehenge. Copyright/Quelle: Juliet Brain/English Heritage

Der im vergangenen Jahr zurückgegebene Bohrkern aus einem der Sarsensteine von Stonehenge. Copyright/Quelle: Juliet Brain/English Heritage

Wie sich nun zeigte hatte einer der damaligen Arbeiter den 108 Zentimeter langen Bohrkern an sich genommen, diesen danach in seinem Büro „ausgestellt“ und ihn bei seiner Auswanderung 1976 mit in die USA genommen. Erst im vergangenen Jahr entschloss sich der mittlerweile 91-Jährige, den verschollen geglaubten Bohrkern zurückzugeben.

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„Jetzt könnte der Bohrkern uns dabei helfen herauszufinden, wo genau zumindest die entsprechenden Sarsensteine herkommen“, so die Archäologen des National Heritage.

Hintergrund
Stonehenge selbst wurde vermutlich seit 3100 v. Chr. in verschiedenen Phasen errichtet. Während die kleineren, rund vier Tonnen schweren sog. Blausteine bekanntermaßen aus den mehr als 200 Kilometer entfernten Preseli-Bergen im südwestlichen Wales stammen (…GreWi berichtete), ist die genauer Herkunft der mächtigen etwa 5 Meter hohen und bis zu 50 Tonnen schweren Sarsensteine immer noch unklar. Vermutlich stammen sie aus den „nahe“ gelegenen Sarsenfeldern der Marlborough Downs – immerhin auch noch knapp 40 Kilometer vom Steinkreis entfernt.

Anhand einer chemischen Analyse der Sarsensteine versucht derzeit ein Team um Professor David Nash von der University of Brighton die genaue Herkunft der Trilithen zu bestimmen. Anhand des nun zurückgegebenen Bohrkerns können diese Arbeiten durchgeführt werden, ohne weitere Schäden am Steinkreis selbst zu hinterlassen.“

Hintergrund: Stonehenge – Keine moderne Fälschung!
Immer wieder wird – gerade online – die Behauptung kolportiert, der Steinkreis von Stonehenge sei kein historisch-archäologisches Bauwerk, sondern eine Bauwerk, das erst Mitte des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Als „Beweis“ für diese wirklich abstruse Theorie werden tatsächlich existierende Fotos herangezogen, die jedoch nicht die Errichtung des Steinkreises selbst, sondern Restaurierungsarbeiten zum Wiedererrichten zuvor umgestürzter oder beschädigter Steine.

Foto der archäologischen Restaurierung einiger Stonehenge-Steine im Jahr 1958. Copyright/Quelle: Historic England Archive

Foto der archäologischen Restaurierung einiger Stonehenge-Steine im Jahr 1958. Copyright/Quelle: Historic England Archive

Dass derartige Arbeiten – seit 1901 – immer wieder stattgefunden haben ist hinlänglich bekannt, da nicht zuletzt fotografisch ausführlich dokumentiert. Die meisten der im Web als Beweis für den angeblichen „Stonehenge-Fake“ kursierenden Fotos dürften die besagten Arbeiten im Jahr 1958 zeigen (s. Abb.), als mit Kränen und Gerüsten einige umgestürzte Steine wieder aufgerichtet und zwei der torförmigen Trillithen seinen ursprünglichen Deckstein zurück erhielt. Auch finden sich an einigen Steinen – für jeden Besucher sichtbar! – Spuren von Abstützungen mit Hilfe von Beton. Grundlage für diese Arbeiten waren aber stets historische Aufnahmen und die Interpretation archäologischer Funde!

Dass der Steinkreis von Stonehenge keine moderne Fälschung ist, belegen nicht zuletzt sowohl historische Beschreibungen und Darstellungen des Monuments, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, sondern auch historische Fotos des Steinkreises aus dem 19. Jahrhundert.

Eine der ältesten Fotografien des Steinkreises von Stonehenge, hir aus dem Jahr 1877. Copyright/Quelle: Philip Rupert Acott, owned by Tamsin Titcomb / Public Domain.

Eine der ältesten Fotografien des Steinkreises von Stonehenge, hir aus dem Jahr 1877. Copyright/Quelle: Philip Rupert Acott, owned by Tamsin Titcomb / Public Domain.

Tatsächlich sind derartige Restaurierungsarbeiten an archäologischen Monumenten heute unter Wissenschaftlern jedoch umstritten und nicht mehr üblich. Zu groß ist die Gefahr einer zeitgenössischen, aber historisch falschen, Interpretation. Heute geht es hauptsächlich um den Erhalt der Anlagen, weswegen beispielsweise zahlreiche der heute nicht mehr stehenden Steine des gewaltigen Steinkreises von Avebury im englischen Wiltshire nicht wieder aufgerichtet und teilweise sogar vergraben im Boden belassen werden, wo sie vor Touristen und weiterer Verwitterung geschützt sind.

Indes ist der Verbleib der beiden anderen Bohrkerne weiterhin unbekannt, weswegen sich die Archäologen mit der Bitte an die Öffentlichkeit gewandt haben, auch diese – so noch vorhanden und als solche bekannt – zurückzugeben.

Zum Thema

„Was damals zwei voneinander so fern lebende Menschengruppen dazu brachte, die Steine eine so weite Strecke zu transportieren und auf diese Weise eine über Jahrhunderte währende Zusammenarbeit zu begründen, ist uns weiterhin rätselhaft“, gesteht Schulting.

„Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass die Sarsensteine nicht alle vom selben Ort stammen. Ein Vergleich der geochemischen ‚Stein-DNA‘ mit Gesteinsproben aus ganz England kann diese Frage beantworten“, erläutert Nash.

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