GreWi-Interview: Wouter Vlemmings über seine Entdeckung zweier neuer Himmelskörper im Sonnensystem

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Die ALMA-Beobachtungen vom März und April 2014 zeigen das noch unbekannte Objekt auf den O/O-Koordinaten.

Copyright/Quelle: Vlemmings et al.

Saarbrücken (Deutschland) – Nur wenige Tage ist es her, dass schwedische und mexikanische Astronomen in zweien noch vor einer Fachpublikation veröffentlichten Artikeln weltweit für Aufsehen gesorgt haben, in denen sie die Entdeckung gleich zweier bislang unbekannter, großer Himmelskörper im Sonnensystem beschreiben (…GreWi berichtete). Seither sehen sich die Wissenschaftler teils scharfer Kritik von Kollegen ausgesetzt. Der Herausgeber von Grenzwissenschaft-Aktuell.de (GreWi), Andreas Müller, hat einen der Hauptautoren beider Artikel, Professor Wouter Vlemmings von der schwedischen Chalmers Universität, zu den Entdeckungen und der daran geäußerten Kritik befragt.

GreWi: Sehr geehrter Professor Vlemmings, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.
Können Sie uns zunächst kurz erklären, warum Sie und Ihre Kollegen sich entschieden haben, Ihre Entdeckungen schon vor der regulären Veröffentlichung in einem begutachteten Fachjournal auf “ArXiv.org” zu veröffentlichen?

Wouter Vlemmings: Ich möchte gleich vorab unterstreichen, dass wir mit der Vorabveröffentlichung auf ArXiv einzig und allein Kommentare anderer Astronomen anregen wollten, um diese in eine mögliche Publikation einfließen zu lassen. Der Grund hierfür war, dass alle Erklärungsoptionen, die wir uns vorstellen konnten, sehr unwahrscheinlich sind und eine Bewertung dessen, wie unwahrscheinlich genau, sehr schwierig ist. Aus diesem Grund hatten wir auf das Feedback anderer Astronomen gehofft. Aber ich gebe auch zu, dass ich naiver Weise nicht damit gerechnet hatte, dass diese Sache medial derart außer Kontrolle geraten könnte.

01779Professor Wouter Vlemmings
Copyright/Quelle: chalmers.se

Davon einmal abgesehen, haben wir uns den Upload (auf ArXiv) wirklich gut überlegt. Normalerweise bevorzuge ich es, nur bereits von Fachjournalen akzeptierte Artikel derart zu veröffentlichen. In diesem Fall hatten wir aber tatsächlich alle unserer eigenen Ideen selbst schon durchgespielt und ausgereizt und hatten die Befürchtung, dass ein einzelner Gutachter des Journals möglicherweise nicht über das differenzierte und vielschichtige Hintergrundwissen verfügen würde, um die Validität unseres Papers beurteilen zu können.

Durch den ArXiv-Upload wollten wir speziell jene vielschichtige Community erreichen, die uns vielleicht aufzeigen könnte, ob wir etwas übersehen haben. In einem solchen Falle hatten und haben wir dann auch die Absicht, unsere Artikel zurück zu ziehen. Wir wollten diesen Schritt aber vor einer möglichen Akzeptanz einer Fachveröffentlichung gehen.

GreWi: Können Sie uns etwas über den derzeitigen Stand diese Expertenbegutachtung (peer review) Ihrer beiden Artikel sagen?

Vlemmings: So weit ich weiß, wird derzeit für beide Artikel noch ein Gutachter gesucht.

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GreWi: Neben konstruktiver Kritik hat Ihnen gerade das von Ihnen nicht erwartete weltweite Medienecho aber auch viel und teils scharfe Kritik eingebracht. So diese sachlich ausfiel konzentriert sie sich auf drei Punkte:

1) Es gibt in beiden Fällen einfach zu wenig Beobachtungen der beschriebenen Objekte.
2) Instrumentenfehler bzw. ein Effekt der relativ hellen nahen Sterne (Alpha Centauri und W Aquilae) seien nicht auszuschließen.
3) Es könne sich ebenso gut um Hintergrundaktivität weit entfernter Galaxien handeln.

Was ist Ihre Reaktion auf diese vorgebrachten Kritikpunkte?

Vlemmings: Zu 1): Da stimme ich absolut zu. Aus diesem Grund beschrieben wir ja in beiden unserer Artikel auch die entsprechenden Hypothesen. Vielleicht haben wir dies, gerade im zweiten Artikel, etwas zu deutlich formuliert? Aber der Upload auf ArXiv hatte ja auch das Ziel, anderen Astronomen mit dem notwendigen Zugang zu entsprechenden Instrumenten und Expertisen bezüglich Beobachtungen in anderen Wellenlängenbereichen die notwendigen Daten an die Hand zu geben, um zu versuchen, unsere Beobachtungen zu reproduzieren. Da es sich (wie der Titel eines der Artikel sogar deutlich macht) um eine glückliche Zufallsbeobachtung handelte, fehlten uns leider die Ressourcen und Möglichkeiten für weitere Beobachtungen (mit ALMA).

Zu 2): Diese Möglichkeit (eines Instrumentenfehlers) haben wir selbst schon wirklich sorgfältig überprüft. Die Behauptung, es könnte sich um einen Effekt der nahen, hellen Sterne handeln, wurde bislang hauptsächlich von Kommentatoren gemacht, die selbst mit Interferometrie nur wenig Erfahrung haben. Denn es sind gerade solche helleren Quellen, die eine sehr viel genauere Kalibrierung ermöglichen.

Aber natürlich könnte es immer noch einen bislang noch gänzlich unbekannten Effekt geben. Aus zahlreichen unserer Anfragen an die ALMA-Kollegen geht aber hervor, dass bislang niemand eine derartige Erklärung finden konnte. Zahlreiche Projekte haben schon zuvor vergleichbar helle Quellen (mit ALMA) beobachtet und untersucht und noch nie wurde ein vergleichbarer Effekt beobachtet. Sollte es sich hierbei also um einen (bislang unbekannten) instrumentellen Effekt (des ALMA) handeln, so wäre auch das von großer Bedeutung für die (mit diesem Instrument und seinen Daten) arbeitende astronomische Gemeinschaft. Auch das war für uns ein Grund, weshalb wir uns für den Vorab-Upload entschieden hatten.

Zu 3): Eine Hintergrundaktivität ferner Galaxien hätte sicherlich zu zahlreichen Kritiken gezielt aus der Außer-Galaktischen-(Astro-)Community geführt. Derart variable Quelle, wie etwa Radioquasare, wären bereits zuvor in großer Anzahl bei Durchmusterungen im längerwelligen Spektrum entdeckt worden. Objekte innerhalb des Sonnensystems hingegen wären dafür zu schwach.

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Die ALMA-Beobachtungen vom März und April 2014 zeigen das noch unbekannte Objekt auf den O/O-Koordinaten.

Copyright/Quelle: Vlemmings et al.

GreWi: Neben der sachlichen Kritik gab es auch (wie ich, AM, persönlich finde) unverschämte Aussagen. So beschränkte sich etwa der Astronom Eric Mamajek von der University of Rochester (hauptsächlich über soziale Netzwerke) auf frotzelnde Bemerkungen und Witze und bat letztlich sogar darum, man möge ihm doch bitte verraten, “welches Zeug man in Onsala den rauche”. Wie gehen Sie damit um?

Vlemmings: Das möchte ich nicht kommentieren.

GreWi: Sie hatten zuvor schon gegenüber dem “Scientific American” erwähnt, dass die bislang konstruktivste Kritik jene war, wenn Kollegen angeboten haben, Ihre Beobachtungen durch eigene Untersuchungen überprüfen zu wollen. Können Sie uns mehr über die Angebote sagen? Was und wann dürfen wir hier erwarten und planen Sie und Ihre Kollegen auch selbst weitere eigene Beobachtungen?

Vlemmings: Da wir selbst dafür in absehbarer Zeit nicht die Ressourcen haben, überlasse ich dies anderen Kollegen. Möglicherweise werde ich an einigen dieser weiterführenden Beobachtungsprojekte beteiligt sein, aber alles das befindet sich derzeit noch in der Planung.

GreWi: Würden Sie mir abschließend noch sagen, was Sie selbst auf der Grundlage Ihrer eigenen Beobachtungsdaten für die wahrscheinlichsten der genannten Erklärungshypothesen für die beiden entdeckten Objekte halten?

Vlemmings: Für das als ‘Gna’ bezeichnete Objekt wäre meine beste Vermutung, dass es sich um einen relativ erdnahen Eiskörper in rund 20 Astronomischen Einheiten (AE = Abstand Erde-Sonne) Entfernung handelt, von denen man vermutet, dass es davon einige zigtausende Exemplare (im Sonnensystem) gibt. In diesem Fall hätten wir also dann das Glück gehabt, ein solches Objekt beobachtet zu haben.

Die andere Quelle ist hingegen deutlich ungewisser. Uns fehlt besonders hier noch eine dritte Beobachtung oder auch nur eine Nicht-Entdeckung, um weitere Einschränkungen (in der Charakterisierung des Objekts) vornehmen zu können. Auch hier könnte es sich (wie im Artikel erläutert) also um ein kleineres, vergleichsweise nahes Objekt, oder aber mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit auch um ein weit entferntes und dann größeres Objekt handeln. Hierzu sind weitere Beobachtungen notwendig.

GreWi: Professor Vlemmings, ich bedanke mich für Ihre Interessanten Antworten und Ausführungen.

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