Vorbild TCM: Lotwurz-Pflanze liefert aussichtsreichen Wirkstoff gegen Hautkrebs

Lesezeit: ca. 3 Minuten
Getrocknete Lotwurz „Onosma paniculata“. Copyright: Nadine Kretschmer

Getrocknete Lotwurz „Onosma paniculata“.
Copyright: Nadine Kretschmer

Graz (Österreich) – In der schon aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) für ihre Wirksamkeit gegen Krebs bekannten Lotwurz-Art “Onosma paniculata” haben Mediziner einen Wirkstoff identifiziert, den sie als aussichtsreichen Kandidaten im Kampf gegen schwarzen Hautkrebs bezeichnen.

Wie die Forschungsgruppe um Rudolf Bauer und vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften Nadine Kretschmer von der Medizinischen Universität Graz aktuell im Fachjournal „Molecules“ (DOI: 10.3390/molecules23112823) berichten, gelang ihnen der Nachweis der Wirksamkeit eines der vielversprechendsten Kandidaten für einen Wirkstoff gegen das Maligne Melanom, der bereits aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bekannt ist.

In einem vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierten, internationalen Projekt wurde der Wirkstoff an Krebszellen und an Mäusen erfolgreich getestet. Darüber hinaus gelang es, den Wirkstoff zu modifizieren und die Wirkung weiter zu verbessern.

„Ausgangspunkt war die Frage, welche Pflanzen in der TCM als Heilmittel gegen krebsähnliche Erkrankungen verwendet werden und ob sich daraus ein Wirkstoff gegen Krebs gewinnen lässt“, erklärt Kretschmer. „Die Definition des Begriffs Krebs variiert zwischen der TCM und der westlichen Medizin, deshalb waren alle Mittel interessant, die gegen Krebs, aber auch krebsähnliche Krankheiten verabreicht werden.“

In einem Pilotprojekt wurden eine Datenbank mit mehreren hundert potenziellen Pflanzen erstellt, davon 76 ausgewählt, aus getrockneten Proben 253 Extrakte hergestellt und an verschiedenen Krebszellen getestet. Dabei wurde mit „Onosma paniculata“ eine Art von Lotwurz identifiziert, die aussichtsreich genug für weitere Studien schien.

Hintergrund
Das sog. maligne Melanom, auch schwarzer Hautkrebs genannt, macht zwar nur vier Prozent aller Hautkrebserkrankungen aus, ist zugleich aber eine der gefährlichsten Krebsarten überhaupt und für fast 80 Prozent der Todesfälle durch Hautkrebs verantwortlich. Bei früher Erkennung lässt sich der Tumor gut behandeln, doch sobald der Krebs Metastasen gebildet hat, breitet er sich aggressiv aus und die Heilungschancen sinken rapide. Das liegt auch daran, dass es kaum langfristig effektive Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Aus der Pflanze extrahierten die Forscher eine Substanz namens β-β-Dimethylacrylshikonin und testeten diese direkt an Zellen von Malignen Melanomen. Das Ergebnis: Die Substanz zerstörte die Krebszellen. Die guten Ergebnisse ermunterten das Forschungsteam zu ersten In-vivo-Tests. Dabei wurden an Hautkrebs erkrankte Nacktmäuse mit dem Mittel behandelt, indem man es direkt in die Tumoren spritzte, um zu sehen, ob es Nebenwirkungen gibt.

„Auch das war erfolgreich, wir sahen keine Nebenwirkungen und die Tumoren veränderten sich und starben ab“, berichtet Forscherin. Dabei wurde sowohl Apoptose, also ein vom Körper induziertes, kontrolliertes Absterben der Zellen beobachtet, als auch Nekrose, also unkontrolliertes Absterben.

www.grenzwissenschaft-aktuell.de
+ HIER können Sie den täglichen kostenlosen GreWi-Newsletter bestellen +

Zudem konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Substanz so modifizieren, dass die Wirksamkeit noch verbessert werden konnte. Von mehreren versuchten Modifikationen zeigte sich ein bestimmtes Shikoninderivat als besonders wirkungsvoll.

Zwar eignen sich die Substanz theoretisch zur Entwicklung eines Medikaments, doch sei es, bis ein solches verfügbar ist, noch ein weiter Weg: „Dazu sind größere Studien nötig. Und auch die Art der Verabreichung ist noch offen.“ Allerdings seien dazu schon jetzt zwei Folgeprojekte geplant.

Kretschmer betont, dass die TCM nur die Inspiration zu dem neuen Wirkstoff war. Wie die Pflanze in der TCM genau wirkt, sei weiterhin nicht geklärt. „Es ist nicht klar, wie diese bei der traditionellen Anwendung in der TCM seine Wirkung entfaltet. In der TCM wird üblicherweise nicht nur eine einzelne Pflanze verwendet, meist geht es um eine Mischung, die auf verschiedene Arten zubereitet werden kann. Die Pflanzen werden meist als Tee zubereitet und längere Zeit zwei Mal ausgekocht. „Kochen wir unsere Pflanze auf diese Art aus, sehen wir die Antitumorwirkung im Zellkulturexperiment nicht. (…) Allerdings gibt es in der TCM auch eine Zubereitungsmethode mittels Öl, das dann auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen wird. Darin sind die wirksamen Shikonine in höherer Konzentration enthalten.“

Im Lauf des Projekts fand man außerdem eine Möglichkeit, die als TCM-Mittel verkauften Lotwurz-Arten auf ihre Identität zu testen. „Es gibt Wurzeln, die jener der von uns untersuchten Pflanze sehr ähnlichsehen und wir haben festgestellt, dass in China die Arten oft unter falschen Namen verkauft werden.“ Das ist problematisch, weil in manchen der verkauften Pflanzen Stoffe enthalten sind, die schädlich sein können. Kretschmer und das Forschungsteam fanden eine dünnschichtchromatografische Methode, mit der die Pflanzen unterschieden werden können, und die einfach genug ist, um etwa auch in Apotheken anwendbar zu sein.

WEITERE MELDUNGEN ZUM THEMA
Frauen profitieren von Selbsthilfe-Akupressur-App 5. März 2018
Synchronisierte Gehirne und weniger Schmerz durch Handhalten 1. März 2018
Studie belegt biologischen Effekt von Akupunktur 4. Juli 2017
Weiteres Akupunktur-Tattoo auf Eismumie “Ötzi” entdeckt 27. Januar 2015

Quelle: Uni Graz

© grenzwissenschaft-aktuell.de