Wandernde Glasaale orientieren sich am Neumond – aber wie?

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Europäische Glasaale. Copyright: Uwe Kils (via WikimediaCommons), CC BY-SA 3.0

Europäische Glasaale.
Copyright: Uwe Kils (via WikimediaCommons), CC BY-SA 3.0

Miami (USA) – Dass sich wandernde Tierarten bei ihrer Migration oder der allgemeinen Orientierung am Magnetfeld der Erde, an Himmelskörpern oder dem Licht der Milchstraße orientieren, ist bereits hinlänglich bekannt. In einer aktuellen Studie haben Wissenschaftler nun aber festgestellt, dass sich Glasaale, also die Europäische Aale (Anguilla anguilla) im Jugendstadium, bei ihren Wanderungen am Neumond und damit gerade an jener Mondphase orientieren, zu der der Mond gar nicht sichtbar ist. Wie den Tieren das gelingt ist weiterhin ein Rätsel.

Wie da Team um Alessandro Cresci von der Rosenstiel School of Marine and Atmospheric Science aktuell im Fachjournal „Royal Society Open Science“ (DOI: 10.1098/rsos.190812) berichtet, orientieren sich Europäische Glasaale – von denen bekannt ist, dass ihr gesamter Lebenszyklus immer wieder von Mond beeinflusst wird – bei ihrer mehr als 5.000 Kilometer langen Reise aus der atlantischen Sargassosee an die europäischen Küsten, neben vermutlich chemischen Reizen oder dem irdischen Magnetfeld auch am Stand des Mondes bzw. dessen Zyklen.

Für ihre Studie beobachteten die Forscher 203 das Verhalten der Glasaale während der vier Hauptmondphasen tagsüber in einem in der norwegischen Nordsee schwimmenden, transparenten Container (s. Abb. l.).

Der Beobachtungscontainer in der norwegischen Nordsee. Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

Der Beobachtungscontainer in der norwegischen Nordsee.
Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

Wie sich zeigte, richteten sich mit 86 Prozent die deutliche Mehrzahl der Fische dabei schwimmend am Azimut des Neumondes aus, wenn dieser über dem Horizont aufging – nicht aber während anderer Mondphasen. Erstaunlicherweise zeigten die Tiere dieses Verhalten jedoch nur bei Neumond und, wenn auch in einem geringeren Grad, während des ersten Viertels.

Schaubild zur Ausrichtung der Glasaale (Illu.). Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

Schaubild zur Ausrichtung der Glasaale (Illu.).
Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

„Die Ergebnisse legen nahe, dass Glasaale die Position des Neumondes zur Orientierung im Meer nutzen und dass hierbei aber kein visueller Erkennungsmechanismus genutzt wird“, berichten die Forscher.

Warum und vor allem wie diese Wahrnehmung jedoch gerade dann möglich ist, wenn der Mond im visuellen Spektrum eben nicht oder kaum sichtbar ist, stellt auch die Forscher um Crescis vor ein Rätsel. Sie vermuten jedoch, dass global wirkende und vom Mond verursachte Störungen elektrischer Felder eine Antwort darstellen könnten, wie sie von elektrosensitiven Tieren wahrgenommen werden können.

Tatsächlich ist bekannt, dass der Neumond (wenn der Mond tagsüber über dem Horizont steht) für elektrische Störungen auf der Erdoberfläche verantwortlich sei kann, wenn die Tagseite der Erde und der Sonnenwind den Mond beeinflussen.

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Bei Neumond entstehen so auf der Erdoberfläche regelrechte Mondschatten aus negativ geladenen Teilchen (siehe Diagramm: a). Während Vollmondes (b) blick der Mond sozusagen auf die Nachtseite der Erde (und steht nun nachts über dem Horizont). Seiner Umlaufbahn folgend, beeinflusst der Mond nun den Magnetschweif der Erde und erzeugt elektrische Störungen aus positiv geladenen Teilchen, die ebenfalls die Erdoberfläche erreichen.

Schaubild zu den elektrischen Auswirkungen der unterschiedlichen Mondphasen auf die Erdoberfläche (Illu.). Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

Schaubild zu den elektrischen Auswirkungen der unterschiedlichen Mondphasen auf die Erdoberfläche (Illu.).
Copyright/Quelle: A. Cresci et al., Royal Society Open Science, 2019

Weitere Untersuchungen sollen nun noch genauer zeigen, wie, wann und in welchen Situationen sich die Glasaale am Neumond orientieren und ob sie vielleicht eine Kombination aus dieser Mondausrichtung und Magnetsinn für ihre Wanderungen nutzen. So könnte der Mond etwa aus Ausrichtungsstimulus und magnetische Felder als Referenzkompass genutzt werden. Alternativ könnten die Tiere beide Systeme aber auch in Kombination derart nutzen, dass sie immer dann den internen und externen Kompass zur Aufrechterhaltung jenes Kurses verwenden, den sie in früheren Neumondphasen erlernt haben.

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Quelle: Royal Society Open Science

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